Universität Düsseldorf entzog der deutschen Bildungsministerin den Doktorgrad

Anette Schavan
Bundesministerin Anette Schavan auf der Katholikentagen in Mannheim 2012

Diese Nachricht erschüttert die Republik. Die Heinrich-Heine-Universtität in Düsseldorf hat am Dienstag (5. Februar) Annette Schavan (CDU) ihren Doktortitel aberkannt. Der zuständige Fakultätsrat habe im Plagiatsverfahren mit zwölf Stimmen für die Aberkennung gestimmt, teilte der Ratsvorsitzende, Professor Bruno Bleckmann, in einer Pressemitteilung mit. Zwei Mitglieder, so die Universität, stimmten dagegen, eines enthielt sich.

Das Kollegium habe es als erwiesen angesehen, „dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte“. Der Rat der Philosophischen Fakultät besteht aus 19 Mitglieder, von denen 15 stimmberechtigt sind. Das Gremium habe eine „vorsätzliche Täuschungsabsicht“ festgestellt, steht es in der Stellungnahme.

Ein Hauptverfahren gegen Professor Dr. Schavan (57) wurde vor zwei Wochen eröffnet. Die CDU Politikerin und enge Freundin von Bundeskanzlerin Angela Merkel will gegen die gestern verkündete Entscheidung gerichtlich vorgehen. Dies ließ Schavan laut Die Welt über ihre Anwälte mitteilen. „Die Entscheidung ist in einem fehlerhaften Verfahren zustande gekommen und sie ist auch materiell rechtswidrig“.

Ministerin ohne Studienabschluss
Die Promotion ist der einzige akademische Abschluss der Ministerin, die seit 2005 das Bundesministerium für Bildung und Forschung leitet. Somit bedeutet die Aberkennung des Doktorgrades für Schavan, dass sie jetzt ohne Studienabschluss da steht, denn sie hat ihr Studium per Promotion beendet. Absolut no go für eine Ministerin, die für Bildung und Forschung in Deutschland zuständig ist. Schavan würde diese Position auch nach der Bundestagswahl am 22. September gerne beibehalten. Wie Deutsche Presseagentur dpa meldet, will Schavan ihren Ministerinstuhl nicht räumen. Fraglich ist, ob sie den politischen Druck aus der eigenen Partei und der Opposition lange aushalten kann. Schavan sei als „Wissenschaftsministerin nicht mehr glaubwürdig“ und müsse ihre Konsequenzen ziehen, sagte Generalsekretärin der Sozialdemokraten (SPD) Andrea Nahles laut der Zeitung Tagesspiegel. Das Blatt zitiert auch Grünen-Fraktionschefin Renate Künast: „Ich gehe davon aus, dass Schavan sich und der Wissenschaft die Verlängerung dieser Affäre erspart und ihren Rücktritt erklärt“. Petra Sitte, bildungspolitische Sprecherin der Linkspartei meint in der Süddeutschen Zeitung: „Wer für Bildung und Forschung zuständig ist, wird immer eine Vorbildrolle einnehmen“.

Schavan schämte sich „nicht nur heimlich“ wegen des Plagiats von Guttenberg
Vor allem halten deutsche Medien der Noch-Ministerin ihre Aussage zu dem Ex-Kollegen und Koalitionspartner Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vor. Schavan sagte im Februar 2011 zu der Plagiatsvorwürfe gegen den damaligen Verteidigungsminister, sie schäme sich als Wissenschaftlerin „nicht nur heimlich“.

Im März 2011 hatte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in der Bild-Zeitung Schavan vorgeworfen „den eigenen Leuten in den Rücken zu fallen“: „Das war nicht solidarisch“, urteilte er. Als er von der Kritik aus der Schwesterpartei gehört habe „sei sein Blutdruck deutlich gestiegen“, so Seehofer. Guttenberg musste unter großem Druck das politische Parkett verlassen.

Ihre Dissertation zum Thema „Person und Gewissen“ hatte Annette Schavan 1980 eingereicht. Nach den Plagiatsvorwürfen, die seit Mai vergangenen Jahres im Raum stehen, gab sie bis jetzt nur Flüchtigkeitsfehler beim Verfassen ihrer Doktorarbeit zu.

Nicht zu vergleichen mit dem „Lügenbaron“
Der Fall „Karl-Theodor zu Guttenberg“ sei jedoch nicht zu vergleichen mit dem Fall Annette Schavan, so die Frankfurter Rundschau. Dem „Lügenbaron“, wie ihn viele Kommentatoren titulierten, wurden nicht nur wissenschaftliche Fehler vorgeworfen, er wurde als dreister Betrüger aus dem Amt gejagt, denn mehr als 90 Prozent seiner Arbeit stammen dem Netzwerk Guttenplag zufolge aus fremder Feder. Insofern hat seine Täuschung schon objektiv eine andere Qualität als die Schavans, der selbst viele Wissenschaftler bescheinigen, ihre Zitierfehler lägen unter der Sanktionsschwelle.

Im übrigen wird Guttenberg seine Plagiatsschatten nicht los. Im Januar wollte Ex-Verteidigungsminister am Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire über „transatlantische Wirtschafts- und Sicherheitsbeziehungen“ sprechen. Der International Business Council (IBC), ein Wirtschaftsnetzwerk, hatte den ehemaligen Star der Sozialchristen eingeladen. Doch viele Studenten wollten offenbar dem überführten Plagiator nicht zuhören und protestierten mit Erfolg mit einer Online-Petition. Guttenberg sagte darauf hin selbst „aus persönlichen Gründen“ seinen Vortrag ab. Die Hochschüler demonstrierten gegen Guttenberg unter den Verweis auf wissenschaftliche Standards: „Studenten, die dagegen verstoßen, können von Dartmouth ausgeschlossen werden“, argumentierten angehende Akademiker. Jemanden einzuladen, der in so eklatanter Weise gegen die Grundsätze verstoßen habe, sei inakzeptabel.“

Foto: Anette Schavan auf der Katholikentagen in Mannheim 2012 – © Aino Siebert

 

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
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