Estland 95: „Mein liebes Vaterland„ will nicht nur aus der Ferne gesungen sein

Freiheitskreuz in Tallin
Freiheitskreuz auf der Tallinner Freiheitsplatz (Vabaduse väljak)

Von Kaie Heilander, München

Beim 95. Jubiläum der Staatsgründung Estlands konnte man bei der estnischen Gemeinschaft in München am 24. Februar diesen Jahres eine interessante Entdeckung machen: Die junge Generation war zahlreich vertreten, während die sogenannten Exil-Esten, die durch die letzten Kriegswirren in das Bayernland gespült wurden, immer weniger werden. Auch hier tritt der Generationenwechsel unaufhaltsam in Erscheinung, wie an der munteren Studentenschar und den jungen Eltern mit ihren Kindern zu sehen war. Die Mentalität der urigen Bayern macht es den Esten auch nicht sonderlich schwer hier Fuß zu fassen, was vielleicht unter anderem auch an der gemeinsamen Neigung zum typischen „rollenden R“ der Aussprache liegen mag.

Zunehmend fremde Spracheinflüsse im Estnischen
Die estnische Sprachwissenschaftlerin und Doktorandin an der Ludwigs-Maximilans-Universität München, Nele Salveste, stellte in ihrem fundierten Festvortrag auch die Frage in den Raum, ob denn die Estnische Sprache in ihrem Fortbestand gefährdet sei, wenn zunehmend fremde Spracheinflüsse, nicht nur die weltweit-grassierenden Anglizismen, wirksam werden?

Estin-Puppe in Nationaltracht
Estin-Puppe in Nationaltracht

An der Sprache der Kinder lässt sich das besonders gut aufzeigen, weil sie eine Menge aus ihrem unmittelbaren Spielumfeld aufnehmen. Und dann hört man zum Beispiel mit Erstaunen die neu-estnische Wortkreation „rut’sima“, womit das Hinunter-rutschen von einer Spielplatz-Rutsche gemeint ist, obwohl es im Estnischen durchaus „liugu laskma“ für eben dieses „Rutschen“ gibt. Gelegentlich wird in spielerischer Verballhornung aus der „Strumpfhose“ eine „Sockenpüksen“ (estn. sukapüksid), was im ersten Moment irgendwie amüsant klingt, löst bei estnischen Eltern, bei näherem Hinhören, dann doch ein mehr oder minder leichtes Kopfschütteln aus. Und dabei beschleichen einen leise Zweifel, ob denn die Spracherziehung die gewünschten Früchte tragen wird? Andererseits wurde beispielsweise das deutsche Wort „Kamm“ hinsichtlich Bedeutung und Schreibweise eins-zu-eins in den estnischen Wortschatz übernommen und da gibt’s der Wörter sicherlich noch mehr und nicht nur zum „Haareausraufen“!

Derartige sprachliche Einfärbungen bzw. ihr Austausch sind Phänomene, die im europäischen Raum mit ihrer vielfältigen Sprachkultur immer wieder aufgetreten sind und damit eine reiche Lebendigkeit dokumentieren. Dass die Esten zuweilen den Erhalt ihrer Sprache mit Besorgnis sehen, liegt zum Teil an den bitteren Erfahrungen aus der estnischen Geschichte, aber auch daran, weil Estnisch für viel Eigenständigkeit und für ein Gefühl des Besonderen sorgt. Daraus speist sich ein wichtiges Kriterium für die estnische Identität und Nationalität und ganz besonders spürbar wird das für Esten, die außerhalb von Estland verstreut leben.

Republik Estland 2013 für viele Bürger nicht mehr attraktiv
An einem so geschichtsträchtigen Nationalfeiertag gehen deshalb auch die Gedanken zurück zu den Anfängen des befreiten Estland. Ob sich einstmals die Männer und Frauen um die späteren estnischen Präsidenten Konstantin Päts und Lennart Meri hätten vorstellen können, dass eine nicht gerade geringe Anzahl gut ausgebildeter junger Esten ihre Existenzgrundlage einmal im Ausland suchen werden?

Die Alten haben auch für die Jungen, ihren Kindern und Kindes-Kindern-, dabei Kopf und Kragen riskiert und so Unschätzbares zustande gebracht. Seit der Wiedererlangung der Souveränität Estlands ist eine Generation herangewachsen, die in Estland nicht nur überleben, sondern ihre Lebensgestaltung selbst in die eigenen Hände nehmen will. Es besteht sehr wohl ein gravierender Unterschied darin, ob Menschen in Hautnähe den gleichen Zungenschlag haben oder nicht. Das kann weder die modernen Kommunikationstechniken überbrücken noch die Besuche in der Heimat ersetzen. Deshalb ist es doch nicht verwunderlich, wenn die Esten bei ihren Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft anmahnen, für chancenreiche Lebensperspektiven zu sorgen, die einer Abwanderung ins Ausland überzeugend entgegenwirken.

Die deutsche Volksweise und der innige estnische Text des deutsch-baltischen Pastors Emil Georg Martin Körber im Heimatlied „Mu isamaa armas“ (Mein liebes Vaterland) will nicht nur aus der Ferne mit Sehnsucht gesungen sein.

Pastor Körber
Pastor Körber

Martin Körber (1817-1893) wurde auf dem Kirchengut Võnnu (Deutsch: Wendau, Landkreis Tartu, Deutsch: Dorpat) geboren. Er war ein deutsch-baltischer Dichter, Musiker und Heimatforscher. Sein Vater, Pastor Eduard Philipp Körber war den Esten, damals Leibeigene, freundschaftlich verbunden. Der Diener Gottes versuchte den Mitgliedern seiner Gemeinde eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Ferner war er interessiert an der estnischen Heimatgeschichte.Sein Sohn Martin beendete 1842 die Theologiefakultät der Tartuer Universität und war danach Theologielehrer in Kuressaare (Deutsch: Ahrensburg auf der Insel Saaremaa, Deutsch: Ösel), später als Pastor in dem Dorf Anseküla (Deutsch: Ansekül) tätig. Dort gründete er einen estnischen Chor, mit dem er auch weltliche Lieder aufführte. Am 21. Mai 1863 organisierte er gemeinsam auf der Halbinsel Sõrve (Deutsch: Sworbe) ein großes weltliches Sängerfest mit 60 Sängern und 500 Zuhörern. Es war eines der ersten Sängerfeste auf dem Gebiet des heutigen Estland. Martin Körber ist bestattet auf dem Friedhof von Dorf Kudjape in Kaarna bei Kuressaare. Neben seiner Chortätigkeit publizierte der Geistliche mehrere Gebets- und Heimatbücher. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass aus seinen Federn etwa 1000 Lieder stammen, darunter auch „Mu isamaa armas“ (Mein liebes Vaterland). Quelle: Eesti Kirjandusmuuseum

Langer Hermann mit estnischen Fahne auf dem Domberg in Tallinn - ein Symbol der Freiheit
Langer Hermann auf dem Domberg in Tallinn

Eesti Vabariik (Republik Estland)

1918
Am 24. Februar wird die Republik Estland ausgerufen. Vorerst bleibt dies ein Beschluss auf dem Papier. Die eigentliche Unabhängigkeit wird im Freiheitskrieg (1918-1920) erkämpft, die durch den Friedensvertrag mit dem sowjetischen Russland gekrönt wird.1918-1939

Der ersten unabhängigen Republik Estland gelingt es, mit allen bedeutenden Staaten offizielle Beziehungen aufzunehmen und sein Vorhandensein im Bewusstsein der Europäer zu festigen. Die Eigenstaatlichkeit wird durch den zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland im August 1939 geschlossenen Vertrag jäh beendet.

1939-1991
Nach der sowjetischen Okkupation im Jahre 1940 ist Estland von 1941-1944 Teil des Nazi-Imperiums. Im Herbst 1944 wird Estland von der Sowjetunion annektiert. Ein großer Teil der Bevölkerung geht ins Exil. Viele werden nach Sibirien deportiert; die Übrigen versuchen, sich der neuen Situation anzupassen.

1991
Nach der sogenannten singenden Revolution (Sommer 1988) gelingt es Estland, die staatliche Unabhängigkeit im August 1991 wiederzuerlangen.

2004
Seit dem 29. März ist Estland Mitglied der NATO und seit dem 1. Mai Mitglied der Europäischen Union.

Quelle: Botschaft der Republik Estland in Berlin

Staatsoberhaupt Toomas Hendrik Ilves
Staatsoberhaupt Toomas Hendrik Ilves

Landesfläche:
45.227 qkm

Bevölkerung:
Gesamtbevölkerung: 1.294.236, davon ethnische Esten: 68,7 Prozent weitere ethnische Gruppen: Russen 24,8 Prozent, Ukrainer 1,7 Prozent, Weißrussen 0,9 Prozent, Finnen 0,6 Prozent und andere 3,3 Prozent. Die Hauptstadt Tallinn (früher Reval) liegt auf Meereshöhe etwa auf dem Breitengrad von Stockholm, etwa 80 km südlich von Helsinki

Landessprachen:
Estnisch (einzige offizielle Sprache), Russisch (Verkehrssprache in Regionen, in denen die russischsprachige Bevölkerung dominiert, besonders im Nordosten)

Religionen/Kirchen:
Evangelisch-lutherisch und orthodox, beim nicht-estnischen Bevölkerungsteil dominiert russisch-orthodox

Nationalfeiertag:
24. Februar

Unabhängigkeit:
Unabhängigkeitserklärung 24.02.1918, nach sowjetischer Okkupation Erklärung zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit am 20.08.1991 (staatlicher Feiertag seit 1998)

Staatsoberhaupt:
Präsident der Republik Toomas Hendrik Ilves, Amtsantritt 09.10.2006, am 29.08.2011 vom Parlament für eine zweite fünfjährige Amtszeit wiedergewählt.

Regierungschef:
Ministerpräsident Andrus Ansip (liberale Reformpartei), Amtsantritt am 13. April 2005; nach den Wahlen vom 6. März 2011 erneut mit Bildung der Regierung beauftragt; diese trat am 6. April 2011 an

Regierung:
Koalition aus Reformpartei (wirtschaftsliberal) und IRL (nationalkonservativ)

Verwaltungsstruktur des Landes:
15 Landkreise, 193 Gemeinden, 33 Städte mit und 14 Städte ohne Selbstverwaltung

Bruttoinlandsprodukt (BIP)*:
15,9 Mrd EUR (2011); 14,5 Mrd. EUR (2010)

BIP pro Kopf:
11.916 EUR (2011); 10.821 EUR (2010)

Wachstumsrate BIP:
3,2 Prozent (2012); 7,6 Prozent (2011)

Inflationsrate:
3,9 Prozent (2012)

Währung:
Euro, seit dessen Einführung am 1. Januar 2011

Quelle: Auswärtiges Amt

Foto: Pastor Körber © Eesti Kirjandusmuuseum
Weitere Fotos: © Siebert

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