Berliner Klänge an Lettlands Küste

Erwartungsvoll sieht das Publikum zu, wie die Musiker ihre Instrumente stimmen. Spannung liegt in der Luft, als sie nach und nach zum Ende kommen. Dann kommt er herein, Applaus brandet auf: Andris Nelsons, grade erst zum musikalischen Direktor des Bostoner Symphonie-Orchesters ernannt, betritt vorfreudig das Dirigentenpult. Lächelnd verbeugt er sich nach allen Seiten, bevor dann auch schon die ersten Klänge der Ouvertüre von Wagners „Tannhäuser“ erklingen

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Bei besagtem Orchester handelt es sich um kein geringeres als die Berliner Philharmoniker. Doch nicht in der deutschen Hauptstadt, sondern im Subterrain der Humanistischen Fakultät der Universität Liepaja spielt sich diese Szene ab. An drei Abenden in Mai und Juni bietet die Universität ihren Studierenden ein ganz besonderes Highlight: Insgesamt neun Konzertmitschnitte des berühmten Orchesters können auf großer Leinwand und mit überraschend guter Tonqualität mitverfolgt werden. Beinahe wie in einem Kinosaal, nur dass statt Tarantino und co. Mozart, Tschaikowsky und Debussy auf dem Programm stehen. Für die Studierenden ist das ganze völlig kostenfrei. Möglich gemacht haben dies die Musikwissenschaftlerin Dace Bluke und ihre Studentin Sofija Kistenmahere sowie ein besonderer Online-Auftritt des Berliner Orchesters. Bluke, die ist seit 2002 als Dozentin für Kulturmanagement an der Universität Liepaja tätig ist, hatte letztes Jahr an einem Wettbewerb der Berliner Philharmoniker teilgenommen. Als Preis konnten Musiklehrerinnen und –lehrer ein Jahresabonnement der „Digital Concert Hall“ des Orchesters gewinnen. Dies ist ein Ende 2008 von dem Orchester ins Leben gerufenes Onlineportal, in dem Besuchern sämtliche seiner Konzerte als Livemitschnitte gegen Gebühr zur Verfügung stehen. Als besonders gelungen gelten die hohe Bildauflösung und Tonqualität der Aufzeichnungen. Besucher können zwischen drei Zugangsarten zum Portal wählen: Ob Zugriff auf das Archiv, Einzelticket für ein Konzert nach Wahl oder gleich das Jahresabonnement, die Möglichkeiten sind vielfältig.

Als Kistenmahere von dem Gewinn ihrer Dozentin erfuhr, wollte sie diese Chance nicht ungenutzt lassen. Ein Hintergedanke des Wettbewerbs war es nämlich auch, den Studierenden einen neuen Zugang zu klassischer Musik zu eröffnen. „Die Aufzeichnungen sind auf jeden Fall etwas Besonderes, da man nicht nur die Möglichkeit hat, die Konzerte von Weltklassemusikern in voller Länge zu hören, sondern auch, sie von nahem zu sehen. Das ist während eines normalen Konzertes nicht möglich,“ meint Kistenmahere. Da die angehende Kulturmanagerin außerdem auf der Suche nach einem Thema für ihr Studienprojekt war, ist sie es nun, die die musikalischen Videoabende organisiert. Ausgesucht hat sie vor allem Konzerte, die von dem Letten Andris Nelson dirigiert werden. Was die Begeisterung ihrer Kommilitonen für klassische Musik angeht, äußert sich die Einundzwanzigjährige jedoch skeptisch: „Ehrlich gesagt glaube ich, dass sich von ihnen nur ein kleiner Teil für diese Art von Musik interessiert. Ich bin aber sicher: Wenn sie kommen würden, würden sie es auch mögen.“ So bleibt nur zu hoffen, dass die lettischen Studierenden den Weg in den digitalen Konzertsaal finden werden, solange die Möglichkeit noch besteht – bis Berlin ist es schließlich ein weiter Weg.

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
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