Iran setzt im Atomstreit auf Dialog

Die fünf Vetomächte des UN-Sicherheitsrats und Deutschland haben sich mit Iran auf Gespräche über eine Lösung des Atomstreits verständigt. Nach einem ersten Treffen am Donnerstag in New York sollen die Beratungen Mitte Oktober fortgesetzt werden. Der Westen muss den Versöhnungskurs Teherans unbedingt erwidern, fordern Kommentatoren und warnen vor überhöhten Erwartungen an Irans Präsidenten Hassan Rohani

Die Außenminister Irans und der USA trafen sich in New York, obwohl es keine diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern gibt. | Foto: RIAN

Westen muss Chance auf Einigung nutzen

Der Westen darf die Chance auf eine Annäherung mit Iran nicht ungenutzt lassen, fordert die linksliberale Tageszeitung De Volkskrant (Niederlande):

Der neue Kurs Irans ist ein Beweis dafür, dass die Wirtschaftssanktionen des Westens ihr Ziel nicht verfehlt haben. Die iranische Währung hat die Hälfte an Wert verloren und der Ölexport ist dramatisch gesunken. Möglicherweise kamen die iranischen Führer tatsächlich zu dem Schluss, dass die Unzufriedenheit wegen der schlechten Wirtschaftslage eine größere Bedrohung für ihr Regime darstellt als die Aufgabe des Plans, eine Atombombe zu entwickeln.

… Der Westen muss nun die Gelegenheit nutzen und versuchen, eine Einigung zum iranischen Kernwaffenprogramm zu erzielen – zu der auch die Kontrolle gehört, dass die Zusagen eingehalten werden.

… Es kann noch alles schief gehen, aber eine diplomatische Regelung des Streits wäre ein Segen für den Nahen Osten, der bereits genug Gewalt ertragen muss.

 

Annäherung steht auf tönernen Füßen

Die Annäherung zwischen den USA und Iran steht noch auf ziemlich wackeligen Beinen, bemerkt die liberale Tageszeitung Kaleva (Finnland):

Obamas Bereitschaft zur Versöhnung resultiert aus der Tatsache, dass bereits deutlich mehr als die Hälfte seiner Präsidentschaft vorbei ist. Er hat erklärt, sich zum Ende seiner Amtszeit verstärkt für eine Lösung des Atomstreits mit Iran und für den Frieden im Nahen Osten einsetzen zu wollen. Sollte er erfolgreich sein, würde er in die Geschichte eingehen. Eine Versöhnung liegt jedoch noch in weiter Ferne. Die Kooperationsbereitschaft Irans kann über Nacht wieder in die alte kriegerische Rhetorik umschlagen. Die alten Kräfte sind dort noch immer stark.

… Obama wiederum sitzt der Kongress im Nacken, der von einem nachgiebigen Kurs gegenüber Iran nichts hält. Und auch der enge Verbündete der USA, Israel, ist besorgt über die Annäherung seines engen Verbündeten an den Erzfeind.

 

Historischer Handschlag noch nicht in Sicht

Vor überhöhten Erwartungen an den iranischen Präsidenten Hassan Rohani warnt die Regionalzeitung La Liberté (Schweiz):

Vor drei Wochen noch erwartete die Welt ängstlich einen ‚weiteren‘ Krieg in Syrien. Heute nährt der neue iranische Präsident die Hoffnung auf eine internationale Entspannung, an die man vor kurzem nicht zu denken wagte.

… Dennoch, für den Moment gilt: Es spricht nichts dafür, dass die Gewandtheit des iranischen Präsidenten ausreicht, um die Zeiten zu ändern. Rohani erinnert seltsam an die Anfänge von Mohammed Chatami. Der war ein Reformpräsident, hat aber nichts an dem Nuklearprogramm geändert, hinter dessen scheinbar zivilem Ziel sich nach Expertenmeinung noch immer der Ehrgeiz versteckt, in den Besitz einer Atomwaffe zu gelangen. Am Ende entscheidet in Iran nur das religiöse Oberhaupt. Von ihm allein hängt es ab, ob es tatsächlich eines Tages zu dem einen Handschlag kommt, der in die Geschichtsbücher eingeht.

 

Ein Dialog der Ausgelaugten

Die momentane Schwäche der USA bietet eine Chance auf eine Lösung des Atomstreits mit Iran, meint die linksliberale Tageszeitung Delo (Slowenien):

Nach den misslungenen militärischen Abenteuern der USA im Irak und in Afghanistan sowie der lauwarmen Reaktion auf den Arabischen Frühling ist das Ansehen der USA im Nahen Osten angeschlagen.

… Im Syrien-Konflikt haben die Drohungen des Weißen Hauses, im Falle des Überschreitens einer ‚roten Linie‘ einen Militärschlag gegen Syrien zu unternehmen, einiges an Gewicht verloren. Der Hauch von Versöhnung zwischen den USA und Iran ist somit weniger die Frucht eines ehrlichen Wunsches, das jahrelange Misstrauen zu überwinden, sondern eher die Folge der Schwäche beider Parteien, weil ihr zu großer Machthunger ihre Ressourcen stark angegriffen hat.

 

 

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
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