Reisetipp: Radtour durch das Baltikum

Das Baltikum mit dem Rad zu erkunden, liegt im Trend: Immer mehr Deutsche entdecken diese Art von nordischem Aktivurlaub für sich und treten in die Pedale

Schließlich liegen die Vorteile auf der Hand: Radfahren ist gesund, günstig und bringt den Sportler der Natur näher als jedes andere Fortbewegungsmittel. Hinzukommt, dass es sich bei Litauen, Lettland und Estland um insgesamt eher flache Staaten handelt – der höchste Berg, der estnische Munamägi, misst gerade einmal 318m. Darüber hinaus findet man auf einem relativ kleinen Gebiet, das flächenmäßig etwa der Hälfte Deutschlands entspricht, drei völlig unterschiedliche Kulturen, die es zu entdecken gilt. Die langen Sommertage des Baltikums bieten genügend Zeit dafür. Auch was das Klima betrifft gibt sich das Baltikum mit seinen gemäßigten Temperaturen und geringen Niederschlagsmengen radfahrerfreundlich.

Um all diese Pluspunkte weiß auch die Tourismusindustrie und versucht, sie zu ihrem Vorteil zu nutzen: Diverse Reiseveranstalter bieten bereits geführte Radtouren im Baltikum an oder unterstützen Freizeitsportler bei der Planung einer individuellen Tour.

Dagmar Kimmel vom Reiseveranstalter Wikinger Reisen berichtet vom wachsenden Interesse der Urlauber an der Region:

„Aktuell haben wir drei verschiedene Baltikum-Reisen in unserem Rad-Programm für 2015, davon zwei neue, die erst in diesem Jahr ins Programm aufgenommen wurden. Wir hatten insbesondere in 2012 eine sehr große Steigerung bei unserer großen Baltikum-Rundreise mit dem Rad. Diese Reise geht durch alle drei baltischen Länder mit einem Aufenthalt von insgesamt 15 Tagen. Mit der Nachfrage, vor allem im Hinblick auf die letzten Jahre, sind wir sehr zufrieden.“

Auch das Netzwerk BaltiCCycle, ein Zusammenschluss mehrerer Fahrradorganisationen aus allen baltischen Staaten mit Sitz in Vilnius, unterstützt Fahrradreisende bei der Organisation ihrer Tour. Besucher können den Website-Betreibern praktische Fragen rund um das Radfahren stellen, Routenvorschläge ansehen oder Tipps für die nächste Tour austauschen. Unter den am häufigsten gestellten Fragen finden sich die nach geeignetem Kartenmaterial und Anlaufstellen für den Fahrradverleih, weiß Frank Wurft, einer der Betreiber. Auch nach den verschiedenen Währungen wird oft gefragt. Nachdem Lettland zum kommenden Jahr den Euro eingeführt haben wird, dürfte dies jedoch weniger problematisch sein. Nur Litauen wird dann noch seine eigene Währung, den Litas, führen.

Auf die Frage, ob das Interesse an solchen Reisen in den letzten Jahren gewachsen sei, antwortet Wurft:

„Es entwickeln sich verschiedene Segmente und es schwankt ein bisschen. Einige Jahre waren Reisen in nur einem oder zwei Ländern recht populär, jetzt kommt wieder die klassische „Baltikum-Rundreise“. Außerdem gibt es mehr Leute, die nur in EIN Land fahren.“

Statistische Daten, die eine Zunahme der Radtouristen belegen, gibt es zwar nicht; jedoch haben sich wohl gerade nach dem EU-Beitritt Estlands, Lettlands und Litauens im Jahr 2004 viele auf den Weg gemacht, um die Länder zu erkunden.

Wurft findet jedoch, dass das Baltikum, insbesondere Litauen, durch gezieltere Eigenwerbung mehr potentielle Touristen auf sich aufmerksam machen könnte – eine Aspekt, der gerade angesichts der sich eben erst erholenden Wirtschaftslage durchaus durchdacht werden könnte.

Wessen Interesse an einer Radtour nun geweckt ist, dem empfiehlt der ADFC die Zeit von Juni bis Mitte September für den Aufbruch. Wer früh genug fährt, hat die Chance, an einer der traditionellen Feiern zur Sommersonnenwende teilzunehmen (in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni). Ende September fällt die Temperatur dann rasch ab, die Niederschlagsmenge nimmt zu und der lange Winter beginnt. Die Anreise mit Fahrrad im Gepäck erfolgt wohl am einfachsten per Schiff: Sowohl Klaipeda, als auch Liepaja, Ventspils und Riga werden regelmäßig von Fähren aus Lübeck, Travemünde und Kiel angefahren. Wer direkt mit dem Rad kommen will, kann auch an drei Grenzübergängen von Polen nach Litauen fahren. Ebenfalls möglich, wenn auch umständlicher, ist der Fahrradtransport von Polen aus im Nachtbus Warschau-Riga über Vilnius, der Fahrräder jedoch nur in verpackter oder zerlegter Form transportiert. Wem all dies zu kompliziert ist, kann auch bei Reiseveranstaltern im Baltikum selbst Fahrräder leihen.

Einziger Wermutstropfen einer solchen Unternehmung sind wohl die Straßen vor Ort, deren Zustand teilweise zu wünschen übrig lässt. Jedoch finden auf einigen wichtigen Strecken, wie etwa der vielbefahrene Route zwischen Liepaja und Riga, derzeit Aufbesserungsarbeiten statt. Da auf den von Radfahrern genutzten Straßen oft auch viel PKW- und Schwerverkehr herrscht, empfiehlt der ADFC, sich einen Rückspiegel am Lenker zu installieren. Doch nicht immer hilft das:

„Dieses Jahr gab es einige schwere Unfälle – auch mit Touristen – auf der Hauptstraße „Via Baltica““, erinnert sich Wurft.

Was die Unterkunft betrifft ist zu bedenken, dass sich das Jugendherbergswesen im Baltikum erst im Aufbau befindet. Wohngegen man in den Hauptstädten in dieser Hinsicht wohl gut bedient ist, lohnt es sich gerade auf dem Land, nach Privatzimmern oder Zeltplätzen Ausschau zu halten. Auch kann bei ortsansässigen Bauern angefragt werden, ob auf deren Grund gezeltet werden darf. Nachzufragen ist sehr wichtig, weiß auch Frank Wurft:

„Es gibt die fälschlich verbreitete Meinung, in den baltischen Staaten gäbe es das „Jedermannsrecht“ und man könne auf öffentlichen Grund einfach so campen. Das stimmt so nicht und mitunter gab es auch Ausschreitungen gegen Ausländer.“

 

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Für mehr Informationen:

Balticcycle
ADFC

Ruth Karner
Ruth Karner ist Autorin der Baltischen Rundschau