60 Jahre Wohnsiedlung München-Ludwigsfeld

Wohnblocks in der Opalstraße
Wohnblocks in der Opalstraße

Von Tauno M. Lang, München

Wer sich heute auf den Weg macht, um über Moosach in den Münchner Norden zu kommen, wird keine sichtbaren Zeichen mehr davon finden, welch unermesslich menschliches Leid während des NS-Terrorregimes mit Ludwigsfeld verbunden war – seit 1943 hat sich auch das berüchtigte Außenlager Allach des Konzentrationslagers Dachau an diesem Schreckensort bis zum Kriegsende befunden. Es wurde für die kriegswichtige Industrie aus dem Boden gestampft, um die Arbeitskraft von KZ-Häftlingen, Zwangs- und Fremdarbeitern sowie Kriegsgefangenen, insbesondere für die BMW Flugmotoren Gesellschaft m.b.H. als exponierten Luftrüstungsbetrieb, einzusetzen bzw. rücksichtslos auszubeuten. Zeitweise waren mehr als 20.000 Häftlinge in den Baracken auf engstem Raum elend zusammengepfercht.

Erst als die alliierten amerikanischen Militärtruppen von Dachau aus weiter gen Süden Ende April 1945 vorstießen, waren sie in Ludwigsfeld erneut mit dem Bild des unfassbaren Grauens konfrontiert, ehe sie anfangen konnten, die vollends ausgemergelten Lagerinsassen zu befreien.

Der kulturhistorische Verein Feldmoching und allen voran „Kugel – die Kulturgemeinschaft Ludwigsfeld“ haben zusammen mit der Initiative „Gegen Vergessen – für Demokratie e.V.“ die Ausstellung „60 Jahre Ludwigsfeld“ konzipiert, um das leidliche, aber nicht minder interessante Kapitel aus der Geschichte Münchens als der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ zur heutigen „Weltstadt mit Herz(rhythmusstörung)“ nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Für die meisten Stadtbewohner liegt es heute jenseits jeglicher Vorstellung.

München war zur sog. historischen „Stunde Null“ durch die alliierten Bombenangriffe nahezu in Schutt und Asche gelegt und so konnte man beispielsweise vom Hauptbahnhof aus in das entfernte Künstlerviertel Schwabing schauen. Zerstörung weit und breit, wohin das Auge reichte. Der totale Zusammenbruch hat bei den Verantwortlichen ernsthafte Überlegungen hervorgerufen, die Stadt mitsamt seinen Bauruinen als ewiges Mahnmal menschlichen Irrsinns stehen zu lassen und München am Starnberger See wieder neu aufzubauen. Diese idealistischen Gedanken sind aber nicht in die Tat umgesetzt worden, weil trotz aller Zerstörung die Infrastruktur unter der Stadt noch intakt geblieben war. So kurz ist zuweilen die Ewigkeit.

Prozession von der Holzkirche zum Bauplatz in der Achatstraße
Prozession von der Holzkirche zum Bauplatz in der Achatstraße

Aber wie sollten die Überlebenden des KZ-Areals von Ludwigsfeld in den Nachkriegswirren wieder sicheren Boden unter die Füße bekommen? Zunächst gar nicht, denn die amerikanische Militärregierung verfügte, dass das „menschliche Strandgut“ wegen der Wohnungsnot und der Angst vor Seuchengefahr im Lager verbleiben musste. Von der sog. Zwangsrepatriierung nach dem Jalta-Abkommen von 1945 waren insbesondere die Angehörigen bei Rückkehr in ihre Heimatländer der Sowjetunion bedroht. Diktator Stalin betrachtete selbst die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter als Kollaborateure und das bedeutete die Deportation in die Arbeitslager nach Sibirien oder unmittelbar die Verurteilung zum Tode. Auch der Weg zur Auswanderung in die USA, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, war mit großen Hürden und Schikanen gepflastert. Woher allein 1000 US-Dollar für die Kaution pro Person hernehmen?

Eine soziale Katastrophe bahnte sich an und deshalb reiften nach Unterzeichnung des Marschall-Plans und Einführung der Währungsreform auch Pläne für die „Wohnsiedlung Ludwigsfeld“ heran, was im unterkühlten Amtsdeutsch „zur Unterbringung kasernenverdrängter heimatloser Ausländer auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers des KZ-Außenlagers Dachau-Allach als Ersatzwohnbauten für DPs (Displaced Persons) in München-Ludwigsfeld“ formuliert wurde. Die nackten Zahlen dokumentieren, dass die 690 Wohnungen 1952 fertig gestellt und dann bis zum Frühjahr 1953 mit 1988 Erwachsenen und 920 Kindern belegt waren. Zur Siedlung zählten u.a. auch Volksschule, Ladengeschäfte, Ärzte und Polizeistation, aber damit wäre der „Ludwigsfelder Kosmos“ nicht wirklich beschrieben.

Der Begriff „Multi-Kulti“ war damals noch nicht geboren, aber Menschen aus 22 Nationen (Armenier, Belorussen, Bulgaren, Esten, Georgier, Karatschaier, Kirkisen, Kalmücken, Letten, Litauer, Osseten, Polen, Rumänen, Russen, Serben, Tartaren, Ukrainer, Usbeken, Ungarn…) lebten als einzigartiges Völkergemisch Tür an Tür mit heimatvertriebenen und geflüchteten Deutschen aus dem Banat, der Batschka, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Siebenbürgen, dem Sudetenland und von der Wolga.

Eine besondere Art der Ökumene ist von den Ludwigsfeldern vor Ort mit ihren verschiedenen Glaubensgemeinschaften (Buddisten, Christen mit orthodoxem und nichtorthodoxem Ritus, Juden, Muslime, Zeugen Jehovas) von Anfang an praktiziert und mit religiösen Leben gefüllt worden. Ob einfache Holzkirche mit kleinem Turm, wie die russisch-orthodoxe Kirche des Hl. Erzengels Michael (1963 Grundsteinlegung der neuen Kirche) oder schlichte Behelfsbauten (kath. St.-Johann-Nepomuk-Kirche), sie alle dienten den Gemeinden als Gottesdiensträume. So ist die ehemalige evangelische Golgathakirche (später Kirche der georgisch-orthodoxen Gemeinde) aus einer sog. Bartning-Notkirche des Stammlagers Dachau zusammengezimmert und die Glocke von 1792 im Dachreiter ist einstmals auf unbekannte Weise von Breslau nach Ludwigsfeld „geflüchtet“. Aber ein besonders Ereignis war für alle Ludwigsfelder, als der Dalai Lama 1973 den buddistischen Tempel der Kalmücken in der Rubinstraße besucht hat, die als westmongolischer Stamm vor Kriegsausbruch am Unterlauf der Wolga ansässig waren.

Einzug in der Smaragdstraße im Winter 1952/53
Einzug in der Smaragdstraße im Winter 1952/53

Ein Kuriosum, seit Anbeginn der Wohnsiedlung, war in der angrenzenden DP-Barackenstadt, neben der Baracke 21 (Schule), die sog. „Kirchen-Baracke“ (Nr. 22). Friedlich unter einem Dach hatten hier Wand an Wand die ukrainisch-orthodoxe Kirche, die evangelisch-lutherische Kirche, ein tibetisch-buddistischer Tempel und ein muslimischer Gebetsraum als Moschee eine erste Bleibe gefunden und das ist sie mehr als zehn Jahre auch geblieben. Der Blick aufs Wesentliche im Leben hatte die Menschen auch in ihrer seelischen Not zusammen geschweißt.

Die Künstler haben mit ihren Kunstwerken in der Ludwigsfelder Wohnsiedlung unaufdringlich versucht, den vielen Menschen eine ermutigende Perspektive zu geben. Etwa die Naturstein-Stehle von Elmar Dietz, auf der das Goethe-Wort „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser“ und das Echo-Lied „Wie lieblich schallt durch Busch und Wald des Waldhorns süßer Klang“ von Friedrich Silcher eingemeißelt sind. Max Lachners tiefgründige Motive der Erkerbemalung in der Achatstraße sind als Allegorien zu verstehen, wenn der „Fuchs mit der Gans tanzt, anstatt sie zu fressen“. Professor Henselmann hat sich bewusst etwas gedacht, als er eben kein Streitroß, sondern einen Esel aus Bronze für die Kinder gegossen hat, denn auf dem Rücken des geduldigen Lastentieres kommt der Mensch auch im unwegsamen Gelände zurecht.

Für die Jüngeren ist Ludwigsfeld Heimat geworden, für die älteren Bewohner ein Zufluchtsort, bestenfalls ein Zuhause, denn von Heimat wissen besonders jene zu erzählen, die sie verloren haben. Unterschiedlichste Ethnien und Mentalitäten mit ihrer Geschichte in einer fast dörflichen Gemeinschaft haben im Laufe widriger Zeiten dennoch Identitäten geschaffen und Integration ohne viel Aufhebens gelingen lassen. Das ist die Intention der Ausstellungsmacher, die einzigartige Geschichte der Ludwigsfelder wieder bildhaft vor Augen zu führen und ihr ein Gesicht zu geben. Etwa an den Kaukasier Ibrahim Gacaoglu zu erinnern, der dank glücklicher Fügung in den Nachkriegstagen seine Soldaten vor der „Lienzer Kosakentragödie“ bewahren und damit ihr Leben retten konnte. Einer der späteren Wegbereiter der Muslime in München.

Grundsteinlegung durch die russisch-othodoxen Geistlichkeit
Grundsteinlegung durch die russisch-othodoxen Geistlichkeit

Die Wohnsiedlung Ludwigsfeld ist in München auch mit ihren funkelnd anmutenden und wohlklingenden Straßennamen keine Edelstein-Siedlung, sondern eher „ungeliebtes Glasscherbenviertel“. Das hat die schützenswerte Bewohnerstruktur dann auch in der Folgezeit zu spüren bekommen, nachdem die Wohnungen samt und sonders 2007 im Zuge einer Privatisierungsaktion vom ehemaligen Eigentümer, der Bundesvermögensverwaltung, an die gewerblich tätige Patrizia AG veräußert wurden. Selbst noch heute werden nach den bitter gemachten Erfahrungen Fragen laut, dass es für die Stadt München geradezu ein Gebot der Stunde gewesen wäre, erfolgreich dafür Sorge zu tragen, damit dieser Deal nicht zustande kommt. Es war abzusehen, dass der Erwerber keine gemeinwohlorientierten oder gar hehren caritativen Ziele verfolgen wird. Aber damit nicht genug, denn die Dinge haben sich in diesem Jahr mit dem Verkauf von rund 32.000 GBW-Wohnungen an die Patrizia AG erneut im Freistaat Bayern wiederholt. Hat das etwa Methode oder ist der Gedanke zu weit hergeholt?

Es reicht zur Existenzsicherung nicht aus, lediglich ein Dach über dem Kopf zu haben, es muß auch bezahlbar sein und bleiben, wenn nach wie vor „Leben und leben lassen“ Gültigkeit hat. Das ist bei den Ludwigsfeldern immer im Bewußsein geblieben, denn wer den brutalen NS-Terror selbst als abgestempelter Untermensch überlebt hat, weil er mit dem nackten Leben davon gekommen ist, muß die Sinnhaftigkeit von Toleranz nicht durchbuchstabieren, sondern kann sie ganz selbstverständlich an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Das könnte auch als Fingerzeig verstanden werden, warum schon seit über 60 Jahren eine multikulturelle Gemeinschaft innerhalb der Stadtgrenzen beheimatet ist. Und was heißt das für eine sich zusehends globalisierende Stadtgesellschaft? Sich ein Herz fassen und den reichen Erfahrungsschatz der Ludwigsfelder heben! Das würde München doch gut zu Gesicht stehen.

Tauno M. Lang
Fotos: Privatarchiv E. Repnikov

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