Der deutsch-jüdische Cellist und Komponist Don Jaffé im Interview

Don Jaffé
Don Jaffé

Die Lebensgeschichte des in Bremen lebenden Cellisten und Komponisten Don Jaffé liest sich wie ein Teilkapitel der jüngeren europäischen Geschichte: Auf der Flucht vor dem Holocaust gelangt er nach Sibirien, erlebt die Repressalien unter Stalin, schafft es der Sowjetunion zu entfliehen und gelangt nach Israel, wo er als Soldat im Jom-Kippur-Krieg kämpft. Schließlich wandert er im Jahre 1974 nach Deutschland aus, lebt und arbeitet seitdem in Bremen. Er ist Cellist des Philharmonischen Staatsorchesters, lehrt an der Hochschule für Künste. Am 24. Januar 2013 wurde Dom Jaffé 80 Jahre alt, blickt auf ein bewegendes Leben zurück.

Herr Jaffé, Sie sind in Riga geboren, mussten die Stadt aber bereits als Kind vor der herannahenden
deutschen Wehrmacht verlassen.

Da meine Eltern von den Gräueltaten wussten, traten wir die Flucht an. Alle Verwandten, die geblieben sind, insgesamt 66 Personen, wurden in Lettland und Litauen umgebracht. Dem Schicksal meiner Mutter widme ich das Duo „Durch die Zeit“ für Cello und Orgel. Bis zur Grenze zu Russland bei Pskow sind wir ca. 250 Km zu Fuß, schon unter Bombardement, gegangen, und das mit drei kleinen Kindern, zwei, vier und acht Jahre alt. Hinter der Grenze konnten wir im Zug weiterfahren, zuerst blieben wir bis Ende des Sommers im Dorf Danilowo, von dort ging es zur Afghanischen Grenze ins Dorf Karschi. Der Plan war, über Afghanistan nach Palästina zu gelangen. Da das Vorhaben misslang, was Repressalien nach sich ziehen würde, um unsere Spuren zu verwischen, sind wir nach Sibirien, Nowosibirsk gezogen, haben zuerst in der Krasnojarskaja Str. 125, danach Sibrewkom Str. 16 gewohnt.

Wie haben Sie die Zeit in Sibirien erlebt?
Nur als schrecklich. Kälte, Hunger, Tod der Flüchtlinge durch ansteckende Krankheiten, Feindschaft zu Fremdlingen, die insbesondere zu den Juden, die als Verursacher des Krieges und allgemeiner Misere beschuldigt und tätlich angegriffen wurden. Ich wurde fast täglich blutig geschlagen. Da wir Kinder dadurch lebensgefährlich geschwächt waren, ergab sich die Möglichkeit nach Süden, Tadschikistan-Stalinabad, heute Duschanbé, zu ziehen.

Und was geschah nach dem Krieg?
Wir sind im Oktober 1944 nach Riga zurückgekehrt. Dort herrschte schon die Stalin-Diktatur. Jede nicht regimekonforme Unvorsichtigkeit und Aussage zog die Todesstrafe nach sich, Kinder wurden von den Eltern getrennt und in Kinderheime gesteckt. „Bestenfalls“ kam man ins Gulag, das nur sowohl physisch als psychisch Starke überlebten.

Nach dem Krieg haben Sie angefangen Cello zu spielen, wie sind Sie zu Musik gekommen?
Es ist kein Verdienst, dass ich Gaben habe. In der Schule war ich in allen Fächern gut ohne Hausaufgaben zu machen. Mit 14 Jahren habe ich angefangen Cello zu spielen, ohne zuvor zu wissen, was überhaupt ein Cello ist. Ich besuchte die Musikschule für besonders Begabte, die ich in vier statt zehn Jahren absolviert habe, sonst wäre ich altersgemäß für viele Jahre in die Armee eingezogen worden. Gleichzeitig habe ich angefangen, im Rigaer Opernorchester als Cellist zu arbeiten.

Wann und warum haben Sie sich dazu entschlossen, die Sowjetunion zu verlassen?
Im Alter von 20 Jahren habe ich verstanden, dass ich ein Sklave bin, ein sowjetischer Sklave, wie die gesamte Bevölkerung. Was bedeutet das? Sklave ist der, der zu Allem gegen seinen Willen gezwungen wird, eingesperrt im Lande ist, ohne Möglichkeit, es zu verlassen.

Wie haben Sie es geschafft?
Die Vorgeschichte: Ungefähr 30 „verrückte“ Juden haben in Moskau die Parteizentrale besetzt, und sind in einen Hungerstreik getreten, bis sie die Sowjetunion verlassen dürfen. Ausländische Medien wurden darüber informiert, die machten das weltweit bekannt. Zu der Zeit war die Beziehung Sowjetunion – USA so gespannt, dass in jedem Moment ein Krieg, sogar Atomkrieg, ausbrechen konnte. Als die Sowjets sich erkundigten, wie sie die Lage entschärfen und die Beziehungen verbessern können, stellte Amerika die Bedingung, ausreisewillige Juden herauszulassen. Als ich davon erfuhr, verstand ich: Jetzt oder nie, und habe die Ausreise meiner Familie , meiner Frau und zwei Kindern , beantragt, was positiv beschieden wurde.

Wie erlebten Sie den Moment, als Sie es geschafft hatten, die Sowjetunion zu verlassen?
Als ich unterwegs nach Israel im Aeroflot Flugzeug von Moskau nach Wien saß, wusste ich , da ich ab jetzt laut dem Sowjetregime offiziell Volksverräter war, meine Heimat nie wiedersehen werde. Obwohl ungläubig, fragte ich Gott: „Warum hast Du mir das Leben in der Sowjetunion beschert? Seine Antwort: „Menschen, die in Freiheit geboren wurden, werden es nie schätzen wie Du.“ Bei dieser Erinnerung bin ich stets den Tränen nahe. Das ganze habe ich in meiner Kammersinfonie „Exodus 1971“, auch als Mahnung, verarbeitet.

Von Wien ging es weiter nach Israel. Was haben Sie dort erlebt?
Fantastisches! Ich habe im Radio-Orchester Jerusalem gearbeitet, bin als Kammermusiker und Solist aufgetreten, habe in der Rubin-Akademie unterrichtet, die höchste Einstufung – ALEF ++ bekommen, die angeblich bis heute nicht mehr vergeben worden ist.

Warum haben Sie dann nach 3 Jahren Israel verlassen?
Hauptgrund: Ich habe verstanden, dass dort auf die Dauer Frieden unmöglich ist, meine Kinder werden die nächsten Soldaten sein, wie ich es war. Im Yom-Kipur Krieg, als ich einberufen wurde, habe ich mich freiwillig als Panzerfahrer angeboten, ohne zuvor zu wissen, wie ein Panzer von innen aussieht. In kurzer Zeit habe ich es gelernt.

Warum sind Sie nach Deutschland ausgewandert?
Warum? Ins Land der Täter? Die Taten wurden nicht alleine von Deutschen begangen, fast ganz Europa hat mitgemacht. Also, wohin? Amerika – für mich fremd. Da meine Eltern durch ihre Ausbildung, der Vater an der Universität in Berlin, die Mutter an der deutschen Kommerzschule in Riga, zu deutschem Kulturkreis gehörten, war ich als deren Nachkomme einbürgerungsberechtigt. So kam ich 1974 nach Deutschland.

Wo haben Sie dort gelebt?
Zuerst ein Jahr in Berlin, dort war ich Solocellist beim Symphonieorchester. Da ich in der Enklave nicht bleiben wollte, habe ich nicht mal eigene Wohnung gehabt, wohnte im Notaufnahmelager Marienfelde.

Wie hat es Sie nach Bremen verschlagen?
Meine deutsche Schwägerin, wohlwissend, dass ich wegen der Lage nicht in Berlin bleiben wollte, obwohl meine Eltern und Geschwister dort lebten, hat für mich Bewerbungen geschrieben, auf die ich auch Einladungen bekam. Nach erfolgreichem Probespiel in Bremen habe ich die Stelle bekommen. Ich habe mich hier gut eingelebt.

In Ihrer Musik verarbeiten Sie Ihre persönliche, bewegende Lebensgeschichte. Wie ist es zu verstehen?
Warum? Meine Kompositionen sind stets thematisch, oft den Shoah-Opfern gewidmet. Es ist meine historische Mission, das „Nie wieder“ und „Erinnern für die Zukunft“ aus jüdischer Sicht zu bearbeiten, der Versuch darauf hinzuweisen, dass nicht nur das „Gestern, sondern auch das noch das „Heute“ durch die verbliebenen Zeitzeugen bereichert werden kann, was leider vernachlässigt wird. Das „Erinnern“ findet als Kult ohne jüdische Beteiligung statt.

Gehört für Sie also die Erinnerung an die europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts mit zu Ihrer
Lebensaufgabe ?

Unbedingt ! Mahnen und warnen! Weder meine, noch Kinder überhaupt sollen in Diktaturen leben, Schicksale wie das meine und von Abermillionen haben. Was hat die Menschheit aus der Geschichte
gelernt? Es gibt weiter und wieder Nazis, Kommunisten, Islamisten, die Zuspruch, Zulauf und Unterstützer haben. Dagegen ist meine Cello-Sonate „Shoah“, das Duo „Die letzten Tage“, die Kammersinfonie „Anni horribili“, die Sinfonie „Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ nach Goya, Caprice 43, und andere Werke.

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion

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