Eine Estin in Paris

Laine Mägi (Anne)
Laine Mägi (Anne)

Von Tauno M. Lang, München

Liebesfilme beginnen gewöhnlich nicht mit dem Tod und dennoch ist es ein Liebesfilm, ein ganz besonderer sogar: „Une Estonienne à Paris“ (deutsch: „Eine Dame in Paris“, estnisch „Eestlanna Pariisis“) aus 2012, unter der Regie von dem Esten Ilmar Raag, der jetzt auch in den deutschen Kinos angekommen ist.

Anne, gespielt von der Estin Laine Mägi, hat ihre an Demenz erkrankte alte Mutter bis zum letzten Atemzug zuhause mit Hingabe liebevoll gepflegt. Und nun? Ihre Ehe ist bereits vor Jahren zerbrochen, die großgezogenen Kinder gehen eigene Wege und sie selbst steht jetzt ohne Perspektive als 50-Jährige mutterseelenallein in ihrer winter-kalten nordischen Heimat. So kehrt sie Estland den Rücken, denn es gibt dort nichts mehr, was sie noch zurückhalten könnte. Beflügelt durch das Chanson „Si tu t’appelles mélancolie“ von Joe Dassin und mit Jungmädchen-Träumen im Gepäck macht Anne sich sehnsuchtsvoll auf nach Paris, in die romantisch verklärte Stadt der Liebe.

Die Realität holt Anne aber schnell ein, denn ihre Aufgabe, eine betuchte Witwe bei Jahren zu pflegen, sprengt selbst ihre Vorstellungskraft als Krankenschwester. Die Grand Dame des französischen Kinos, Jeanne Moreau, spielt diese exzentrische Frida derartig authentisch mit allen Sonnen- und Schattenseiten, dass einem nicht nur die sprichwörtliche Spucke wegbleibt.

Sie wurde einst durch Stalins brutalen Überfall auf Estland zur Pariser Immigrantin und musste ihre Heimat hinter sich lassen. Später in jungen Jahren war sie kein Kind von Traurigkeit und konnte als unkonventionelle Frau alle amourösen Abenteuer voll ausleben. Selbst wenn Alter und Einsamkeit nunmehr an ihr nagen, ist sie keine gütige und gebrechliche Alte, sondern voller Leidenschaft und erotischer Glut. Deshalb will sie sich von jeglichen Domestiken, die ihr verflossener, sehr viel jüngerer, Liebhaber Stéphane (Patrick Pineau) anheuert nicht betüteln lassen, so auch diesmal nicht.

Regisseur Ilmar Raag
Regisseur Ilmar Raag

Anne wirkt auf den Straßen und Plätzen der französischen Metropole, aber auch in der mit Antiquitäten angehäuften Luxuswohnung verloren, unscheinbar und deplaziert. Sie kommt aus einer anderen Welt, die mit ihrer neuen in Paris so gar nichts gemeinsam hat und daher vollends aneinanderprallt. Ihre Sozialisation hat sie in einem vom Sowjetsystem beherrschten Land erfahren, das vom Mangel im Alltag an allen Ecken und Enden geprägt war. Kaum vorstellbar aus heutiger Sicht, dass Burda-Schnittmusterbögen und die Quelle-Kataloge einer Grete Schickedanz damals heiß und teuer hinter dem Eisernen Vorhang gehandelt wurden, nur um eine Vorstellung von dem zu bekommen was im Westen en vogue war.

Anders dagegen bei Frida, für die Freiheit, Überfluss und Selbstverwirklichung ganz selbstverständlich war und ist. Sie thront, total gestylt und in Seide gehüllt, vom Bett aus und lässt als arrogante Furie keine Gelegenheit aus, Anne abgrundtief zu demütigen, auch wenn das arme Geschöpf versucht, in stiller Geduld zu Diensten zu sein. Aber Madame kann sie nichts recht machen. Nur Stéphane, er muss wohl oder übel in die Rolle des Vermittlers zwischen den beiden Estinnen schlüpfen, denn Anne beginnt der Geduldsfaden zu reißen. Frida weiß aber sehr wohl was sie an Anne hat, öffnet ein wenig ihr Herz für die anmutige Landsmännin und zaghaft regt sich der Beginn einer „Liebesgeschichte“, die unausgesprochen im Gleichklang zu den heimatlichen Wurzeln in Estland verborgen ist. Frida und Anne blühen im Pariser Frühling auf und finden in der lockeren Unterhaltung über Männer, Mode und dies und das zueinander, gehen beschwingt aus, überraschen sich selbst und Stéphane mit „ihrem Überfall“ in seinem Café. Frieda genießt sichtlich den inszenierten Auftritt nach Jahren der Selbstkasteiung und Enthaltsamkeit und kippt zackig den Wodka auf Eis beim freudigen Wiedersehen mit einem inzwischen ergrauten Kavalier alter Schule.

Jeanne Moreau (Frida) und Laine Mägi (Anne)
Jeanne Moreau (Frida) und Laine Mägi (Anne)

Anne beginnt zusehends aufzuleben, hat die fossilen Exil-Esten bzw. den kläglichen Rest aus früheren gemeinsamen Chorzeiten in Paris ausgegraben und sie zum Nachmittagskaffee in die Wohnung gelotst, um Frida eine Freude zu machen, wie sie gutgläubig meint. Beim Tischdecken stimmt sie sich mit dem estnischen Lied „Mu meelen kuldne kodukotus“ (deutschIch habe das goldene Dach des Heimes in Erinnerung …“) auf die Runde ein, als die Konversation aber auf gewisse alte Geschichten kommt, hört sich das dann weniger goldig an.

Es kommt zum Eklat, der kommen muss und die nun unliebsam gewordenen Gäste werden von Frida in unmissverständlichem Französisch – nicht im Estnischen, das sie bewusst nicht spricht, aber sehr gut versteht– wutentbrannt auf Nimmerwiedersehen aus den eigenen vier Wänden verjagt. Der Knall hallt nach: Anne hat das Leben immer wieder gebeugt, jetzt aber nimmt sie all ihren Mut zusammen, richtet sich auf und schleudert Frida auf Augenhöhe geradezu einfache Lebenseinsichten entgegen, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Anne mag nicht mehr bleiben, packt ihre Habseligkeiten, will auf und davon. Aber da ist Stéphane, der vor ihr nicht verbergen kann, dass auch er Feuer gefangen hat und zu alledem strahlt Frieda, wenn sie zu guter letzt an der Schwelle in ein neues Leben zu Anne, die als Estin jetzt erst in Paris angekommen ist, energisch und einladend zugleich sagt: „Das hier ist dein Zuhause!“. Eine Schlüsselszene in dem zauberhaften Raag-Film, denn für beide Estinnen wird die Heimat immer Estland bleiben, selbst dann, wenn es eine schmerzliche ist.

Ilmar Raag ist mit seinem Kinofilm ein überaus erstaunliches Kammerspiel gelungen, das vor allem durch lange Kameraeinstellungen, Mimik, Gestik, spärliche Dialoge bzw. auch Ungesagtes überzeugt und so mit müheloser Konzentration in das Geschehen auf der Leinwand hineinzieht. Ein sanfter Film mit einer sehr anrührende Geschichte, der auch unbequeme Aspekte nicht ausblendet: Altern mit Würde und Erotik, Einsamkeit und Tod, häusliche Pflege als moderne Sklavenhaltung, osteuropäischer Export von Pflegekräften oder Auslagern der älteren Generation zur Pflege ins kostengünstigere Ausland usw.

Der Filmemacher hat von der estnischen Kritik dafür nicht gerade Lorbeeren geerntet, denn das Thema passt so gar nicht ins Bild von Estland, sich als Musterschüler in Europa darzustellen, wenn es dort an sozialer Infrastruktur fehlt und immer mehr gut ausgebildete Esten das Land verlassen. Es ist höchste Zeit, dass die Politik hier gegensteuert, andernfalls wird man in der Schule Europas eher nicht in die höhere Klasse versetzt.

Patrick Pineau (Stéphane) mit Laine Mägi (Anne)
Patrick Pineau (Stéphane) mit Laine Mägi (Anne)

Mit Laine Mägi und Jeanne Moreau in den Rollen ist Ilmar Raag zudem ein besonderer Glücksgriff gelungen. Von der estnischen Starschauspielerin möchte man in Zukunft mehr sehen, gerne auch in ihren „Muhu sussid“ (Hausschuhen mit Insel Muhu Strickereien, estnische Rarität) und von der französischen Filmikone kann man gar nicht genug zu sehen bekommen, weil es eine Moreau im deutschen Kino nicht gibt. Ungebrochen ihre Ausstrahlung mit 85 und schwerlich kann man es den Franzosen verdenken, dass ihre Marianne-Büste als Symbolfigur in den Rathäusern Frankreichs thront. In der französischen Originalfassung hört man begeistert die leicht brüchige Stimme der Moreau und das überhaupt nicht akzentfreie Französisch von Laine Mägi, was eine unmittelbar warme Atmosphäre verbreitet. Das gelingt in der deutschen Synchronisation leider nicht, denn für Mägi hat man keine deutschsprachige Estin gefunden. Schade, denn wenn Esten deutsch sprechen, dann kann man sogar diesen Sprachklang schön finden.

Es war ungefähr 1952, als „Ein Amerikaner in Paris“ ankam, über den großen Teich und mit dem „American way of life“ seinen Fuß auf das Nachkriegs-Europa setzte. Gene Kelly hat sich in dem Musicalfilm aus der Traumfabrik Hollywood zur Musik von George Gershwin durch die Straßen von Paris mit Klimbim trällernd getanzt und dabei für die Bosse einen großen kommerziellen Erfolg und jede Menge Oscars eingefahren. Beinahe 60 Jahre später kam „Une Estonienne à Paris“ an, weil es Zeit wurde, dass zwei Estinnen einander entdecken, um sich von ihrer ganz persönlichen Lebenssehnsucht zu erzählen. Unspektakulär und ganz still ist daraus eine wunderbare „ménage à trois“ geworden, die Leben mit allen Fasern nahezu traumhaft offenbart. Vielleicht kein Kinokassenschlager, aber gewiss ganz großes Kino aus dem kleinen Estland.

Jeanne Moreau ist in ihrer Erscheinung einer Estin gar nicht so unähnlich und ihre verkörperte Frida hat seinerzeit in Paris im estnischen Chor gesungen. Es wäre der großartigen Schauspielerin zu wünschen, einmal zu erleben, wenn die Esten mit Leib und Seele auf ihrem Sängerfestplatz gemeinsam singen.

Eben darum hat ein kleines Land in der Kultur seine größte Kraft und so findet in Tallinn das nächste Sängerfest 2014 statt – Laine Mägi könnte das ihre tun, damit „Une Parisienne à Tallinn“ wahr wird!

Die estnische Schauspielerin Laine Mägi wurde am 3. Februar 1959 in Kehra (Estland) geboren. 1969-1973 lernte sie an der Staatlichen Choreografieschule, 1982 absolvierte Mägi das Fach Schauspielkunst an der estnischen Musik- und Theaterakademie. Dort arbeitet sie bis heute als Dozentin für Bewegung und Tanz. Seit 1999 spielt sie auch am estnischen Dramatheater in Tallinn.Laine Mägi hat in vielen Filmen und Fernseherserien mitgewirkt. 1999 wurde sie als „Frau des Jahres der Stadt Pärnu“ gewählt, ein Jahr später bekam sie den Helmi Tohvelmann Preis, im vergangenen Jahr bekam die Schauspielerin das estnische Verdienstkreuz und wurde auf dem Filmfestival Saint-Jean-de-Luz als beste Schauspielerin in dem Film „Eine Dame in Paris“ gekrönt.

Mägi ist mit dem bekannten estnischen Sänger Tõnis Mägi verheiratet. Das Paar hat eine Tochter Liis-Katrin (1983), die mit Schauspieler Märt Avandi verheiratet ist. Die Cousine von Laine Mägi, Terje Pennie, ist ebenfalls Schauspielerin.

Die Grande Dame des französischen Kinos, Jeanne Moreau, wurde 1928 in Paris geboren. Die Schauspielerin, Filmregisseurin und Sängerin hat über 120 Filmproduktionen mitgewirkt. Sie zählte in den 1950er und 1960er Jahren zu den populärsten Filmstars der Nouvelle Vague und gilt als eine der führenden Charakterdarstellerinnen Frankreichs. Ihre wohl berühmteste Rolle spielte Moreau in der melancholischen Dreiecksgeschichte „Jules und Jim“ (1962).

Ilmar Raag wurde 1968 in Kuressaare (Insel Saaremaa, Estland) geboren. Er ist nicht nur ein bekannter Regisseur, sondern hat sich auch als Journalist, Kolumnist und Textschreiber einen Namen gemacht. 2002-2005 arbeitete Raag als Chef des estnischen Rundfunks. Sein bekanntester Film ist sozialkritische Werk „Klass“ („Die Klasse“).

Raag beendete die Universität Tartu 1997, danach studierte er an der Universität Ohio Telekommunikation. Seine ersten Erfahrungen mit der Filmproduktion machte der Este in Hollywood bei New Regency und Phoenix Pictures.

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion

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