Energie: Das Baltikum könnte zu den großen Profiteuren gehören

BP Energy Outlook prophezeit Bedeutungsverlust von Gas-Pipelines – Das Baltikum könnte zu den großen Profiteuren gehören

 

Litauen: Erdgas als primäre Quelle zur Energiegewinnung

[dropcap size=big]V[/dropcap]erglichen mit Deutschland können die Wintermonate in Litauen eine Belastungsprobe darstellen – ein Blick auf das Thermometer zeigt nicht selten -10 oder -15°C.

Noch frostiger wird einem jedoch beim Blick auf die Heizkostenrechnung zumute:

Die Kosten für Erdgas liegen in Litauen etwa 30% über dem deutschen Preisniveau, so ein Bericht der Europäischen Kommission.

Der Zulieferer, das russische Unternehmen Gasprom, verweist zur Berechnung des Gaspreises auf eine interne Formel, welche den Preis für jedes Land individuell bestimmt.

Für viele Experten gilt jedoch als ausgemacht, dass in erster Linie die Abhängigkeit eines Landes von den Gaslieferungen den Ausschlag für den Preis gibt.

Litauens Pech ist, dass Erdgas als primäre Quelle zur Energiegewinnung dient und somit unverzichtbar ist. Zudem werden sämtliche Versorgungspipelines von Gasprom betrieben, sodass die ehemalige Sowjetrepublik keine Alternativen zu den russischen Lieferungen besitzt.

 

Das war nicht immer so

[dropcap size=big]N[/dropcap]och bis ins Jahr 2009 versorgte das Kernkraftwerk Ignalia im Osten des Landes nicht nur den heimischen Markt mit Energie, sondern machte Litauen sogar zu einem Stromexporteur.

Zu Betriebszeiten lag in keinem Land der Erde der Anteil von Atomstrom in der heimischen Energiebilanz höher. Die EU jedoch hatte in Verhandlungen die Abschaltung des Kraftwerkes zu einer zentralen Bedingung gemacht, da es aus der gleichen Baureihe wie der Unglücksreaktor in Tschernobyl stammte und erhebliche Sicherheitsbedenken bestanden.

Seit wenigen Jahren wird das einstige Herzstück der litauischen Energieversorgung nun zurückgebaut, die Gesamtkosten werden auf 2,9 Milliarden Euro geschätzt.

Die sozialen Folgen wurden schnell offensichtlich, als Menschen in der Umgebung gegen die Verdreifachung ihrer Energiepreise auf die Straße gingen.

Trotzdem sprachen sich in einem landesweiten Referendum erst kürzlich 64,8% gegen einen geplanten Neubau in Visaginas aus.

Hinzu kommt, dass Russland bereits die Errichtung neuer Kernkraftwerke in unmittelbarer Nähe des Landes, beispielsweise in der Exklave Kaliningrad, angekündigt hat und ein litauischer Neubau somit überflüssig und unwirtschaftlich würde. Ist der Status Quo also alternativlos?

 

Litauens neuer Hoffnungsträger ist 294 Meter lang,
kommt aus Korea und hört auf den Namen „Independence“

[dropcap size=big]D[/dropcap]as Transportschiff ist Teil einer neuen Anlage im Hafen von Klaip?da, die zur Lagerung und Aufbereitung von verflüssigtem Erdgas (LNG – Liquefied Natural Gas) dienen soll.

Grafik EnergieVon Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė als Durchbruch auf dem Weg zu mehr Unabhängigkeit in der Energieversorgung gefeiert, soll die Speicherkapazität von 170.000 Kubikmetern Flüssiggas bis zu 90% des gesamten Gasbedarfs der baltischen Staaten decken können. Rund 145 Millionen Euro ließ sich der Staat die Anlage kosten, die von einem norwegischen Energiekonzern mit Flüssiggas beliefert wird.

Der diesjährige „Energy Outlook 2035“ von BP, der die wahrscheinliche Entwicklung des Energiesektors bis 2035 skizziert, scheint die Initiatoren in ihrer Entscheidung zu bestätigen.

Die steigende Ölförderung der USA (Stichwort „Fracking“), die zu einer Veränderung der bisherigen Handelsmuster führt.

In zunehmendem Maße wird Energie nicht mehr von Ost nach West sondern anders herum transportiert.

Zudem prognostiziert BP einen weiteren Anstieg des weltweiten Energiebedarfs, aufgrund einer wachsenden Weltbevölkerung (1,6 Milliarden Menschen zusätzlich bis 2035) in Kombination mit einer Verdopplung des weltweiten GDP (Gross Domestic Product).

Insbesondere die Volkswirtschaften in Indien und China nehmen beim jährlichen Anstieg der Energienachfrage um 1,4% (insgesamt 37% bis 2035) eine Schlüsselposition ein, während die OECD lediglich 0,1% pro Jahr verzeichnet und ab 2030 sogar ein Absinken der Nachfrage erwartet wird.

Obgleich Erdöl höchstwahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin den Großteil der Energieversorgung sicherstellen wird, wird ein starker Anstieg des Anteils von Erdgas und erneuerbaren Energien erwartet.

Kohle als Energieträger wird aufgrund von Klimaschutzzielen und einer sich verlangsamenden Industrialisierung in Asien eine unterdurchschnittliche Entwicklung vorhergesagt.

 

Litauens Investition in LNG Terminal: Eine sichere Investition in die Zukunft

[dropcap size=big]I[/dropcap]nsgesamt kommen die Veränderungen in erster Linie dem Energieträger Erdgas zugute, der für die Zukunft als potentiell stärkster Wachstumsbereich gilt.

Die Technik Erdgas zu verflüssigen und es somit ohne Pipelines über weite Strecken transportieren zu können, führt zu einer zunehmenden Integration der globalen Märkte und einer Angleichung der Preise.

Tatsächlich erwartet BP, dass ein Großteil des zusätzlichen Handels mit Erdgas durch LNG zu verzeichnen sein wird. Parallel verlieren Pipelines angesichts der neuen, flexibleren Konkurrenz an Marktanteil.

In Europa, das 50% seines Gasverbrauchs durch Importe deckt, wobei aktuell 80% davon auf Pipelines entfallen, die in erster Linie von Russland kontrolliert werden, wird man diese Prognose mit Interesse zur Kenntnis genommen haben.

BP geht davon aus, dass zwar Europas Abhängigkeit von Gasimporten steigen wird (von 50% auf 75%), was insbesondere mit einer erhöhten Nachfrage zusammenhängt, innerhalb der nächsten 20 Jahre davon jedoch nur noch zwei Drittel durch Pipelines fließen werden.

Insofern scheint Litauens Investition in ein LNG Terminal eine sichere Investition in die Zukunft zu sein, zumal in Polen ein ähnliches Terminal existiert und weitere in skandinavischen und baltischen Raum in Planung sind.

 

Allerdings würden nicht alle diesen Trend als positive Entwicklung bewerten

[dropcap size=big]Z[/dropcap]war werden Litauens Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen und auch der im europäischen Vergleich deutlich erhöhte Gaspreis durchaus zur Kenntnis genommen. Ob LNG jedoch für Litauen die versprochene Erlösung ist, wird bezweifelt.

Die Gefahr sehen Experten in dem steigenden Energiebedarf asiatischer Staaten, die entsprechend bereit sind, höhere Preise als die Europäer zu zahlen.

Um zu verhindern, dass die europäischen Terminals plötzlich ohne Lieferungen dastehen, wurden langfristige Verträge unterschrieben, die insbesondere den Lieferanten günstige Konditionen gewähren.

Grafik Energie 2Das polnische LNG Terminal als Beispiel nehmend, liegen dort die Preise für verflüssigtes Erdgas etwa 50% höher als für Gas aus russischen Pipelines fällig geworden wäre. Trotzdem wird an der Politik zur Diversifizierung der Energielieferungen festgehalten.

Dies ist zu nicht geringen Teilen darauf zurückzuführen, dass osteuropäische Staaten aus historischer Perspektive Unabhängigkeit von Russland einen höheren Stellenwert einräumen als kurzfristig niedrigen Kosten.

Im Gedächtnis geblieben ist insbesondere der Winter 2009, als Gasprom seine Lieferungen in die Ukraine einstellte und daraus resultierend auch Lieferausfälle in angrenzenden Staaten zu verzeichnen waren.

Dass die Ukraine kurz darauf ein neues Abkommen schloss, das der russischen Schwarzmeerflotte weitere 25 Jahre Zugang zum Hafen in Sewastopol sicherte Gasprom im Gegenzug einen Rabatt auf den Gaspreis gewährte, zeigt deutlich die Verbindung von politischen Forderungen und wirtschaftlichen Druckmitteln.

Dass das momentane Gasmonopol durch LNG in Gefahr gerät und somit auch den politischen Einfluss Russlands beschneiden würde, versetzt die russische Seite unter Zugzwang.

Einerseits wird verzweifelt versucht, die geplante Gasleitung von Aserbaidschan nach Europa („South Stream“) zu verhindern, andererseits wurden noch bevor die Anlage in Klaip?da in Betrieb genommen wurde, die Gaspreise für die baltischen Staaten gesenkt.

Ob Flüssiggas die ersehnte und versprochene Unabhängigkeit liefern kann, wird weiter kontrovers diskutiert. Die Effekte die bisher zu vermerken sind, sind jedoch real. Trotzdem können derartige Anlagen nur ein Baustein ein neuen Energiepolitik sein, die viel weiter gehen muss, um wirkliche Autonomie zu gewinnen.

Erhöhte Lagerkapazitäten und eine bessere Vernetzung der europäischen Staaten untereinander sind unumgänglich. Aber auch ganz einfache Ansätze wie eine Verbesserung der Energieeffizienz durch bessere Wärmedämmung können ebenso erfolgversprechend sein, wie der Ausbau regenerativer Energien, der bei allen baltischen Staaten in den vergangenen Jahren unter dem EU-Durchschnitt lag. [ec]

Nichtsdestotrotz lässt sich konstatieren, dass die Politik das Thema Energiesicherheit als zentrales Arbeitsfeld entdeckt hat und die zukünftige Entwicklung weiterhin spannend bleiben wird.

 

Quellen:

Energy Outlook 2035 (pdf) | Eurostat – Statistics explained | FAZ.net: Gas aus Russland: Die Macht, die aus den Röhren kommt | Financial Times

Der Autor ist 23, Wirtschaftsstudent und lebt momentan in Vilnius.

 

2 KOMMENTARE

  1. der Beitrag klingt seltsam. Erinnerlich haben de USA doch Europa angeboten sie mit Fracking-Gas zu versorgen. Das sollte dann mit dem Schiff kommen. Da die USA allerdings auch konkrete Fracking-Plaene in der Ukraine haben, bietet es sich an zu unterstellen das in Klaipeda lediglich ein Verladeterminal aufgezogen wurde. Auserdem kann ich mir nicht vorstellen das Litauen 14 Millionen Euro einfach so aus dem Aermel schuettelt.

  2. Mit den Partnern Amerika, EU,IWF (TITIP) ist die Verarmung der Bürger in vollem Gange . Wie blauäugig und unwissend muss man eigentlich sein um das nicht zu erkennen .
    In der Ukraine wird gerade der Grund und Boden an Frackingfirmen und Monsantos verscherbelt .Dem Land wird das Trinkwasser und der Boden für immer vergiftet .
    Die Bauern haben keine Chance .
    Habt ihr kein Internet zum Nachlesen ? Demokratie pur !!

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