Litauische Juden haben Feldwebel Schmid als Heiligen bezeichnet

Wiener Feldwebel rettete mehr als 300 Juden vor dem Tod

Feldwebel Anton Schmid
Feldwebel Anton Schmid

Schmids Name fiel erstmals beim Eichmann-Prozess in Jerusalem. Damals wurde bekannt, dass Anton Schmid 1941/42 in der litauischen Stadt Vilnius etwa 300 Juden vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Er leitete dort eine Sammelstelle für Versprengte, an die auch Werkstätten der Wehrmacht angegliedert waren.

Der beherzte Feldwebel beschäftigte eine größere Anzahl von Juden in seiner Dienststelle als Handwerker. So schützte er sie vor Deportation und Erschießung in einem Wald beim nahe gelegenen Dorf Ponary. Etwa 300 Juden soll er mit einem Wehrmacht-Lastkraftwagen von Vilnius weg in sicherere Städte im benachbarten Weißrussland gebracht haben.

Schließlich unterstützte er auch den jüdischen Widerstand, der sich Ende 1941 in Vilnius zu organisieren begann. Nach mehrmonatiger Rettungstätigkeit wurde Feldwebel Schmid denunziert, verhaftet, vor ein Feldgericht gestellt, zum Tode verurteilt und erschossen.

Gerettete sagten über ihn: „Für uns war er so etwas wie ein Heiliger.“ (Die Presse)

 

Im Herbst 2014 erschien Manfred Wieningers neues Buch „Die Banalität des Guten. Feldwebel Anton Schmid“

Überlebende litauische Juden haben Feldwebel Schmid als Heiligen bezeichnet. Grund genug vielleicht, sich zu fragen, wer dieser Anton Schmid eigentlich war. Am Ende seines kurzen Lebens jedenfalls für die einen so etwas wie ein Held, für die anderen nichts als ein Verräter. „Was die Reaktion unserer Familie und des Umfeldes in dieser Zeit anlangt, kann ich Ihnen sagen, dass die Familie natürlich mit gemischten Gefühlen reagiert hat. Sicher war sie einerseits stolz, andererseits wäre es ihr natürlich lieber gewesen, er wäre ein ganz normaler Soldat gewesen und wieder nach Hause gekommen. Aus dem Umfeld gab es einige positive, aber auch genug negative Reaktionen“, erinnert sich Schmids Tochter Gertrude, die zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung 21 Jahre alt ist, Jahrzehnte später.

Was war vor dem NS-Militärjustizmord an Anton Schmid, vor seinem gewaltsamen, schandhaften Ende im Hof des Wilnaer Wehrmachtsgefängnisses Stefanska? Dieses Buch versucht sich jedenfalls daran, die Geschichte des Feldwebels zu erzählen, so genau, so wahrhaft es die Quellen, die Akten und Berichte nur zulassen.

Manfred Wieninger
Manfred Wieninger

Der Autor Manfred Wieninger wurde 1963 in St. Pölten geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Pädagogik beginnt seine schriftstellerische Laufbahn. Seine Diplomarbeit über die Kulturgeschichte der St. Pöltner Straßennamen erscheint 2002 in erweiterter Form als Lexikon im Studienverlag. Er ist Autor der bisher sechsteiligen Krimi-Reihe mit dem schrägen „Diskont-Detektiv“ Marek Miert (Haymon Verlag), die sich durch einen scharfen und oft ironischen Blick auf die gesellschaftlichen Zustände in Österreich auszeichnet. Er verfasst zahlreiche Arbeiten zu Widerstand und Verfolgung, u.a. „Das Dunkle und das Kalte. Reportagen aus den Tiefen Niederösterreichs“ (edition moKKa 2011) und den zeitgeschichtlichen Roman „223 oder Das Faustpfand“ (Residenz Verlag 2012). Sein umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen, Lyrik, Reportagen und wissenschaftliche Publikationen.

2013 erhält Manfred Wieninger, zusammen mit der in Tel Aviv lebenden Autorin Margit Bartfeld-Feller, den Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und Exil.

 

[divider]Aus dem Buch[/divider]

Im Befehl Maßnahmen für Sicherung und Befriedung des Gebietes Stadt u. Land Wilna des Kommandeurs der 403. Sicherungsdivision, Generalleutnant v. Ditfurth, vom 7. Juli 1941 heißt es: In meinem Auftrage wird die Feld-Kdtr. 814 zur Gebietes Stadt und Land Wilna eingesetzt.

(…)

  1. Eine litauische Wehrmacht oder militärische Formationen (Regt., Batl., pp.) gibt es nicht. Wie bereits befohlen, stehen gegen Bildung von folgenden Einrichtungen bzw. Organen keine bedenken.

1) Selbstschutzabteilungen

2) Ordnungsabteilungen (Hilfspolizei)

3) Arbeitsabteilungen

Die hierzu gebildeten Formationen haben Bezeichnung:

„Selbstschutz-Ordnungsdienst-Arbeits-Abteilung des Aufbaudienstes“ zu führen. Sie haben jedoch in jedem Fall unter deutscher Aufsicht und deutscher Anleitung zu stehen; etwaige Bewaffnung ist von Fall zu Fall zur Verfügung zu stellen.

(…)

  1. An allen Ausfallstraßen sind bewegliche Auffangposten einzurichten, die flüchtige Rotarmisten und Juden – nach oder aus der Stadt – festnehmen. Sie sind in einzurichtenden Gefangensammelstellen zusammenzuziehen und zu Arbeitsleitungen einzusetzen.

 

 

Statistische Angaben über die Bevölkerung der Stadt Wilna enthält eine Aktennotiz des Verwaltungschefs der 403. Sicherungsdivision vom 18. Juli 1941:

Gesamtbevölkerung bei Ausbruch des Krieges (September 1939)            208.000

Davon waren:

Polen                                                                                                                                   100.000

Juden                                                                                                                                   80.000

Litauer                                                                                                                                 2 – 3.000

Verschiedene (Weißrussen, Tataren, Deutsche usw.) ca.                                25.000

 

 

Durch Kriegseinwirkung (Flucht aus West und Zentralpolen) kamen zum 1.1.1940 hinzu:

Polen                                                                                                                                   30.000

Juden                                                                                                                                   10.000

Gesamt     40.000

 

Nach der Übergabe Wilna an die Litauer (Oktober 1939) kamen hinzu an litauischen Beamten, Polizei und deren Familien                                                                                                                                   10.000

 

Wilna Gesamtbevölkerung (einschl. Juden)                                       258.000 (100%)

Davon:

Polen                                                                                                                                   130.000 (50%)

Litauer                                                                                                                                13.000 (5%)

Weißrussen, Tataren usw.                                                                                           25.000 (10%)

Juden                                                                                                                                   90.000 (35%)

 

Bezeichnenderweise hat sich der Verwaltungschef der Wehrmachtsdivision auch die Mühe gemacht, die Gesamtbevölkerung der Stadt ohne Juden statistisch darzustellen:

Wilna Gesamtbevölkerung (ohne Juden)                                           168.000

Davon:

Polen                                                                                                                                   130.000 (77%)

Litauer                                                                                                                                 13.000 (8%)

Weißrussen, Tataren usw.                                                                                            25.000 (15%)

 

Damit nimmt der Wehrmachtsbeamte in einer Art Gedanken- oder Zahlenspiel vorweg, was spätestens 1944 fast zur Gänze verwirklicht ist. Die deutsche Besatzung Wilna von 24. Juni 1941 bis 13. Juli 1944, dieser historische Vorgriff sei hier gestattet, werden nur rund 800 Wilnaer Juden überleben

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