Friedhof der Sowjet-Skulpturen

Inmitten eines Kiefernwaldes in der litauischen Provinz ruhen sie, die großen Kommunisten. Egal ob Lenin oder Stalin, Marx oder Engels, auf dem Friedhof der Skulpturen stehen sie alle. Kleine Büste oder großes Monument, im Grutas Park ein paar Kilometer außerhalb des Kurortes Druskininkai haben die Propagandastatuen, die einst zu Sowjetzeiten die zentralen Plätze in Litauens Städten schmückten, ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Der Grutas-Park in Druskininkai
Der Grutas-Park in Druskininkai

Fast 50 Jahre war Litauen unter sowjetischer Herrschaft. Als die südlichste der drei baltischen Republiken 1990 ihre Unabhängigkeit erklärte, ging es den Sowjet-Skulpturen an den Kragen. Doch clevere Unternehmer retteten viele, bewahrten sie auf und eröffneten 2001 einen Themenpark der besonderen Art. Seither können Touristen vorbei an Hunderten von Figuren ehemaliger Sowjethelden flanieren. Mittlerweile ist Litauen fast 25 Jahre unabhängig und längst ist die ehemalige Sowjetrepublik in der Europäischen Union integriert. Vergangenes Jahr führte Litauen den Vorsitz im Rat der EU, nächstes Jahr soll der Euro kommen. Doch auch wenn die Spuren vergangener Tage ein wenig verblast sind, ein Hauch der alten Sowjetunion findet sich nicht nur in Druskininkai, sondern im ganzen Land. Eine Spurensuche.

Der Grutas-Park in Druskininkai
Der Grutas-Park in Druskininkai

„Tak totschna“, hallt es entlang der kahlen Wände. Auf die Befehle des Sowjet-Kommandanten antworten die Untergebenen mit einem lauten „Jawohl“. An diesem Samstagnachmittag hat sich eine Gruppe internationaler Studenten die 25 Kilometer von Litauens Hauptstadt Vilnius zum entlegenen Bunker aufgemacht, um in die guten alten Sowjetzeiten einzutauchen. Sie werden sich in den nächsten drei Stunden fünf Meter unter der Erde von Sowjet-Kommandanten erniedrigen, demütigen und umher scheuchen lassen.

Eingekleidet in schwarzen und blauen Arbeiterjacken heißt es zu Beginn erst einmal Aufstellung nehmen. Stillgestanden, Füße zusammen, Jacken schließen. In der Sowjetunion herrschte Zucht und Ordnung. Eine unauffällige Tür markiert den Eingang in die Tiefe. Unter dem Gebell eines Schäferhunds geht es im Laufschritt in den Bunker, der in den 1980er Jahren als geheime Fernsehsendeanlage gebaut wurde. Für Propagandazwecke, erklärt der Kommandant. Während des Kampfes um die Unabhängigkeit Litauens hatten sowjetische Truppen von hier im Januar 1991 einen Angriff auf den Fernsehturm in Vilnius gestartet. Bei dem Versuch die Truppen aufzuhalten starben 13 litauische Freiheitskämpfer, Tausende wurden verletzt.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion stand das rund 4000 Quadratkilometer große Bunkerlabyrinth leer. Überlegungen ein Gefängnis daraus zu machen, wurden nicht realisiert. So kam es, dass vor fünf Jahren der litauische Regisseur Jonas Vaitkus und die Produzentin Rūta Vanagaitė das „Überlebensdrama 1984 – Back in the USSR“ ins Leben riefen.

Vor Betreten des Bunkers müssen die Besucher unterschreiben, dass sie sich den Anweisungen der Schauspieler widerspruchslos fügen. Denn die Darsteller agieren ohne Drehbuch und sind nicht immer zimperlich. Einige mussten sogar schon entlassen werden, weil sie während dem Schauspiel zu weit gegangen waren. Ihr Ziel ist es, den Willen der „Bürger der sozialistischen Sowjetrepublik Litauen“ zu brechen. Und in den meisten Fällen gelingt dies auch.

Gruppenbild nach dem Bunkerbesuch
Gruppenbild nach dem Bunkerbesuch

Im Bunker erfahren die Studenten, was es hieß in der Sowjetunion zu leben. Gleich zu Beginn macht der Sowjet-Kommandant klar, dass das Denken von nun an einzustellen ist. Stattdessen heißt es gehorchen. Neben der Parteidoktrin lernen die „Bürger“ den strengen und modrigen Geruch einer Gasmaske kennen. Drei Sekunden brauche jeder Sowjet-Schüler um eine Gasmaske aufzuziehen, erklärt der Major. Dabei soll die Gasmaske beim Aufziehen nicht wie ein Kondom gehalten werden, scherzt er.

Ein miesgelaunter KGB-Offizier verhört die Studentengruppe auf Russisch, nachdem ein Schäferhund ein fingiertes Päckchen Rauschgift bei einem Mitglied der Gruppe gefunden hat. Bevor es in die Nach drei Stunden Sowjetbunker gibt‘s ein Erinnerungsfoto und natürlich einen Wodka kleine und dunkle Arrestzelle geht, werden die Studenten von der grimmigen Sowjet-Ärztin untersucht. Als das Spektakel unter Tage zu Ende ist, gibt es kleine Geschenke für alle – alte Sowjet-Bonbons für die Frauen und Zigaretten für die Männer.

Anschließend wartet noch ein typisch sowjetisches Kantinenessen. Student Kristian aus Bulgarien ist begeistert von den Erlebnissen: „Heute haben wir die Sowjetunion mal nicht nur in Büchern oder Filmen, sondern am eigenen Leib erfahren können.“ Denn im Sowjetbunker bekommt der Besucher nicht bloß Geschichte zu sehen oder zum Anzufassen, sondern taucht ein in die Vergangenheit. Auch Marketa aus Tschechien hat es gefallen: „Vieles war bei uns in der Tschechoslowakei ähnlich und meine Eltern haben mir davon erzählt. Aber es war nochmal etwas anderes, das alles hautnah zu erleben.“

Zelle im ehemaligen KGB-Gefängnis
Zelle im ehemaligen KGB-Gefängnis

Weniger actionreiches, dafür ebenso Interessantes über die Zeit der sowjetischen Besatzung in Litauen wird den Besuchern im „Museum der Opfer des Genozids“ geboten. An der Außenwand des
Museum auf der Gedimino-Straße im Zentrum von Vilnius prangen die Namen der litauischen Opfer der sowjetischen Repression. Im Keller des Gebäudes ist das alte KGB-Gefängnis im Original erhalten.

Die Einschusslöcher im Raum der Hinrichtungen lassen den Besucher erahnen, welche Gräuel hier stattgefunden haben. Ein Stockwerk darüber erzählt eine Ausstellung über den Kampf der litauischen
Partisanen gegen die Sowjets. Die Partisanen kämpften mit Guerilla-Techniken gegen die sowjetischen Herrscher. Zuflucht suchten sie dabei immer wieder in den Wäldern des Baltikums, was
ihnen den Spitznamen „Waldbrüder“ einbrachte. Der Kampf erlebte seine Hochphase in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg bis zum Tod Stalins 1953.

Noch heute wird die Sowjet-Zeit in Litauen und seinen baltischen Partnern als „Besatzung“ wahrgenommen. Entsprechend argwöhnisch beobachten viele Balten die Vorgänge in der Ukraine und fürchten ein ähnliches Schicksal. Erst vor wenigen Wochen drohte der russische Politiker Wladimir Schirinowski Polen und den baltischen Staaten, dass im Falle eines Krieges zwischen dem Westen und Russland die baltischen Staaten sowie Polen „vom Erdboden verschwinden werden“. Bei solchen Worten bleibt es zu hoffen, dass die Einmischung Russlands im Baltikum genauso der Vergangenheit angehört wie Stalin-Statuen, Sowjet-Bunker und KGB-Keller.

 

Marcel Storch ist Korrespondent der Baltischen Rundschau.

 

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