Gildebruderschaft der Schwarzhäupter will ihr Haus in Tallinn zurück

Wappen der Gildebruderschaft "Schwarzhäupter"
Wappen der Gildebruderschaft “Schwarzhäupter”

Eine der ersten kaufmännischen Gilden an der Ostsee war die deutsch-stämmige Bruderschaft der Schwarzhäupter. Ihr Haus in der Tallinner Altstadt auf der Pikk-Straße ist eines der wenigen erhalten gebliebenen Renaissance-Gebäude in der Metropole und wird seit langem für Konzerte und Ausstellungen, aber auch für Staatsempfänge benutzt.

Das Bündnis der Schwarzhäupter entstand 1399. Es vereinigte junge, unverheiratete Kaufleute, bevor diese als Mitglieder der Großen Gilde akzeptiert wurden. Auch ausländische Kaufleute, die sich für längere Zeit in damaligen Reval aufhielten, aber nicht permanent hier lebten, konnten der Bruderschaft beitreten.

Der Name der Interessengemeinschaft leitet sich von ihrem Schutzpatron, dem Heiligen Mauritius ab, der einer der frühen Christen war und um 280-300 n. Chr. als Märtyrer in der Schweiz starb. Sein Kopf ist das Maskottchen des Wappens der Bruderschaft. Die Vereinigung war nur in Estland und Lettland aktiv und ist in anderen europäischen Ländern nicht bekannt.

Die Mitglieder der Gemeinschaft verließen Tallinn in den 1940er Jahren als sie nach dem Anschluss Estlands an die Sowjetunion nach Deutschland flohen. Dort gründeten sie sich nach deutschem Vereinsrecht in Hamburg neu – und konnten nach der estnischen Unabhängigkeit ihr nachweislich 1531 erworbenes Stammhaus zurückfordern.

Tallinn weigert sich dass historische Gebäude den Eigentümern zurück zu geben
Die Stadt will jedoch von der Rückgabe des historischen Gebäudes nichts wissen. Tallinn könne es nicht zulassen, dass dieses kulturelle Erbe an jemanden übergeben werde, der unkontrollierbar sei, heißt es im Stadtverwaltung. Dort wehrt sich Bürgermeister Edgar Savisaar (linke Zentrumspartei) vehement gegen die bereits zweimal von der estnischen Regierung beschlossene Rückgabe des Hauses.

Die Stadt ist vor Gericht gezogen und sammelt Unterschriften. Medienberichten zufolge unterschrieben jedoch viele Personen mehrfach oder wurden zur Unterschrift gedrängt.

Gildehaus in der Pikk-Straße
Gildehaus in der Pikk-Straße

Tallinn beruft sich auf die Nutzung des Schwarzhäupterhauses für kulturelle Zwecke. Zwar wollen die Alteigentümer auch künftig der Stadt die Nutzung des historischen Bauwerks ermöglichen. Aber die Stadtregierung fürchtet Mietwucher. Außerdem sei nicht geklärt, woher Mittel für den Unterhalt des «Mustpeade maja», wie der Komplex auf Estnisch heißt, kommen sollen.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kauften die Schwarzhäupter das Gebäude und bauten eine neue Halle ohne Deckengewölbe. Der nächste bedeutende Umbau fand 1597 statt, als die Fassade im Geiste der niederländischen Renaissance mit vielen Ornamenten und geschnitzten Dekorationen neu gestaltet wurde. An der Vorderseite des Gebäudes befindet sich eine der auffälligsten Türen in Tallinn. Sie stammt aus dem Jahr 1640. Die gewölbte Gildehalle mit zwei Schiffen wurde von der Olav-Gilde erworben und stammt aus dem 15. Jahrhundert. Eine weitere Renovierung wurde 1908 durchgeführt, dieses Mal war aber nur der Innenbereich betroffen, dem ein neo-klassisches Erscheinungsbild verpasst wurde. Wahrscheinlich war an das Haus der Schwarzhäupterbruderschaft ab dem 14. Jahrhundert noch ein Wohnhaus angeschlossen.

«Der Stadt scheint es nur vordergründig um Kultur zu gehen. Es geht ihr schlicht um das Eigentum an diesem historischen Gebäude», sagt Ralph-Georg Tischer, der als «Erkorener Ältester» den Schwarzhäuptern anführt. „Wir haben mehrere Nutzungskonzepte vorgelegt, die das öffentliche Interesse berücksichtigen. Doch bis heute habe man darauf keine Antwort erhalten,“ sagte Tischer laut der Deutschen Presseagentur dpa.

Ausgang des Rechtstreits noch offen
Mitte Dezember vergangenen Jahres verwies nun ein Gericht den letzten Beschluss zur Rückübertragung zurück an die Regierung. Diese habe nicht ausreichend deutlich gemacht, wie die Bündnis das Gebäude künftig nutzen wolle, befanden die Richter. Wegen eines ähnlichen Formfehlers musste bereits 2008 die erste Anordnung wiederholt werden.

In dem Urteil erkannte das Gericht aber die von der Stadt bezweifelte Rechtsnachfolge der heutigen Schwarzhäupter an. Trotz Flucht und Neugründung habe die Bruderschaft kontinuierlich weiterbestanden. Zuletzt habe sie jedoch keine nennenswerte Aktivität in Estland gezeigt.

Fotos: Tallinn Touristik

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