Federn, Farben, Schädel und eine äußerst enge Beziehung zur Natur: In Lettland üben Schamanen wieder einen Reiz auf die Jugend aus, die nach Spiritualität sucht. Beobachtungen eines Italieners in Lettland.

Vor einigen Tagen hat mich jemand gefragt, ob ich an Schamanen glaube. Eine recht ungewöhnliche Frage, werdet ihr sagen. Aber noch mehr wird euch überraschen, dass ich nicht geantwortet habe, weil dies unmöglich gewesen wäre. Man kann einen Westler nicht fragen, ob er an Schamanen glaubt. Er braucht sie nicht, in seiner Gesellschaft sind sie weder nötig noch erwünscht und werden nicht verstanden.

In Lettland jedoch, einem Land im Schwebezustand zwischen Europa und Russland, hat der Schamanismus eine Existenzberechtigung. Die baltische Welt kann nicht auf die Figur des Schamanen verzichten, den Angelpunkt archaischer Agrargesellschaften. In einem Land, in dem die Natur eine so wichtige Rolle spielt, ist es unmöglich, sie nicht zu kennen, sich keine Fragen über sie zu stellen, sie nicht zu fürchten. Fast alle haben ein Haus auf dem Land, und sei es das der Großeltern, wo sie mit Wasser, Land und Tieren direkt in Kontakt treten können. Der Wald ist nicht stumm wie in den modernen, völlig säkularisierten Gesellschaften, sondern ein Ort der Begegnungen, Ängste, Zweifel und Erfahrungen.

„Nach dem Fall der Berliner Mauer sind die Schamanen zurückgekommen“, erklärt Krišjānis, Student aus Riga, „die Menschen im Westen leben in einer postreligiösen Welt, wir in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in einer postatheistischen. Der Schamanismus bedeutet die Eroberung einer Freiheit, die wir für immer verloren glaubten. Er besitzt nicht nur einen religiösen, sondern auch einen kulturellen, anthropologischen und identitären Wert.“


Die Storytellerin von Riga

Der Schamanismus stammt ursprünglich aus dem Orient, vor allem aus dem turk-mongolischen Raum und Sibirien. In Lettland haben wir es vor allem mit urbanem Schamanismus zu tun. Eine typische Vertreterin dieser Strömung ist Inin Nini. Die Schamanin bezeichnet sich selbst als ‚Medicine Woman, Mystic, Soul Guide und Storyteller aus Riga‘. Auch für sie bedeutet Schamanismus eine Möglichkeit, sich ohne Einschränkungen egal welcher Natur auszudrücken. Man zeigt seine Einzigartigkeit, das was einen von allen anderen unterscheidet, jene Originalität, die im Sowjet-Regime völlig unterdrückt wurde. Um sich dessen bewusst zu werden, genügt ein Spaziergang durch eine beliebige lettische Stadt – kein Entrinnen gibt es aus der Öde der Wohnhäuser, die alle gleich aussehen. Der Schamane durchbricht diese Monotonie mit den Farben seiner Kleidung und dem Duft seines Räucherwerks. In Lettland gibt es mehrere Religionen, aber die ‚Waldreligionen‘ erleben neuerdings ein Comeback. Oft verschmilzt der Schamanismus mit dem Neopaganismus.

Im Reich der Natur

Stellt euch einen großen Kiefernwald vor, in der Mitte ein See, in den einige Bächlein münden. Fügt dem Bild Mücken, Blumen und Farn hinzu. Vergesst nicht den Hund, der in der Ferne bellt, und die alte Frau, die allein spazieren geht. Zwei Kinder klettern auf einen Baum, um dem Sommertag einen Sinn zu geben, die Eltern baden im See. Jemand schichtet Holz für ein Lagerfeuer übereinander. Andere bereiten Birkensaft und eine Suppe aus Kartoffeln und Möhren zu. Alle sind stolz, ein Teil des gemeinhin so bezeichneten ‚industrialisierten Westens‘ zu sein, aber niemand möchte auf das Privileg der Natur verzichten. Die Natur ist für alle da und der naheliegendste Weg, um mit der Welt in Kontakt zu treten.

Hier kommt der Schamane ins Spiel. Er symbolisiert Nichtanpassung, Protest gegen den Raubbau an der Natur, Widerstand durch Tradition. Die Rückbesinnung auf die baltische Mythologie mit ihrem heidnischen Pantheon zeugt von Lettlands Wunsch nach Einzigartigkeit. Das Land der lauki (Ländlichkeit) ist weder russisch noch westlich. Es ist auf der Suche nach sich selbst – und das offizielle Christentum reicht dafür scheinbar nicht aus.

„Unsere Beziehung zur Natur ist anders als bei anderen jungen Europäern“, erzählt Dace, Theologiestudentin aus Rēzekne. „Ich kenne die Wälder von Lettgallen fast so gut wie mein Wohnzimmer. Dort habe ich als Kind gespielt, dort habe ich die ersten Küsse ausgetauscht, dort habe ich mir die ersten existenziellen Fragen gestellt. Deshalb habe ich mich für ein Theologiestudium entschieden. Um meine Vertrautheit mit dem Wald mit den religiösen Spannungen in Einklang zu bringen, die immer ein Teil von mir waren.“

Wir spazieren in der Sonne über eine Wiese und sie fährt fort: „Für uns Letten sind Natur und Religiosität untrennbar miteinander verbunden. Man kann die eine Sache nicht verstehen, ohne die andere zu kennen. Der Orient hat mich immer fasziniert, aber ich habe mich nie von den Traditionen meines Landes abgewandt. Ich kann mich nicht als Christin, aber auch nicht als Heidin bezeichnen. Die pantheistischen und animistischen Religionen Asiens üben einen starken Reiz auf mich aus. Ich kann mich mit Spinozas Auffassung identifizieren, dass Gott in allem ist – im See, in den Flüssen, im Schnee.“

Religionen-Cocktail

Andere Religionen als das Christentum müssen sich hier nicht verstecken. Im estnischen Tartu wird eine Ausstellung zum Schamanismus gezeigt, die daran erinnert, dass im Osten nach dem Fall der Berliner Mauer ein neues Bedürfnis nach Spiritualität erwacht ist.

„Manchmal werde ich gefragt, woran wir jungen Letten glauben“, erzählt Elina, die in Rēzekne im Bereich Tourismus arbeitet. „Heidentum und Christentum vermischen sich permanent, man weiß nicht, wo das eine endet und das andere beginnt. Ganz sicher ist nach dem Ende des Kommunismus der Glaube in all seinen Facetten wieder erstarkt. Ich beurteile die Wiederkehr der Dievturiba (vorchristlicher, heidnischer Pantheismus) genauso wenig negativ wie den Aufschwung des Christentums nach dem aufgezwungenen Atheismus. Unsere Generation ist auf der Suche nach einem Glauben, der sich vom altbekannten Christentum unterscheidet.“


Im Gespräch mit Einheimischen wird klar, dass es in Lettland wirklich alles gibt: Katholiken, Lutheraner, Orthodoxe und Heiden. Um aber wirklich zu verstehen, was die Jugend bewegt, muss man Līgo und Jāni miterlebt haben. Dies sind die wichtigsten Feste im Land, bei denen die Haltung der Bevölkerung zur Religion klar wird. Gefeiert wird das Ende des langen Winters. „Für euch Katholiken wäre das Sankt Johannes“, lacht Elina, „aber wir lassen den Heiligen weg und sagen nur Johannes. Jānis ist auch einer häufigsten Namen in Lettland. Man sieht, dass wir uns von unseren vorchristlichen Wurzeln nicht abwenden. Wir haben es uns in einer Welt voll fantastischer Wesen, endloser Lagerfeuer, Blumenkränze und tausendjähriger Gottheiten gemütlich gemacht.“

Die lettische Spiritualität umfasst zahlreiche alte geometrische Symbole, die die Sonne, den Regen oder die Erde darstellen. Seit etwa zehn Jahren ist das Heidentum unter jungen Menschen sehr beliebt, da es im Gegensatz zum Christentum leicht verständlich und zugänglich ist. Kruzifixe und Heiligenbilder verlieren an Bedeutung, da kann man mit einem Kettenanhänger schon mehr aussagen. Auch wenn die Abbildung des Hakenkreuzes und des roten Sowjet-Sterns in Lettland seit 2013 offiziell verboten sind, begegnet man der Sawstika ab und zu noch im Privaten, wo sie für Männlichkeit, Feuer und Kraft stehen soll. Man schenkt sie Jungen als Zeichen des Respekts und der Freundschaft. Viele lassen sie sich auf Arme oder Beine tätowieren. Die Schlange ist dagegen ein weibliches Symbol, das Weisheit symbolisiert. Viele Mädchen haben Ketten oder Armbänder mit diesem Zeichen, obwohl man es traditionell am Rock trägt. Um das Haus zu schützen, hängt man ein schlichtes Dreieck als göttliches Symbol oder ein Bild der Schicksalsgöttin Laima an die Tür. Wichtig ist auch die Fruchtbarkeit, für die mehrere Symbole stehen. Diese zeigen die Bindung an die Landschaft.

„Ein Teil der baltischen Mythologie ist mit bestimmten Symbolen verbunden, der andere bezieht sich auf Pflanzen“, sagt Elina lächelnd. „Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich einmal mit meiner Großmutter durch den lettgallischen Wald gelaufen bin und einen Vogelbeerbaum (Rowan) gefunden habe. Der ist sehr wichtig, er beschützt das Haus vor bösen Geistern, Dieben und Blitzen. Also hat meine Großmutter ihn mitgenommen, in unserem Garten eingepflanzt und mir erklärt, dass es ein schwerer Fehler gewesen wäre, dies nicht zu tun. Er steht noch heute da.“

Jede Baumart hat ihre symbolische Bedeutung – das hat etwas Magisches und Märchenhaftes: „Auch die Birke ist ein wichtiger Baum, aus ihr gewinnt man nicht nur den Saft, ihr Holz wird auch traditionell zum Bau von Wiegen benutzt. Der wichtigste Baum in der lettischen Mythologie ist aber die Eiche, ein Symbol für Macht, Stärke und Widerstandskraft. Sie steht für die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen uns Menschen und Gott. Jungen tragen an Līgo und Jāni Kränze aus Eichenlaub. Wer in den Wäldern Lettlands nach der Liebe sucht, muss nach Rotklee und ovalen, fuchsiafarbenen Blumen Ausschau halten. Man kann sich aus diesen Blumen einen einfachen Kranz winden, aber am besten legt man sie zuhause unter das Kopfkissen. In der Nacht erscheint einem dann der künftige Ehemann.“

Nationale oder religiöse Identität?

Im Rahmen meiner Suche nach der lettischen Spiritualität treffe ich auf Ilze, die sich in den letzten Jahren stark an den Schamanismus angenähert hat. Sie sagt, dass der Glaube nicht getrennt von der persönlichen und nationalen Identität betrachtet werden kann. „Lettland ist kein wirklich christliches Land. Hier waren Schamanen und Naturgottheiten lange vor Jesus Christus bekannt und sie waren nie wirklich weg. Wir wurden im 12. Jahrhundert als letztes europäisches Land christianisiert. Niemand hat je ganz aufgehört, an schamanische Riten und die Kraft der Natur zu glauben. Dieses Land ist ein großer Wald, in dem schamanische Praktiken tatsächlich durchgeführt werden können.“

Ilze, die sich zu freuen scheint, dass sie ihre spirituelle Identität gefunden hat, beschreibt mir genauer, wie ihre Tage aussehen: „In meiner Gruppe machen einige Yoga, einige sind Buddhisten und einige suchen Schamanen auf. Eine Freundin hat mir erklärt, wie ein traditionelles schamanisches Ritual abläuft. Man geht zum Schamanen und erklärt ihm, was man für ein Problem hat. Er – oder sie – nimmt Kontakt zur jenseitigen Welt auf und schickt seine Seele auf die Suche nach Antworten. So wird eine Diagnose und eine Behandlung gefunden. Meistens wünschen sich die Leute Gesundheit, aber auch Geld und Erfolg. Traditionell muss das schamanische Ritual lang sein und nach Sonnenuntergang stattfinden, aber heute wird es aus praktischen Gründen oft verkürzt und tagsüber abgehalten.

Der faszinierendste Aspekt des Schamanismus heißt Yasa. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem turk-mongolischen Raum und ist auf den gesamten Schamanismus übergesprungen; er steht für die Auffassung, dass die Beziehung zwischen Mensch und Natur den Mittelpunkt religiöser Praktiken bildet. Ein ethisch-moralischer Kodex schreibt vor, der Natur Zeit zu lassen und ihre Bedürfnisse zu respektieren. Das ist ein uralter Umweltschutzgedanke, den wir Letten unbedingt ernst nehmen müssen. Gott ist in allem. Ihn zu achten bedeutet, dass wir unsere Wälder, unser Land, unsere Identität und uns selbst achten.“

In Sibirien und den baltischen Staaten sind die Schamanen zurück. Oder vielleicht waren sie nie wirklich fort, sondern haben während der sowjetischen Vorherrschaft nur eine spirituelle Pause eingelegt.

 

von Bernardo Bertenasco

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