“Litauen den Litauern” – Über eine Gesellschaft zwischen nationaler Identität und Verantwortung für nationale Minderheiten

Diskriminierung gegen Angehörige nationaler Minderheiten ist in Litauen nach wie vor ein Problem. Das hat nachvollziehbare Gründe – und muss gerade deshalb mehr kritisiert werden

 

Die scheiß Polen müssen geschlagen werden bis sie blau sind. Und danach sollten sie weiter geschlagen werden. Weil sie keine Menschen sind (…) ihr werdet vom Erdboden gewischt werden. Wir werden Kalaschnikows nehmen.

Es ist dies lediglich einer von rund vierhundertfünfzig im Internet veröffentlichten Kommentaren, die die in Vilnius ansässige Menschenrechtsorganisation European Foundation of Human Rights (EFHR) im Zuge ihrer Kampagne gegen sogenannte „hate speech“ gesammelt und den litauischen Strafverfolgungsbehörden übermittelt hat. Wie im deutschen Netz – besonders seit den Aufmärschen der PEGIDA und der verstärkten Aufnahme von Flüchtlingen – tauchen auch in litauischen Webportalen in den vergangenen Jahren zunehmend Kommentare auf, die Hasstiraden gegen Migranten, vor allem aber gegen ethnische Minderheiten enthalten; in vielen Fällen mit dem offenen Aufruf zu Gewalttaten.

Einzelfälle? Taten der üblichen ungebildeten rassistischen Wirrköpfe, denen man besser nicht zu viel Beachtung schenkt? Sicher, die weltmännische Diktion ist Sache der Urheber solcher Kommentare nicht, so wenig wie deren sprachliche und inhaltliche Aggressivität als repräsentativ für das Denken des Gros‘ der Mitglieder der litauischen Mehrheitsgesellschaft gelten kann. Doch sind Hasskommentare im Internet nur ein besonders augenfälliger Ausdruck einer generellen Abneigung gegen ethnische Minderheiten, die in Litauen besonders stark durch die jüngere Geschichte bedingt und in Gesellschaft, Politik und Recht systematisch angelegt ist.

 

Nationale Identität zwischen großer Vergangenheit und Realität

Lebt man als Ausländer in Litauen, so ist eines der besonders eindrücklichen Phänomene das Zusammenspiel zwischen dem betonten, teils faszinierenden, teils ziemlich dick aufgetragenen Stolz der Litauerinnen und Litauer auf ihre Geschichte, Kultur und Sprache, sowie der Art, wie der litauische Staat diesen Stolz demonstrativ nach innen und außen transportiert. Auffällig ist dabei die häufige Bezugnahme auf die mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte des Landes.

Dass dies in Litauen Tradition hat wird bei der Beschäftigung mit der Landesgeschichte schnell klar, waren doch Phasen souveräner und unabhängiger litauischer Staaten in jüngerer Zeit stets vom Blick auf eine Periode bestimmt, in der das damalige Großfürstentum Litauen zu einer europäischen Großmacht wuchs: Die Errichtung der ersten Republik 1918 war das Ergebnis der litauischen Wiedergeburtsbewegung, die von Ende des 19. Jahrhunderts an unter der Führung Intellektueller wie Vincas Kudirka und Jonas Basanavičius aufkam. Ihre Anhänger versuchten erfolgreich, durch Lieder, Literatur und Presseerzeugnisse das litauische Nationalbewusstsein und die Rückbesinnung auf die große Vergangenheit zu stärken, und schließlich eine Massenbewegung anzustoßen. Kudirkas und Basanavičius werden heute als Nationalhelden verehrt, das aus Kudirkas Feder stammende Lied „tautiška giesmė“ ist Litauens Nationalhymne.

Im Falle der Ende der 80er Jahre aufgekommenen Unabhängigkeitsbewegung Sajūdis genügt bereits ein Blick auf das Logo, um die Bezugnahme auf das Großfürstentum zu entdecken: die Spitze einer dreistufigen Pyramide, bei der jede Stufe in einer der Nationalfarben gehalten ist, bildet das in eine Sonne eingefasste Wappen des Großfürsten Gediminas I. Die heutige Republik Litauen ist aus dem Wirken Sajūdis‘ und dessen Vorsitzendem Vytautas Landsbergis heraus entstanden, dessen nationalkonservative Partei Tėvynės Sajunga („Vaterlandsbund“) aus Sajūdis‘ rechtem Flügel.

Das Streben nach historischer Kontinuität durch sein politisches Führungspersonal hat spürbaren Einfluss auf Litauens Gesellschaft und seine Kultur. Gelb-grün-rot und der weiße Vytis auf rotem Feld – die Nationalfarben und das Wappen sind allgegenwärtig im litauischen Alltag. Wer durch Vilnius‘ nördlich gelegene Stadteile Baltupiai oder Fabijoniškės wandert, findet dort in den Nationalfarben lackierte Klettergerüste auf Kinderspielplätzen; in denselben Farben leuchten bei Nacht auch an den Straßenlaternen angebrachte Zierfächer in den Hauptstraßen vieler Städte. Nicht nur in Zeiten großer Sportevents sieht man auffallend häufig Menschen mit Shirts, Mützen oder Schals, die mit den Farben, dem Wappen, mal mehr, mal weniger ernsthaften patriotischen Slogans und den Daten wichtiger historischer Ereignisse wie der Schlacht bei Tannenberg bedruckt sind. Weit verbreitet werden männlichen Kindern die Namen Mindaugas, Gediminas, Vytautas, Algirdas oder Kęstutis – die Namen der alten Großfürsten – als Vornamen gegeben. Das fällt auf, wenn man aus einem Land kommt, in dem Namen wie Karl, Heinrich, Wilhelm, Friedrich oder Otto nicht mehr gerade der letzte Schrei sind.

Das fortwährende Bestehen des litauischen Staates ist seiner heutigen Ausprägung Grundlage und Wesensmerkmal: die Verfassung stammt ihrer Präambel nach vom litauischen Volk, „das vor langen Zeiten den litauischen Staat schuf“ und „das seine Freiheit und seine Unabhängigkeit jahrhundertelang unerschütterlich verteidigte. Die achtunddreißig Jahre des Bestehens der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik waren nach offiziellem litauischem Duktus nur die „okupacija“, die Zeit der Besatzung; eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle Litauens innerhalb der UdSSR sucht man etwa in den Museen des Landes meist vergebens. Auch die beiden wichtigen, mit reichlich Pomp begangenen Nationalfeiertage dienen dazu, Brücken zur Vergangenheit zu bauen: der 16. Februar, an dem sich Litauen im Jahr 1918 von den Kriegsmächten Deutschland und Russland unabhängig erklärte, wird „Tag der Wiederherstellung des litauischen Staates“ genannt. Am 11. März dann wird der „Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Litauens“ – diesmal 1992 von der Sowjetunion – gefeiert. Und selbst eher unrühmliche Kapitel in der Geschichte unabhängiger litauischer Staaten finden ihren Platz im Streben nach nationalstaatlicher Kontinuität: dass sich Antanas Smetona 1926 mithilfe des Militärs an die Macht putschte, dass er 1928 das litauische Volk entmündigte, indem er rechtswidrig durch eine neue Verfassung einen diktatorisch durchregierten Polizeistaat errichtete; all das scheint kein Hindernis zu sein, auch heute noch Straßen, Plätze und Schulen nach eben jenem Antanas Smetona zu benennen. Immerhin habe er ja Litauen vor Schlimmeren bewahrt, indem er allzu radikale faschistische Kräfte im Land an die kurze Leine nahm.

Die betonte historische Kontinuität ist identitätsstiftend – und leistet nationalistischem Gedankengut Vorschub

geboren in Balingen, Baden-Württemberg. Nach Abitur im Jahr 2010 in Böblingen und Zivildienst an der Winterhaldenschule Sindelfingen Jurastudium an den Universitäten Konstanz und Tübingen mit dem Schwerpunkt Öffentliches Recht. Derzeit im Austauschjahr an der Mykolas Romeris University in Vilnius. Neben dem Bücherwälzen meist mit Arbeit für Amnesty International und brotloser Kunst beschäftigt.

 

1 KOMMENTAR

  1. Ein Artikel, der zum Nachdenken anregt. Als Litauerin, die bereits fast 18 Jahre in Deutschland lebt war es für eine Entdeckung eines völlig neuen Blickwinkels, da ich vieles so gar nicht gesehen habe.
    Jedoch sehe ich einiges genauso, und die Intoleranz der Litauer ist das, was mich nicht stolz macht. Und was mich sehr oft aufregt, wenn ich insbesondere in den sozialen Netzen manche Kommentare anschaue…
    Ein kritischer Artikel ist es auf jeden Fall, und ich wünsche meinem Heimatland, dass es in der Zukunft einiges an Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Nationen gewinnt, da es mit Verlust nationaler Identität nichts zu tun hat.

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