Mehr als nur Second-Hand

„Es ist echt harte Arbeit, auch wenn die Kunden das zuerst vielleicht nicht sehen”, erklärt Asnāte Borisova. Die Neunundzwanzigjährige arbeitet für das Geschäft „Otrā Elpa“ in Liepāja und eine Menge ihres Herzbluts steckt in diesem Laden. Vor zwei Jahren wurde dieser als Ableger eines ersten Standpunktes in Riga gegründet, denn dort lief das Geschäft gut. In Liepāja konnte davon zunächst nicht die Rede sein: „Am Anfang war es schwer, ohne die Unterstützung durch Riga hätte es wohl nicht funktioniert. Doch nun kennen die Menschen den Laden hier und sie mögen ihn. Jetzt ist es besser.“

© 2013, Ruth Karner
© 2013, Ruth Karner. Asnāte Borisova, Mitarbeiterin bei „Otrā Elpa“ in Liepāja

„Otrā Elpa“ ist etwas Einzigartiges in Lettland. Es handelt sich dabei um einen sogenannten Charity-Shop, der gespendete Kleidung und Gebrauchsgegenstände verkauft. Der Erlös wird dann an wohltätige Zwecke gespendet. Doch dem, was zunächst gewöhnlich klingen mag, liegt ein besonderes Konzept zugrunde, das am besten mit dem Logo des Ladens erklärt werden kann. Jenes besteht aus drei miteinander verbundenen spiralförmigen Kreisen vor grünem Hintergrund. „Sie stehen für unsere grundlegenden Werte: Umweltschutz, Nächstenliebe und soziale Verantwortung,“ erklärt Asnāte. „Otrā Elpa“ ist ein sogenanntes „green business“; das bedeutet, es ist in allen Geschäftsentscheidungen dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet.

Außerdem geht es „Otrā Elpa“ um die Vermittlung eines Bewusststeins für nachhaltigeres, bewussteres Leben. Diesem selbstauferlegten Bildungsauftrag kommt es nicht nur durch den Verkauf von gebrauchter Kleidung und Fairtrade-Produkten nach: regelmäßig werden in den Läden Veranstaltungen organisiert, die den Menschen die Grundlagen des Konzepts vermitteln sollen. Das können Konzerte sein, Gesprächsabende oder auch Workshops. Asnāte erzählt, dass sie neulich einen Batik-Workshop geleitet hat: „Batik nicht nur, weil es Spaß macht, sondern auch, weil man aus Altem etwas Neues machen kann.“ In diesem Sinne kann auch der Name des Geschäfts interpretiert werden: „Otrā Elpa“ beudetet zu deutsch etwa „der zweite Atem“. Darum soll es auch gehen: Altes soll wieder verwendet und nicht einfach weggeschmissen werden. Den Gegenständen wird quasi ein zweites Leben, „ein zweiter Atem“, geschenkt. „Natürlich ist es viel einfacher, billige Kleidung neu zu kaufen. Viele Leute machen sich beim Einkaufen keine Gedanken. Aber wenn man dann einmal darüber nachdenkt, wo die Sachen eigentlich herkommen, wer sie produziert hat und wie es sein kann, dass sie so billig sind, versteht man, dass das eigentlich total verrückt ist. “

Asnāte und den anderen geht es darum, ein Gefühl für Nachhaltigkeit in den Menschen zu entwickeln. „Wir wollen, dass die Leute verstehen, dass sie nicht alles neu kaufen müssen.” Nicht, dass das in Lettland nicht schon längst so wäre. Doch die Second-Hand-Shops, die dort einen beachtlichen Teil des Kleidungsmarktes bedienen, verkaufen meist billige Ware, mit der man in reicheren Ländern nichts mehr anzufangen wusste. „Uns geht es nicht darum, günstige Kleidung zu verkaufen, sondern darum nachhaltigen Konsum zu fördern“, stellt Asnāte klar. Teuer ist die Kleidung bei „Otrā Elpa“ zwar trotzdem nicht, jedoch wird auf ein gewisses Mindestmaß an Qualität geachtet. „Manche Sachen kommen gleich weg, die können wir einfach nicht mehr verkaufen. Wer nur wegen billiger Kleidung kommt, ist hier falsch“, setzt Asnāte hinzu.

Der Erlös des Ganzen deckt zum einen Miete und Gehälter, der weitaus größere Teil jedoch kommt am Ende jedes Monats einem anderen wohltätigen Zweck zugute. Gemeinsam mit den Kunden wählt der Laden eine Initiative oder Gruppe aus, die sich um die Spende beworben hat. Grundsätzlich steht die Bewerbung jedem offen und theoretisch könnten sich auch Privatpersonen bewerben, sofern sie ein soziales oder nachhaltiges Projekt planen. „Es ist wirklich sehr einfach“, erklärt Asnāte, „Die Ziele des Projekts und wie diese erreicht werden sollen muss erklärt werden.“ Priorität hat das Projekt, das den meisten Menschen zugutekommt. Projekte, die in der Vergangenheit gefördert wurden, schließen zum Beispiel Sommercamps oder Sportaktivitäten für Kinder aus sozial schwachen Familien ein. Dass diese Möglichkeit der Spendenfinanzierung besteht, scheinen in Liepāja jedoch noch nicht allzu viele Menschen mitbekommen zu haben: „Wir haben leider relativ wenige Bewerbungen und würden uns daher wünschen, dass mehr Leute darauf aufmerksam würden.“ Neben Geldspenden unterstützt der Laden soziale Initiativen auch durch Sachspenden und kooperiert dabei mit einer Vielzahl von Einrichtungen im Landkreis. Im Gegensatz zu kirchlichen Charity-Shops, von denen es in Lettland einige gibt, kann jeder von der Unterstützung durch „Otrā Elpa“ profitieren, was ein weiterer Grundsatz ist, der dem Konzept landesweite Einzigartigkeit verleiht.

©2013, Ruth Karner. Auf der Graudu Iela in Liepāja befindet sich "Otrā Elpa.Pludmale", die zweite Filiale des Geschäfts.
©2013, Ruth Karner. Auf der Graudu Iela in Liepāja befindet sich „Otrā Elpa.Pludmale“, die zweite Filiale des Geschäfts.

Die Idee für „Otrā Elpa“ kam seiner Gründerin Elīna Žagare 2009, als diese auf einer Englandreise von den vielen Charity-Shops der Insel fasziniert worden war. Weil es eine solche Wohltätigkeitskultur in Lettland bis dahin noch nicht gab, fasste Žagare den Entschluss, die Idee mit nachhause zu nehmen. Sie gründete die Non-Profit-Organisation „Ideju Partneri“ (Ideen Partner) und innerhalb von vier Monaten wurde das erste Geschäft in Riga eröffnet. Die zentrale Lage des Ladens, die für die schnelle Steigerung seiner Beliebtheit sehr wichtig war, wurde vor allem durch das Entgegenkommen der Stadt ermöglicht, die die Ladenfläche im ansonsten eher teuren Viertel Berga Bazārs für eine sehr geringe Miete zur Verfügung stellte. Nachdem das Konzept in Riga so gut aufgenommen worden war, entschlossen sich die Gründer, einen zweiten Laden außerhalb der Hauptstadt aufzumachen. Ihre Wahl fiel auf Liepāja, die an der Westküste gelegene drittgrößte Stadt des Landes. Heute beschäftigen beide Läden zusammen zehn Angestellte, doch ohne die Hilfe einiger Freiwilliger kommen sie dennoch nicht aus. Das weiß auch Asnāte: „Die Freiwilligen sind sehr wichtig für unsere Arbeit – ohne sie wäre es einfach zu viel.“

Asnāte, die sich schon vor ihrer Zeit bei „Otrā Elpa“ beruflich für Umweltschutz stark gemacht hatte, ist zufrieden mit ihrem Job. „Natürlich ist nicht alles rosa und blumig. Es ist anstrengend, gleichzeitig aber auch inspirierend, erfüllend und soweit der beste Job, den ich je hatte.“ Und in der Tat scheint es gut zu laufen für „Otrā Elpa“: Am 10. Juli wird in Riga eine dritte Filiale eröffnet. Darüber hinaus wird der Laden im selben Monat bei den größten Musikfestivals des Landes, dem Summersound in Liepāja und dem Positivus-Festival bei Salacgrīva, vertreten sein. Asnāte freut sich: „Wenn etwas gut läuft, dann soll es so sein. Mit „Otrā Elpa“ ist es wohl so.“

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
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