Migration: 232 Millionen Menschen befinden sich derzeit ausserhalb ihres Heimatlandes – Wer profitiert?

Noch nie lebten so viele Menschen weg von zu Hause: 232 Millionen Menschen befinden sich derzeit ausserhalb ihres Heimatlandes. 1990 waren es erst 150 Millionen. Doch wieso kommt es überhaupt zu Migration? Und wer profitiert?

Die grenzüberschreitende Migration konzentriert sich auf verhältnismässig wenige Länder: Etwa die Hälfte aller Migrantinnen und Migranten lebt in nur zehn Staaten. Die USA absorbieren mit über 45 Millionen Zuwanderern den grössten Anteil, gefolgt von Russland (11 Mio.), Deutschland (10 Mio.), Saudi-Arabien (9 Mio.) sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten und Grossbritannien (je 8 Mio.). Unter den Herkunftsländern führen Indien, Mexiko und Russland mit je rund 11 Millionen Emigranten die Rangliste an.

Aus ökonomischer Sicht wird Migration anhand verschiedener Faktoren erklärt, die nach der Richtung ihres Einflusses in Push- oder Pull-Faktoren unterteilt werden. Push-Faktoren wirken abstossend, sie bewegen Menschen dazu, ihr Land zu verlassen. Pull-Faktoren dagegen wirken anziehend. Eine trennscharfe Unterscheidung ist nicht möglich, zumal stets beide Antriebe mitspielen.

Push: Was Auswanderer abstösst

Zu den wichtigsten Push-Faktoren zählen politische Unsicherheiten wie Krieg, Verfolgung oder fehlende Freiheitsrechte, aber auch das Fehlen wirtschaftlicher Perspektiven. Sie treiben vor allem die Migration innerhalb des afrikanischen Kontinents, in Lateinamerika oder in Südasien an. Dabei erleben vor allem grosse Schwellenländer wie Südafrika, Brasilien oder Indien starke Zuwanderung aus ihren Nachbarländern. Über drei Millionen Menschen aus Bangladesch wohnen beispielsweise in Indien.

Länder wie Indien und Russland können gleichzeitig von Pull- wie auch von Push-Migration betroffen sein. Der Grund dafür: Die beiden Faktoren wirken sich unterschiedlich auf die verschiedenen Bildungsklassen innerhalb eines Landes aus. So sind Hochqualifizierte vergleichsweise mobiler und können oftmals zwischen verschiedenen Zieldestinationen wählen. Dadurch entsteht ein globaler Wettbewerb um die Talente. Länder mit starken Pull-Faktoren wie die USA ziehen die meisten Hochgebildeten an, eben auch solche aus Indien oder Russland. Umgekehrt sind Menschen zum Beispiel aus Bangladesch grösstenteils niedrig qualifiziert. Ihnen bleibt nicht viel mehr übrig, als ihr Glück im Nachbarland Indien zu versuchen.

Verlust an Wissen und Erfahrung

In den letzten zehn Jahren hat die Anzahl Zuwanderer mit höherem Bildungsabschluss in den hochentwickelten OECD-Ländern um 70 Prozent zugenommen. Schaut man die Herkunftsländer an, fällt auf, dass dort gerade die Hochqualifizierten am stärksten zur Emigration tendieren. Dies unterstreicht die hohe Mobilität von gut Ausgebildeten. Eine gewichtige Ausnahme bildet hierbei Mexiko, es wandern nämlich vor allem Mexikaner und Mexikanerinnen mit niedriger Qualifikation in die USA aus.

Aus der Perspektive des Destinationslandes ist die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte äusserst attraktiv, stillt sie doch den Fachkräftemangel, kurbelt so das Wirtschaftswachstum an und stabilisiert dabei sogar das Lohnniveau. Genau umgekehrt ist es in den Heimatländern der qualifizierten Migranten. Dort hat der sogenannte «Brain Drain» – der Verlust an Wissen, Erfahrung und gebildeten Arbeitskräften – negative Folgen. Von «Brain Drain» besonders stark betroffen sind einzelne kleine Länder und Inselstaaten in Afrika, Lateinamerika und der Karibik, deren Elite abwandert. In Guyana, Barbados oder Haiti etwa übersteigt der Anteil in OECD-Ländern lebender Gutqualifizierter denjenigen in der Heimat deutlich. In Europa weist Albanien mit 27 Prozent die höchste Auswanderungsrate unter den Hochqualifizierten aus, gefolgt von Rumänien (18%), Irland (17%) und Polen (16%).

Attraktive Schwellenländer

Weniger als 3,5 Prozent der Hochqualifizierten verlassen hingegen die grossen Schwellenländer Brasilien, China, Indien und Russland in Richtung OECD-Länder. Zwar nimmt auch dort die Emigration Gutqualifizierter in absoluten Zahlen gemessen zu. Doch sie wird mehr als wettgemacht durch eine rasche Zunahme an Gutqualifizierten im Inland. Es wird sich zeigen, ob die grossen Schwellenländer in Zukunft sogar Dynamiken entwickeln, die vermehrt Einwanderer aus den heutigen Immigrationsländern in Nordamerika und Europa anziehen und damit den Wettbewerb um mobile, gut ausgebildete Arbeitskräfte weiter verschärfen. Ein erstes Zeichen wäre, dass Studenten aus Schwellenländern, die im Ausland (z.B. den USA) ihre Ausbildung geniessen, nach dem Studium vermehrt wieder in ihr Heimatland zurückkehren.

Die Schweiz hungert nach Talenten

Die Zuwanderung ist eine wichtige Stütze des «Erfolgsmodells Schweiz». Seit der Arbeitsmarktöffnung im Rahmen der Personenfreizügigkeit mit der EU ist die Einwanderung primär durch die Arbeitsnachfrage der Unternehmen gesteuert. So waren 2013 fast 40 Prozent der Einwanderer in Branchen angestellt, die grosse Schwierigkeiten bekunden, qualifiziertes Personal mit höherer Bildung oder einem Hochschulabschluss zu finden – zum Beispiel im Maschinenbau, in der Uhrenindustrie oder im Gesundheitswesen. Die vergleichsweise gute Arbeitsmarktsituation ist ein entscheidender Pull-Faktor der Schweiz, der es ihr erlaubt hat, den Fachkräftemangel durch Zuwanderung auszugleichen. Diese Ausgangslage hat sich nach der eidgenössischen Abstimmung vom 9. Februar dieses Jahres verändert. Mit der Rückkehr zur Kontingentierung dürfte die Wirtschaft wieder grössere Mühe bekunden, qualifiziertes Personal zu finden. Allerdings werden die Details erst in den nächsten drei Jahren definiert. Es bleibt abzuwarten, wie stark sich die reduzierte Zuwanderung auf das Wachstum und den Wohlstand der Schweiz auswirken werden.

 

Von  Bettina Rutschi, Economic Research, Credit Suisse & Lukas Gehrig, Economic Research, Credit Suisse

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