Mittelbayerische Zeitung: “Barmherzig ans Ziel”

Pater Klaus Mertes, ehemaliger Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin
Pater Klaus Mertes brachte die Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit

Regensburg/ots/BR. Nach der Aufkündigung einer Missbrauchsstudie geht die katholische Kirche juristisch gegen Zensurvorwürfe des Kriminologen Christian Pfeiffer vor, dessen Institut ursprünglich mit der Studie beauftragt worden war.

Dazu schreibt Manfred Sauerer in der Mittelbayerische Zeitung: Wer an Seele und Körper verletzt wird, ohne sich wehren zu können oder zu dürfen, dem bleiben ein Leben lang Narben. Insofern wird es für die Opfer von Missbrauch und Gewalt den Punkt nie geben, an dem sie sagen können: “Ja, es ist alles getan, damit ich wieder uneingeschränkt in Frieden leben kann.” Auch die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche wird an diesem Punkt scheitern, selbst wenn von der Bischofskonferenz nach der Trennung vom Pfeiffer-Institut nun schnell eine Fortsetzung der Studie mit einem neuen Partner beschlossen wird.

Und doch haben diese Opfer ein Anrecht darauf, dass das Menschenmögliche getan wird, um ihre Situation zu verbessern. Anerkennungszahlungen und förmlich ausgesprochene Entschuldigungen sind dabei ja nicht viel mehr als sogenannte Hygienefaktoren. Es gilt, sich im Sinne der in der katholischen Soziallehre so wichtigen Solidarität um sie zu kümmern, etwa durch regelmäßige Besuche und Kontaktaufnahmen durch Personen, zu denen sie Vertrauen fassen. Darüber hinaus muss man den Opfern und der gesamten Öffentlichkeit deutlich machen, dass es einem ernst ist mit dem Ziel, solche Taten in aller Zukunft zu verhindern. Und zu dieser Prävention gehört es nun einmal, Wissenschaftlern eine zuverlässige Datengrundlage zur Verfügung zu stellen, die Aufschluss gibt über die in der römisch-katholischen Kirche Deutschlands von Klerikern und Mitarbeitern verübten Sexualdelikte.

Nur auf dieser Basis wachsen Erkenntnisse, die am Ende zu vorbeugenden und auch funktionierenden Maßnahmen führen. Natürlich machen Datenschutzgründe einen sorgfältigen Umgang mit dem Informationsfluss zwischen Kirche und Wissenschaft notwendig. Aber gegenseitiges Misstrauen schadet dabei sowohl dem Ansinnen als auch der Glaubwürdigkeit.

Im aktuellen Fall scheint die Chemie zwischen den handelnden Personen auf Seiten der Bischofskonferenz sowie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen nicht gestimmt zu haben. Okay, aber dennoch muss die Kirche peinlich genau darauf achten, eines ihrer wichtigsten Güter, die Glaubwürdigkeit, nicht aufs Spiel zu setzen. Geht sie deshalb juristisch gegen die Pfeiffer-Vorwürfe “Zensur” und “Aktenvernichtung” vor? Der Sache selbst, der Aufarbeitung und Prävention nämlich, wird es nicht dienen. Sollte die Kirche immer noch nach einem Rezept suchen, wie mit dem schwierigen Thema umzugehen ist, so könnte sie auf eigenem Fundament fündig werden: Sie muss barmherzig sein. Wer barmherzig ist, öffnet sein Herz fremder Not. Die Barmherzigkeit ist eine der Haupttugenden und wichtigsten Pflichten des Christentums. Sie überwindet alle Hürden. Und sie wird vom Empfänger anerkannt.

Foto:  © Aino Siebert

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