Moderner Kreuzzug: Aktion der extremen Katholiken in Estland

Postsendung zur Unterschriftensammlung gegen den Gesetzesentwurf
Postsendung zur Unterschriftensammlung
gegen den Gesetzesentwurf
zur Homoehe

In Estland hat eine, von einer kleinen Gruppe extremer Katholiken geführte, Initiative etwa 38.000 Unterschriften gegen die gesetzliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen gesammelt. Mit ihrer Aktion versuchen sie die ganze Bevölkerung zu radikalisieren.

Mit der am 15. Mai an Parlamentspräsidentin Ene Ergma übergebenen Unterschriftensammlung protestieren sie gegen einen Gesetzesentwurf des Justizministeriums. Es gilt jedoch wegen unterschiedlicher Auffassungen innerhalb der Koalition als unwahrscheinlich, dass vor der Parlamentswahl 2015 die Homo-Ehe anerkannt wird. Vor allem ist die konservative, der deutschen CDU nahe stehende ProPatria & Respublica Union gegen die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Ministerpräsident Andrus Ansip (Reformpartei) will aktuelle Regierungskoalition mit Einführung der Homo-Ehe nicht gefährden.

Homosexualität ist in Estland – ebenso wie in Lettland und Litauen – immer noch ein Hassthema. Schwule und Lesben sind sozialer Isolation und offenen Anfeindungen bis hin zu Gewalt ausgesetzt.

Ein Grund zur Homophobie sind zahlreiche in den Medien publizierte sachfremde und hasserfüllte Meinungsartikel, vor allem in der Tageszeitung Postimees, dem Internetportal Delfi und der Boulevardzeitung Õhtuleht.

Dementsprechend hatte auch die dem von radikalen Katholiken Varro Vooglaid gestartete Initiative gegen Homo-Ehe einen vorläufigen Erfolg, da die Medien nicht fähig waren, die Bevölkerung über die repressive Sexualmoral der katholische Kirche aufzuklären. Katholizismus ist in Estland und Lettland weitgehend fremd und so sind die estnischen Journalisten offenbar total überfordert, das Thema zu bearbeiten. Auch fragt keine Zeitung nach, woher das Geld für die kostspielige Werbekampagne (Büro im Edelstadtteil von Tallinn, luxuriöses Briefpapier, Briefmarken, auch für Rückantwort) gegen gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen stammt.

Ehrenmitglied des estnischen Journalistenverbandes als Hassredner
Die Petition wurde unterstützt von dem Soziologen mit sowjetischen Diplom, Ülo Vooglaid, Vater von Varro Vooglaid. Vooglaid Senior ist Ehrenmitglied des estnischen Journalistenverbandes (Eesti Ajakirjanike Liit/EAL) und veröffentlicht seit Jahren mit großen Erfolg primitiv formulierte Hassreden in verschiedenen Medien.

Der Vorsitzende der EAL und Vizechefredakteur der Wochenzeitung Maaleht (Landzeitung), Peeter Ernits, war nicht bereit, die Frage der Baltische Rundschau zu beantworten, wie ein Autor Ehrenmitglied in einer Journalistenvereinigung sein kann, die für Verhinderung von Diskriminierung und Missbrauch der Medien für Propaganda da sein soll. Sogar auf der Homepage von EAL steht deutlich unter Punkt 8: Eine Diskriminierung aus Gründen der Hautfarbe, des Geschlechtes, der sexuellen Orientierung, der Sprache, Nationalität oder Religion sowie der politischen Überzeugung ist nicht zulässig. EAL ist Mitgliedsverband der Internationalen Journalisten-Föderation, somit sollte auch in Estland der internationale Ehrenkodex, der im Jahr 1954 von der Kongress der IFJ für Journalisten formuliert und 1986 ergänzt wurde („Declaration of Principles on the Conduct of Journalists“) gelten.

Prominente homophobe Unterstützer der Aktion
Außer dem bekennenden Katholiken Ülo Vooglaid haben die Petition gegen die Homo-Ehe andere prominente Unterstützer unterschrieben: Vize-Admiral Tarmo Kõuts, Politiker Tõnis Lukas, Professor an der Universität Tartu Tõnu Lehtsaar und Olympiasieger Erki Nool.

Tõnis Lukas war 2007-2011 im Kabinett von Ministerpräsident Andrus Ansip Minister für Bildung und Forschung. Bei der Parlamentswahl 2011 wurde er als Abgeordneter in den Riigikogu gewählt. Lukas gehört, wie auch Vizeadmiral Kõuts, der konservativen Partei ProPatria & ResPublica Union an.

Professor Tõnu Lehtsaar veröffentlicht, wie auch Ülo Vooglaid, seit Jahren homophobe Artikel in der Medien. Die Universitätsleitung in Tartu scheint derartige Tätigkeiten des Professors für Religionswissenschaft nicht zu stören.

Erki Nool ist Olympiasieger in Zehnkampf bei den Spielen 2000 in Sydney. Danach wurde er zu einem Volkshelden. Als er von Australien zurückkam, feierten ihn 80 000 Menschen auf dem Flughafen von Tallinn. Seit 2007 sitzt Nool als Abgeordneter im Riigikogu, dem estnischen Parlament, für die konservative ProPatria & ResPublika Union. Nool war Estlands Sportler des Jahres 1996-1998 und 2000. 2001 bekam er den Orden des Estnischen Roten Kreuzes. Jetzt wandelt sich der einstige Sportheld zu einem Extremisten.

Menschenfeindlichkeit par excellence
Die Unterschriftsammler verteidigen angeblich die „normale Ehe“ zwischen Mann und Frau. Sie behaupten niemanden zu diskriminieren zu wollen. Die Wirklichkeit sieht jedoch anderes aus.

Menschen mit rassistischen Vorurteilen verweigern bestimmten Gruppen Anerkennung und soziale Leistungen und/oder privilegieren andere Gruppen. Rassistische Theorien und Argumentationsmuster dienen der Rechtfertigung von Herrschaftsverhältnissen und der Mobilisierung von Menschen für politische Ziele. Die Folgen von Rassismus reichen von Vorurteilen und Diskriminierung über Rassentrennung, Sklaverei und Pogrome bis zu sogenannten „Ethnischen Säuberungen“ und Völkermord. Auch Homophobie führt zu blutigen Auseinandersetzungen, wie vor kurzem in Frankreich zu beobachten war, oder zu Überfallen und Morden, wie aktuelle Meldungen aus Russland berichten.

Der Rechtswissenschaftler Varro Vooglaid ist sich scheinbar bewusst, dass er eine diskriminierende und rassistische Aktion gestartet hat, denn nur für Gleichgesinnte mit einem Passwort ist auf der Homepage der Initiatoren eine separate pseudowissenschaftliche Infobox eingerichtet, http://saptk.ee/naited/, wo Beispiele über die Gefährlichkeit der Homosexualität zu finden sind.

Es ist erschreckend, dass sich in Estland kein Politiker, keine Intellektueller und kein Journalist dieser Radikalisierung in der Bevölkerung bewusst ist. Die Aktion gegen die Homo-Ehe ist nicht anderes als ein moderner Kreuzzug wie im Mittelalter gegen Andersgläubige.

 

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
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