Olympische Spiele in Sotschi: Höher, schneller, weiter – Putins One-Man-Show

Mit einer feierlichen Eröffnung beginnen am heutigen Freitagabend die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Einige Kommentatoren kritisieren vor allem die Milliardenausgaben für Sportstätten und Infrastruktur. Andere werten es als positiv, dass durch die Spiele auf die Menschenrechtslage in Russland aufmerksam gemacht wurde

 

Ausverkauf der Spiele

Die diesjährigen Olympischen Spiele sind für die linksliberale Tageszeitung Delo (Slowenien) ein Beweis dafür, dass das Geld die einzige Autorität dieser Zeit ist:

Sotschi ist eine Art Höhepunkt der Geschichte, die bei den Winterspielen in Sarajevo 1984 begonnen hat, als das Kapital die Winterspiele für immer verändert hat. Wie auch immer die Spiele in Sotschi ausfallen mögen, sie sind sicherlich ein Rezept für die nahe Zukunft der olympischen Bewegung. Unter der Leitung des IOC wird sich das Großkapital, sei es privates oder staatliches, Städte und Regionen unter den Nagel reißen. Wenn wir dieser Tage in Sotschi hören, wie sich die westlichen Staatsbürger, allen voran die Amerikaner, über die sündhaft teuren Investitionen auslassen, muss man sich nur ein wenig umschauen. Die Namen der riesigen Hotels sagen alles: Mariott, Radisson, Park Inn…

 

Über Sponsoren Einfluss auf Olympia nehmen

Das Internationale Olympische Komitee ist nicht in der Lage, Einfluss auf die Austragungsländer und ihre Menschenrechtspolitik zu nehmen, meint die Boulevardzeitung Aftonbladet (Schweden). Sie plädiert dafür, dass die Verbraucher mit ihren Kaufentscheidungen Druck auf die Olympia-Sponsoren ausüben:

Als das russische Gesetz gegen die ‚Homosexuellenpropaganda‘ beschlossen wurde, hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die olympischen Sponsoren aufgefordert, sich davon zu distanzieren um Druck auf das Internationale Olympische Komitee auszuüben.

… Die Sponsoren haben nicht auf die Menschenrechtsorganisation gehört und stehen jetzt vor einer PR-Katastrophe.

… Kritik am IOK nützt wenig. Denn es fehlt hier die demokratische Struktur. Bedauerlich genug, dass der Weg für Menschenrechte offenbar nur über die Sponsoren gehen kann. Deshalb müssen wir deutlich machen, dass wir viele sind, die keine Produkte von Unternehmen kaufen wollen, die indirekt brutale Regime unterstützen.   

Große Sorge vor Anschlägen

Mit dem Auftakt der Olympischen Spiele in Sotschi beginnt am heutigen Freitag auch eine großangelegte Sicherheitsoperation, erinnert die Wirtschaftszeitung Hospodářské (Tschechien) noviny an die Sorgen vieler vor möglichen Anschlägen:

Kritiker des Internationalen Olympischen Komitees fragen, was sich deren Mitglieder dabei gedacht hatten, die Spiele nach Sotschi zu vergeben statt etwa ins österreichische Salzburg. Nicht nur, dass sie Winterspiele in subtropisches Klima verlegten, sondern auch in unmittelbare Nachbarschaft des latenten Konflikts zwischen Russland und den radikalen Islamisten aus dem Kaukasus. Die Terroranschläge vom Dezember in Wolgograd und die aktuellen Drohungen gegen einige der teilnehmenden Mannschaften geben den Kritikern Recht.

… Seit München 1972 waren alle Olympischen Spiele potenzielle Angriffsziele. Die Spiele in Sotschi aber werden noch problematischer werden. Das Abschiedszeremoniell findet genau an dem Tag statt, da sich der Beginn der brutalen Stalinschen Deportation der Tschetschenen und Inguschen aus dem Kaukasus in zentralasiatische Republiken zum 70. Mal jährt.

Menschenrechte wichtiger als Sportfest

Die Winterspiele von Sotschi sind zu einem Symbol für Menschenrechte geworden, lobt die linksliberale Tageszeitung De Morgen (Belgien):

Menschenrechtsorganisationen haben anlässlich dieser Spiele eine der erfolgreichsten Kampagnen der vergangenen Jahre geführt – für Meinungsfreiheit für die Frauen von Pussy Riot, gegen die drakonischen Maßnahmen gegen die russische Presse, die Anti-Homogesetze und die unglaubliche Gewalt gegen Homosexuelle: Sehr viele Menschen in der Welt sind aufgewacht und verteidigen das Gleichheitsgebot .

… Wir müssen uns keine Illusion machen: Präsident Putin hat in der Vergangenheit nie viel Respekt für demokratische Freiheiten und das Recht auf freie Ausübung der Sexualität von volljährigen Partnern gezeigt. Er wird heute bei der Eröffnungsfeier auch nicht sagen, dass er seine Meinung geändert hat. Aber inzwischen hat die freie Welt ein besonders kräftiges Signal abgegeben. Der Weg zu gleichen Chancen und Rechten ist unwiderruflich eingeschlagen und wird dauerhaft verteidigt.

 

 

Putins One-Man-Show

Korrupte Sportfunktionäre zerstören den olympischen Geist, bedauert die Regionalzeitung Le Berry Républicain (Frankreich):

Man wird sich früher oder später dazu entschließen müssen, die berühmte olympische Devise ‚höher, schneller, weiter‘ zu aktualisieren. Es wäre nicht übertrieben, sie durch ‚teurer, verrückter, unmenschlicher‘ zu ersetzen. Der Sport dient nicht erst seit heute Regimen, die sich Ansehen verschaffen wollen, als Propaganda-Werkzeug, aber [Sotschi] übersteigt alles bisher Dagewesene. Am verwerflichsten ist das Verhalten der Funktionäre von IOC und Fifa, die den korrupten ‚Aufmerksamkeiten‘ von Kandidatenländern gegenüber empfänglicher sind als gegenüber den Interessen der Sportler, die sie repräsentieren.

… Die Olympischen Spiele von Putin werden doppelt so viel kosten wie die Olympischen Sommerspiele von Peking.

… Was haben die Russen davon? Noch nie war eine weltweite Sportveranstaltung so sehr vom Willen eines einzigen Mannes abhängig, der sie dazu nutzen wird, seine Muskeln spielen zu lassen.

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
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