Baltische Tragödie: Baltischer Chronist (Teil 2)

Das spannungsvolle Mit-, Nebenund Gegeneinanderleben von Letten, Deutschbalten und Russen im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs schildert die Romantrilogie „Baltische Tragödie“ des fast vergessenen Autors Siegfried von Vegesack

 

Von Dr. Roswitha Schieb

 

[dropcap size=big]S[/dropcap]elbst Spross einer deutschbaltischen Adelsfamilie, die etwa siebenhundert Jahre in Livland ansässig war, wuchs er Ende des 19. Jahrhunderts auf einem livländischen Gut auf, verließ das Baltikum aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg.

Er ließ sich bei der Burg Weißenstein im Bayerischen Wald nieder.

In seiner Romantrilogie breitet er panoramatisch die Geschichte des Baltikums, vor allem Livlands und Rigas von den letzten Jahrzehnten der russischen Zarenherrschaft über den Ersten Weltkrieg bis zur Machtübernahme durch die junge Sowjetunion aus.

Dabei schildert der erste Teil aus der Kinderperspektive der Hauptfigur Aurel das behäbige, saturierte Leben des Landadels von Alt-Livland, doch werden hier schon Risse und Brüche zwischen den grundbesitzenden, deutschbaltischen Adligen und den abhängigen Letten angedeutet. Der zweite Teil thematisiert die lettischen Aufstände zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die aus deutschbaltischer Sicht als unverrückbar angesehene Gesellschaftsordnung gerät ins Wanken, wird aber letztlich noch durch das russisch-zaristische Militär geschützt.

Der dritte Teil dann, „Totentanz in Livland“, zeigt in einem großen Tableau die schwierigen Loyalitäten der Deutschbalten im Ersten Weltkrieg, die prekäre Stellung der Letten und das gewaltsame Auftreten der neuen Sowjetarmee.

 

Konservativ, aber nicht konform

[dropcap size=big]D[/dropcap]ieser teils autobiographisch geprägte, teils fiktive Roman, der aus der eher konservativen deutschbaltischen Perspektive erzählt, wartet mit einem ebenso differenzierten wie lebendigen Bild des Kräftegleich- und -ungleichgewichts in dieser Region auf.

1933 bis 1935, also in den ersten Jahren der NS-Zeit erschienen, steht der Roman quer zur NS-Propaganda.

Die Einbandgestaltung des Romans „Baltische Tragödie“ zeigt oben die baltische Landidylle, in der Mitte die Silhouette von Riga und unten die kriegerische Verheerung Livlands.
Die Einbandgestaltung des Romans „Baltische Tragödie“ zeigt oben die baltische Landidylle, in der Mitte die Silhouette von Riga und unten die kriegerische Verheerung Livlands.

Vegesack geriet vielmehr mehrfach mit nationalsozialistischen Machthabern aneinander und wich einige Male ins Ausland aus, bevor er während des Zweiten Weltkriegs unter anderem im Baltikum als Dolmetscher eingesetzt wurde.

Dort verfasste er kritische Texte zur Kriegslage, die erst nach der NS-Zeit unter dem Titel „Als Dolmetscher im Osten“ (1965) veröffentlicht werden konnten.

In seiner „Baltischen Tragödie“, diesem großen livländischen Tableau, das von 1890 bis 1919 reicht, geht es nicht um ein naiv-fröhliches multikulturelles Miteinander, sondern um die brisante Situation einer multiethnischen Region.

Dabei arbeitet Vegesack mit Perspektivierungen und führt deutschbaltische, lettische und russische Positionen zum Teil erbittert gegeneinander.

Obwohl selbst dem deutschbaltischen Adel zugehörig, ist es dem Autor durchaus möglich, den Untergang der Deutschbalten durch das Festhalten an unzeitgemäßen Privilegien selbstkritisch zu betrachten.

So heißt es aus der Zeit um 1900 aus der Perspektive eines lettischen Bewohners Livlands:

„Mit wenigen Ausnahmen war das baltische Herrentum asozial veranlagt; man lebte gut und kümmerte sich nicht viel um den lettischen Bauern. Als Lette [..] hatte man es nicht leicht, sich hinaufzuarbeiten,
zu studieren…“.

 

Riga vor 100 Jahren: Wechselvolle Geschichte (Teil 1)

 

Fortsetzung folgt:

Riga vor 100 Jahren: Deutsche, Russen und Letten (Teil 3)

 

Globus

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