Sexueller Missbrauch in Polen: Beschämt und reumütig

Mit einem beispiellosen Bußgottesdienst hat sich Polens Kirche für sexuelle Gewalt gegen Kinder durch Geistliche entschuldigt

Ungeachtet dessen soll in einem ersten Schadenersatzprozess gegen ein Bistum auch der Warschauer Kardinal Kazimierz Nycz als Zeuge befragt werden. An der Messe in Krakau nahmen auch der neue Primas, Erzbischof Wojciech Polak, der Apostolische Nuntius, Erzbischof Celestino Migliore, und der Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz teil.

 

„Umfassend helfen und zuhören“

Im Namen des Episkopats sagte der Bischof Piotr Libera (Plock) in seiner Predigt: „Beschämt und reumütig bitten wir um Vergebung. Wir bitten Gott und wir bitten die Menschen darum, die durch Priester verletzt wurden.“ Die Kirche müsse das „Problem der Pädophilie“ in ihren Reihen erkennen, den Opfern umfassend helfen und ihnen zuhören.

Ausführlich zitierte Libera ein von einem Geistlichen sexuell missbrauchtes Mädchen. Dieses habe lange geglaubt, dass ein Priester nichts Schlechtes machen könne und die Schuld für dessen Taten bei sich gesucht. Der Bußgottesdienst solle, so Libera, Solidarität und tiefes Mitgefühl mit den Opfern ausdrücken. „Wir Bischöfe bekennen darüber hinaus, dass wir uns zu oft, statt das Wohl der Kinder an die erste Stelle zu stellen, von Betrug, Heuchelei und den Leugnungen der pädophilen Täter täuschen ließen.“ Lange seien Missbrauchsfälle fälschlich als Problem allein westlicher Länder angesehen worden, so der Bischof. Die Kirche achte nun bei der Auswahl der Priesteramtskandidaten verstärkt auf „Probleme sexueller Natur“.

 

Zahl der Opfer

Die Messe war Teil einer Konferenz an der Krakauer Jesuiten-Universität Ignatianum über Kindesmissbrauch in der Kirche. Der nationale Kirchenbeauftragte für den Schutz von Kindern, P. Adam Zak SJ, räumte dabei ein, die Zahl der Opfer sei unbekannt. Eine Umfrage bei Gerichten habe nur ergeben, dass von 2010 bis 2013 mindestens 19 Priester wegen sexuellen Verbrechen an Kindern verurteilt worden seien. Während die meisten polnischen Medien wohlwollend über den Bußgottesdienst berichteten, war er der mit „Radio Maryja“ verbundenen nationalkatholischen Tageszeitung „Nasz Dziennik“ nicht einmal eine Meldung wert. Libera hatte in der Messe kritisiert, ein Teil der Kirche wolle die Missbrauchstaten nicht wahrhaben.

Anders als die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zu Missbrauchsfällen sehen die der Polnischen Bischofskonferenz nicht vor, dass Opfer finanzielle „Leistungen in Anerkennung des Leids“ beantragen können. In einem Prozess fordert jetzt ein Opfer vom Bistum Koszalin-Kolobrzeg (Köslin-Kolberg), einer Pfarrei und deren zu einer Haftstrafe verurteilten ehemaligen Pfarrer insgesamt etwa 48.000 Euro. Der Kläger wirft der Kirche vor, von pädophilen Neigungen des Priesters gewusst, aber keine Konsequenzen gezogen zu haben. Im September sollen die ehemaligen Ortsbischöfe Nycz (heute Erzbischof von Warschau) und Marian Golebiewski (früherer Erzbischof von Breslau) aussagen.

 

Oliver Hinz 

(C) 2014 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH

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