Späh-Skandale, Stasi-Spitzel und Demokratie in Russland

[notice noticeType=“info“ ]Foto: Roland Jahn, Leiter der Stasiunterlagenbehörde BStU[/notice]

Der Herr der Stasi-Akten

Er ist Rebell und Behördenchef. Vor 30 Jahren ging es für ihn unfreiwillig in den Westen – dieser Tage äußerst freiwillig gen Osten. Mit im Gepäck die recht unbescheidene Forderung: „Öffnet die KGB-Archive!“

Einen kurzen öffentlichen Auftritt des prominenten Deutschen hatte Moskau bereits gesehen. Am Vorabend des Gedenktags an die Opfer politischer Repressionen am 30.Oktober gibt der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) Roland Jahn vor dem FSB-Gebäude an der Lubjanka symbolisch zwei Opfern des stalinistischen Terrors ihre Namen zurück. „Das sind keine abstrakten Wesen, sondern Menschen mit Schicksalen“, sagt der Mann, dessen Behörde über mehr als 111 Regalkilometer Stasi-Unterlagen der ehemaligen DDR und anderthalb Millionen Fotografien wacht.

Vielmehr nicht wacht, sondern sie offenhält – für „jedermann auf der Welt“. Fast zwei Millionen Betroffene haben seit der Gründung der BStU 1990 (damals unter der Leitung des heutigen Bundespräsidenten Joachim Gauck) in ihre persönlichen Akten geschaut, sagt Jahn bereits bei seinem zweiten Auftritt – am Tag nach dem Gedenktag spricht er im Moskauer Menschenrechtszentrum Memorial über die Stasi-Archive.

Das Leben der Anderen

Eine der ersten Fragen an den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler gilt dem Spielfilm „Das Leben der Anderen“. „Der Film ist Fiktion“, stellt Jahn sofort klar. „Diesen Stasi- Offizier, der sich gewandelt hat, gab es in der Realität nicht. (…) Von den Akten und den Zeitzeugen her ist so ein Fall nicht bekannt. (…) Aber mit dem Film wurde ganz viel aufgezeigt von der Art und Weise, wie die Stasi gearbeitet hat. Die Methoden der Vernehmung, die Abhörmethoden, die Eingriffe in das Leben der Menschen, wie man sie versucht hat, zu „zersetzen“. (…) Diese Methoden sind wirklich sehr realistisch dargestellt.“

Mitarbeiter der BStU rekonstruieren zerrissene Stasi-Akten
Mitarbeiter der BStU rekonstruieren zerrissene Stasi-Akten

Ein älterer Herr hat eine weniger cineastische Frage: „In Deutschland gab es diese Aufarbeitung – sowohl des Faschismus als auch die ‚Entstasifizierung’. Warum nicht in Russland?“

Natürlich beobachte er die Situation in Russland schon lange, formuliert der Bundesbeauftragte vorsichtig. Das „Warum“ bleibt unbeantwortet im Raum stehen. Der Schulterschluss mit russischen Bürgerrechtlern, den er in Moskau sucht, soll nicht zuletzt auch Deutschland zugutekommen, fährt Jahn fort. „Wer die Arbeit der Stasi analysieren will, kann das nicht ohne den Blick auf die Zusammenarbeit zwischen MfS und KGB. Deswegen ist es auch für uns wichtig, dass die KGB-Archive geöffnet werden, damit auch unsere Forscher dort forschen können.“

Kooperation unter „Freunden“

Nicht zufällig starte seine Behörde soeben ein Forschungsprojekt zur Kooperation von Stasi und KGB. Zu den so genannten „Freunden“ vom KGB gab es eine enge Zusammenarbeit bis zum Fall der Mauer, „zunächst intensiver, dann lockerer“, führt Jahn aus. „Wir wissen, dass eine Ablage zur Zusammenarbeit zum Teil vernichtet wurde“, so der BStU-Chef. „Grund zur Hoffnung“ geben jedoch tausende Säcke an zerrissenen Dokumenten, denen noch Geheimnisse und Schicksale entlockt werden könnten.

„Stasi und KGB hatten sich immer abgesprochen, wenn sie Spitzel werben, auch das ist in den Akten überliefert.“ Die Stasi habe bekundet, dass sie sich an die Abmachung gehalten hat. „Ob der KGB sich auch daran gehalten hat, wissen wir nicht. Auch das würden wir gerne aus den KGB-Archiven erfahren.“

Eine Diskussionsteilnehmerin will wissen, was auf die Verweigerung der Kooperation mit der Stasi stand. „Das war ganz verschieden.“ Der BStU-Chef bringt ein Beispiel aus seiner Biographie: „Selbst zu mir kam die Stasi und sagte, sie würde gern mit mir ins Gespräch kommen. Sie sprachen von einer Gefahr für meine Freunde durch westliche Geheimdienste; man hätte doch ein gemeinsames Anliegen.“ Als Belohnung wurde ihm angeboten, wieder studieren zu dürfen. Die Herangehensweise der Geheimpolizei war dabei „gar nicht plump“, so Jahn. „Es muss ja nicht so schlimm sein, man muss ja niemanden ausliefern, nur ab und zu mal sagen, wie’s den Freunden in Westberlin geht –so funktionierte die Anwerbung. Was waren die Folgen? Es hat niemanden das Leben gekostet – nur höchstens das Wohlleben. Die Frage, was das für einen selbst bedeutet, musste man mit sich selbst ausmachen.“

Späh-Skandale, Stasi-Spitzel und Demokratie in Russland

Nach 90 Minuten Fragestunde fällt der naheliegende Vergleich zur allumfassenden Überwachung durch Geheimdienste in verschiedensten Ländern der heutigen Welt. Die Parallele lässt der 60-Jährige aus Jena nicht gelten. „Die Stasi war kein Geheimdienst, kein Nachrichtendienst, sondern eine Geheimpolizei, die im Auftrag einer Partei die Macht gesichert hat. Sie hat mit ihrer Arbeit die kommunistische Diktatur in der DDR gesichert und die Grundrechte verletzt. Das ist der Unterschied zu Geheimdiensten.“

Aktenregale in der Berliner Zentrale der Stasi-Unterlagenbehörde
Aktenregale in der Berliner Zentrale der Stasi-Unterlagenbehörde

Seine Behörde erfahre mittlerweile auch große internationale Anerkennung, „auch aus arabischen Ländern, Ländern des Umbruchs“, resümiert der BStU-Leiter am Ende des Abends. Die Frage, die ihm Gäste aus dem „Arabischen Frühling“ stellen: „Wie habt ihr das in Deutschland gemacht?“

Drei Grundpfeiler der Geschichts-Aufarbeitung – Unrecht müsse Unrecht genannt werden, den Opfern Wiedergutmachung widerfahren und Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung über die Mechanismen der Diktatur und wie es dazu gekommen ist – „gelten für alle Länder und sollten auch hier in Russland gelten“.

Die Erkenntnisse aus den kilometerlangen Stasi-Akten-Regalen müssen heute genutzt werden, um die Demokratie zu stärken, sagt der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Ein Feld, auf dem Jahn, wie er zuvor bereits im Gespräch mit RIA Novosti festgestellt hatte, für Russland einiges an Nachholbedarf sieht.

 

von Angelika Wohlmuth

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
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