Überlebensdrama im Bunker – In Vilnius können Mutige die Sowjetunion am eigenen Leib erleben

Nach drei Stunden Sowjetunion gibt es zum Beweis ein Zertifikat für die mutigen Touristen
Nach drei Stunden Sowjetunion gibt es zum Beweis ein Zertifikat für die mutigen Touristen
Foto: Storch

„Tak totschna“, hallt es immer entlang der kahlen Wände. Auf die Befehle des Sowjet-Kommandanten antworten die 20 „Bürger der Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen“ mit einem lauten „Jawohl“. Es ist ein besonderes Schauspiel, dass die Fans der guten alten Sowjetunion 25 Kilometer außerhalb von Litauens Hauptstadt Vilnius erwartet. Im Sowjet-Bunker „1984 – Back in the USSR“ können sich Mutige fünf Meter unter der Erde von Sowjet-Kommandanten erniedrigen, demütigen und umher scheuchen lassen.

Nach der Ankunft im entlegenen Bunker 25 Kilometer außerhalb von Vilnius gibt es das Wichtigste vom Sowjet-Kommandant gleich zu Beginn: Das Denken ist ab sofort einzustellen, denn das übernimmt die Partei. Stattdessen gilt es für die Gruppe von internationalen Studenten, die an diesem verschneiten Samstagnachmittag einen Hauch von Sowjetunion schnuppern werden, zu gehorchen. Antworten des Majors sind stets laut und deutlich mit „Jawohl“ zu beantworten. Denn im Bunker gelten wie zu Sowjet-Zeiten nur zwei Regeln: Erstens hat der Kommandant immer Recht und hat er mal Unrecht, greift Regel Nummer eins.

Eingekleidet in schwarzen und blauen Arbeiterjacken heißt es zu Beginn erst einmal Aufstellung nehmen. Stillgestanden, Füße zusammen, Jacken schließen. In der Sowjetunion herrscht Zucht und Ordnung. Unter dem Gebell eines Schäferhunds geht es dann im Laufschritt nach draußen. Eine unauffällige Tür markiert den Eingang zum Bunker.

Panzer rollten aus

Der Bunker wurde in den 1980er Jahren als geheime Fernsehsendeanlage gebaut. Zu Propagandazwecken, wie der Kommandant erklärt. Während des Kampfes um die Unabhängigkeit Litauens hatten sowjetische Truppen von hier im Januar 1991 einen Angriff auf den Fernsehturm gestartet. Bei dem Versuch die Truppen aufzuhalten starben 13 litauische Freiheitskämpfer, Tausende wurden verletzt.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion stand das rund 4000 Quadratkilometer große Bunkerlabyrinth leer. Überlegungen ein Gefängnis aus dem Bunker zu machen wurden nicht realisiert. So kam es das vor fünf Jahren der litauische Regisseur Jonas Vaitkus gemeinsam mit Produzentin Rūta Vanagaitė das „Überlebensdrama“ ins Leben rief. Schauspieler mimen dazu die Sowjet-Offiziere nach, während die maximal 40 Besucher in die Rollen der “Bürger der Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen” schlüpfen. Vor Betreten des Bunkers ist daher eine “Bürgerschaftserklärung” zu unterzeichnen, in der die Besucher erklären sich den Anweisungen widerspruchslos zu fügen. Denn die Schauspieler agieren ohne Drehbuch und sind nicht immer zimperlich. Einige mussten sogar schon entlassen werden, weil sie während dem Schauspiel zu weit gegangen waren.

Im Bunker angekommen wird zunächst einmal die Parteiideologie indoktriniert. Dazu heißt es vor der Statue des Revolutionsführers Lenin Aufstellung nehmen. An den Wänden hängen Karten der Sowjetunion, neben dem kleinen Fernseher ein Poster der gehissten Sowjet-Flagge am Berliner Reichstag. Stolz berichte der Kommandant, dass die Sowjetunion ein Sechstel der ganzen Welt beträgt. Es folgt ein Film über die militärische Ausbildung sowjetischer Jugendlicher. Weil der eingeschüchterte estnische Student die anschließende Frage, welcher Feiertag am 1. Mai begangenen wird, nicht beantworten kann, wird er vom Aufseher mit Schäferhund abgeführt. Jeder Wille kann gebrochen werden. Das wird schnell deutlich im Bunker. Teilnehmer Kristian aus Bulgarien kann sich kaum vorzustellen, dass es in Sowjetzeiten wirklich mal so vonstattenging: „Heute ist ja alles nur nachgespielt und man weiß, dass einem nichts passieren kann. Aber es ist schon krass sich vorzustellen so etwas wirklich mitmachen zu müssen.“

Nachdem die kommunistische Ideologie verinnerlicht ist, geht es weiter im dunklen Bunkerlabyrinth. Im nächsten Raum warten Gasmasken auf die Ankömmlinge. Drei Sekunden brauche jeder Sowjet-Schüler um eine Gasmaske aufzuziehen, erklärt der Major. Die Gasmaske solle beim Aufziehen nicht wie ein Kondom gehalten werden, scherzt der Kommandant.

Visitors wear gas masks during a visit to the Soviet Adventure Park
Modirg riecht es unter den Gasmasken

Streng und modrig ist die Luft unter einer solchen Gasmaske. „Tak totschna“, lautet trotzdem die Antwort der „Bürger“ auf die Frage des Kommandanten, ob es ihnen unter der Gasmaske gefällt. Die Gruppe hat schnell verstanden worum es in der Sowjetunion geht. Gehorsam und Loyalität stehen an erster Stelle.

Im Sowjet-Bunker wird nur Russisch gesprochen. Nur manchmal übersetzt die „Assistentin“ des Kommandanten auf Englisch. Ansonsten geht es darum, Geschichte nicht bloß zu sehen oder anzufassen, sondern sie am eigenen Leib zu erleben. In welchem Museum sonst wird der Besucher an der Wand stehend von einem Schäferhund auf Drogen durchsucht. Denn im spärlich beleuchteten KGB-Keller hat der Offizier einen „Junkie“ ausgemacht. Er muss Namen und Begründung auf einem Blatt Papier niederschreiben und kommt anschließend in die dunkle Zelle. Auch die verneinte Antwort eines Deutschen auf die Frage des KGB-Offiziers, ob er die Sowjetunion möge, hätte 1984 wohl länger als fünf Minuten Zellen-Arrest bedeutet.

Wodka zum Abschied Fotos: Sovietbunker.com
Wodka zum Abschied
Fotos: Sovietbunker.com

Nach dem Gefängnisbesuch wartet die Sowjet-Ärztin, die sogleich ankündigt, dass sie die Genfer Konfession mal gar nicht interessiert. Mit den Relikten erinnert das Praxiszimmer ein wenig an das beim Musterungs-Arzt. Nach ein paar Experimenten an den Teilnehmern dürfen sie wieder in die Freiheit, zumindest denken sie das. Denn der Bunker-Ausgang ist verschlossen und dann geht auch noch das Licht aus. Es heißt noch einmal Aufstellung nehmen vor dem Kommandant. Doch dieser gibt sich nun als Schauspieler zu erkennen und erklärt das Spektakel für beendet. Doch bevor es in die Freiheit geht, steht ein Besuch im Sowjet-Laden an. Hier finden sich allerlei Lebensmittel aus der guten alten Sowjetzeit. Parfüm, Unterwäsche und selbst Toilettenpapier, was zu Sowjetzeiten regelmäßig knapp war, findet sich hier. Die Studentin Marketa aus Tschechien kennt die Sowjetzeiten nur von Erzählungen: „Aber auch in Tschechoslowakei ging es uns nicht anders. Daher habe ich solche Geschichten wie mit der Toilettenpapierknappheit von meinen Eltern gehört.“ Zum Abschluss gibt es sogar noch Geschenke. Alte Sowjet-Bonbons und Zigaretten. Beim anschließenden Kantinenessen wird den Teilnehmern ihr Zertifikat ausgestellt. Sie haben drei Stunden in der Sowjetunion überstanden und werden nun wieder in Freiheit entlassen.

 Alle Infos rund um das Überlebensdrama im Sowjetbunker auf http://sovietbunker.com/en/

 

 

 

 

Marcel Storch ist Korrespondent der Baltischen Rundschau.

 

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