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“Litauen den Litauern” – Über eine Gesellschaft zwischen nationaler Identität und Verantwortung für nationale Minderheiten

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Die betonte historische Kontinuität ist identitätsstiftend – und leistet nationalistischem Gedankengut Vorschub

Von einer allzu deutschen Perspektive aus muss vieles dessen zunächst befremden und auf Unverständnis stoßen. Man täte Litauen jedoch größtes Unrecht, missachtete man die Zusammenhänge und überginge, welche Bedeutung Nationalität für die Identität vieler Litauerinnen und Litauer hat. Der Kontinuitätsgedanke hilft dabei, sich von langen Zeiten unter fremder Herrschaft abzugrenzen, sei es durch das Russische Kaiserreich, durch das Deutsche Reich, Polen oder später die Sowjetunion. Es waren Zeiten der Gräuel, und vor allem waren es Zeiten der Unterdrückung einer ausgeprägten Identität; der Sprache, der Religion, der Bräuche und Traditionen, deren Ausübung zeitweise unter Strafe verboten waren. Der Gedanke an eine durch alle Widerstände hindurch bestehende litauische Nationalität, deren Wurzeln bis zurück zum Großfürstentum reichen, schafft Souveränität, Identität und Zusammenhalt. Es sind Dinge, die ein Land gut gebrauchen kann, das kleiner ist als der Freistaat Bayern und weniger Einwohner hat als Berlin, jeden Monat knapp 3.000 seiner jungen Fachkräfte verliert und obendrein im Einflussgebiet Russlands mit Grenzen zu dessen Exklave Kaliningrad liegt, zu dem die Beziehungen nie gut und selten so schlecht waren wie gegenwärtig.

Nationalstolz, Patriotismus, Nationalismus – in Litauen haben diese Begriffe eine andere Bedeutung als in Deutschland. Hier wie dort sind sie stark historisch besetzt; in der baltischen Republik jedoch überwiegend positiv. Das führt allzu oft dazu, dass sich gerade extreme Einstellungen zu wenig einem kritischen Korrektiv ausgesetzt sehen, und umgekehrt eher gemäßigte Einstellungen vielfach nach rechts hin offen sind. Die Mischung aus tief verwurzeltem Misstrauen, Ressentiments und Vorurteilen einerseits, einem verbreiteten Mangel an Selbstkritik und Widerspruch gegen offenen Hass andererseits in der litauischen Mehrheitsgesellschaft ist auch das Resultat der jahrhundertelangen Unterdrückung litauischer Identität. Das macht sie nachvollziehbar – und fordert von Litauens Partnern gerade deshalb mehr Kritik, um dem bestehenden Zustand keine Legitimität zu verschaffen. Denn im Ringen der litauischen Identität mit sich selbst haben in vielfältiger Weise die ethnischen Minderheiten des Landes das Nachsehen.

 

Vor allem polnisch- und russisch-stämmige LitauerInnen begegnen Misstrauen und Abneigung

Mit Blick auf die historischen Hintergründe überrascht es nicht, dass es gerade polnisch- und russisch-stämmige Litauerinnen und Litauer sind, denen von ihren Mitbürgern litauischer Abstammung besonders viel Misstrauen und Abneigung entgegenschlagen. Während diese Hintergründe im Fall der russisch-Stämmigen mehr oder weniger offensichtlich sind angesichts der Verbrechen und Unterdrückung während der zaristischen und der Sowjetherrschaft und zuletzt Wladimir Putins Drohungen gegenüber dem Baltikum, wird das nicht minder belastete Verhältnis zwischen der litauischen und der polnischen Ethnie im Ausland wenig wahrgenommen.

Für so manche Litauerinnen und Litauer bleibt dagegen bis heute unvergessen, dass Polen 1920 die Schwäche der noch jungen Republik ausnutzte, indem es trotz Verzichts im Vertrag von Suwałki das mehrheitlich polnisch besiedelte Gebiet um Litauens historische Hauptstadt Vilnius annektierte, und zwanzig Jahre später nur unter dem Druck Moskaus an die Sowjetunion abtrat. Wohl noch schwerer wiegt aber die Rolle der polnischen Minderheit im Unabhängigkeitsprozess zwischen 1988 und 1991, den viele ihrer Mitglieder entschieden ablehnten – auch aus teils nachvollziehbarer, teils von Moskau gezielt geschürter Angst vor Unterdrückung. Der Versuch der Etablierung einer polnischen Autonomieregion und vereinzelte Abspaltungsgedanken in den 1990er Jahren taten ein Übriges. Vertreter der polnischen Minderheit haben auch deshalb oft mit dem Stereotyp des verschlagen-diebisch veranlagten, gierigen und immer nur fordernden Polen zu kämpfen, wenn sie die Wahrung von Minderheitenrechten fordern.

 

Diskriminierung und Anfeindungen im öffentlichen Raum

Es bleibt aber nicht bei passivem Misstrauen und Abneigung, was für sich dem Klima in der litauischen Gesellschaft schon genug schadet. Vielmehr bietet dieses Klima den Nährboden für vielfältige Formen von Diskriminierung und Anfeindungen. Auf zweiundsechzig Seiten listet die EFHR in ihrem turnusmäßigen ReportThe Rights of National Minorities in Lithuania“ akribisch Menschenrechtsverletzungen, Repressalien und Anfeindungen auf, von denen Angehörige der anerkannten nationalen Minderheiten Litauens in den Jahren 2012 und 2013 betroffen waren. Der Bericht veranschaulicht eine große Bandbreite verschiedenster Arten solcher Vorkommnisse, die sich mal gegen Einzelne, mal gegen die ganze jeweilige Gruppe als solche richten.

Ein eigenes Kapitel ist Vorfällen im Zusammenhang mit „hate speech“ im Internet gewidmet. Diese bleibt nicht auf die überwiegende Form von anonymen Kommentaren in litauischen Nachrichtenportalen wie delfi.lt oder lrytas.lt beschränkt. Vor allem auch das soziale Netz wird vermehrt zum Forum für Hassbotschaften gegen Litauens Minderheiten, wie etwa Aufstieg und Fall der facebook-Gruppe „Eine Säge für die Polen“ zeigen. Unter dem Motto „Knüpf‘ den Polen auf solange er noch jung ist“ erheiterten sich ihre Mitglieder gegenseitig durch den Austausch rassistischer und antisemitischer Inhalte. Die Gruppe stellte ihre Aktivität erst „freiwillig“ ein, nachdem ein Staatsanwalt sich ob ihrer eklatant volksverhetzenden Inhalte veranlasst sah, die Polizei zu ersten Ermittlungen gegen sechs Mitglieder der Gruppe anzuweisen.

Auch außerhalb des digitalen Raums werden Stimmungsmache und Anfeindungen aktiv an die Menschen herangetragen: aufgewühlt müssen etwa die Gefühle der Bewohner von Šalčininkai – einer mehrheitlich von polnisch-Stämmigen bewohnten Gemeinde im Rajon Vilnius – gewesen sein, als sie eines Morgens im April 2013 in den Briefkästen und hinter Scheibenwischern Flugblätter fanden mit Aufschriften wie „Polen und Juden hochjagen!“ und „Polen und Juden raus aus Litauen!“. Im großen Stil werden derartige Botschaften zudem regelmäßig am 11. März transportiert, wenn die „Litauische Nationalistische Jugendunion“ und das „Litauische Nationalistische Zentrum“ in vielen Städten Märsche abhalten. Mehrere Tausend nehmen allein in Vilnius und Kaunas jährlich daran teil, 2015 war die seit 2008 stetig steigende Zahl erstmals wieder leicht rückläufig. Die Märsche sind berüchtigt für Sprechchöre à la „Litauen ist schön ohne Russen“, „Juden raus“ und „Für Litauen, die Nation und die Rasse“, ebenso wie für den regen Gebrauch einschlägiger Symbolik, inklusive des Hakenkreuzes.

Zweifelsfrei steht hinter solchen Aktivitäten eine extremistische Haltung, ebenso wie hinter unzähligen Fällen etwa von Sachbeschädigung gegen für die polnische oder russische Minderheit bedeutsame Kulturgüter. Die Teilnehmerzahlen der nicht genehmigten Märsche aber und die Tatsache, wie heterogen die Masse derjenigen ist, die dort mitlaufen, müssen beunruhigen. Verstärkt wird diese Unruhe durch Fälle, in denen die Täter auf den Schutz der Anonymität verzichten und zeigen, wie wenig sie offenbar Gegenwind aus der Bevölkerung zu befürchten haben, in welchem Ausmaß rassistisches Gedankengut salonfähig zu sein scheint. Beispielhaft genannt sei der Fall eines litauischen Priesters aus dem September 2012, der eine Gruppe polnischer Touristen in seiner Kirche bemerkte – und sie ohne Umschweife hinauswarf.

 

Ressentiments in den Institutionen verhindern ein Auffangen der Vorbehalte in der Bevölkerung

Sebastian Stein
geboren in Balingen, Baden-Württemberg. Nach Abitur im Jahr 2010 in Böblingen und Zivildienst an der Winterhaldenschule Sindelfingen Jurastudium an den Universitäten Konstanz und Tübingen mit dem Schwerpunkt Öffentliches Recht. Derzeit im Austauschjahr an der Mykolas Romeris University in Vilnius. Neben dem Bücherwälzen meist mit Arbeit für Amnesty International und brotloser Kunst beschäftigt.

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1 Comment

  1. Ein Artikel, der zum Nachdenken anregt. Als Litauerin, die bereits fast 18 Jahre in Deutschland lebt war es für eine Entdeckung eines völlig neuen Blickwinkels, da ich vieles so gar nicht gesehen habe.
    Jedoch sehe ich einiges genauso, und die Intoleranz der Litauer ist das, was mich nicht stolz macht. Und was mich sehr oft aufregt, wenn ich insbesondere in den sozialen Netzen manche Kommentare anschaue…
    Ein kritischer Artikel ist es auf jeden Fall, und ich wünsche meinem Heimatland, dass es in der Zukunft einiges an Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Nationen gewinnt, da es mit Verlust nationaler Identität nichts zu tun hat.

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