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Vier Tage in Tallinn – Reisebericht eines Reisenden aus dem Bayerischen Wald

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Tallinn, Estland
Tallinn, Estland

Besonderen Grund, nach Tallinn zu reisen

 

Ich hatte einen besonderen Grund, nach Tallinn zu reisen. Das wollte ich schon seit vielen Jahren tun, aber erst jetzt hatte sich eine passende Gelegenheit ergeben.

Am folgenden Tag war ich mit meiner Kusine Silke und ihrem früheren Ehemann zum Frühstück im besagten Hotel verabredet.

Silke lebt in München, etwa 250 Kilometer von mir entfernt. Wir sehen uns nur selten. Deswegen war es eine besondere Freude, uns an jenem Tag ausgerechnet in Tallinn wieder zu treffen.

Nach dem Frühstück erschien ein ca. 45-jähriger Este, der seit Jahren den Kontakt zu unserer Familie pflegt. Ich kannte ihn noch nicht. Er nahm Silke und ihren Ex-Mann mit, um ihnen Tartu (früher Dorpat) zu zeigen.

Meine Frau und ich verzichteten auf diese Einladung, weil wir von der anstrengenden Reise noch ziemlich erschöpft waren.

Wir ruhten uns im Hotel etwas aus und fuhren mittags mit dem Bus in die Altstadt.

 

Altstadt Tallinn – eine besondere kulturelle Leistung der Esten

 

Während dieser Fahrt bekamen wir einen ersten Eindruck vom desolaten sowjetischen Städtebau. Umso erstaunter waren wir dann, als wir die Altstadt sahen.

Es ist eine besondere kulturelle Leistung der Esten, dieses historische Juwel seit dem Ende des Ersten Weltkriegs erhalten zu haben und es weiterhin fachmännisch zu restaurieren. Dies muss man anerkennen, auch wenn man manches Andere durchaus kritisch beurteilen kann.

 

Die Altstadt von Tallinn – typische deutsche Stadt

Altstafd Tallinn

Die Altstadt von Tallinn sieht aus wie eine typische deutsche Stadt aus dem Mittelalter, zum Beispiel Lübeck, Lüneburg, Münster, Rothenburg, Nördlingen oder Landshut.

Es ist allerdings sehr eigenartig, dass in dieser Stadt, die zwar von Dänen gegründet wurde, aber seit dem 14. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs von deutscher Kultur und Sprache geprägt war, mit Ausnahme der historischen Gebäude keinerlei Spuren dieser Vergangenheit zu finden sind.

Die Umbenennung von Reval in Tallinn war nicht nur eine sprachliche Marginalie, sondern markierte einen fundamentalen historischen Bruch. Man hat den Eindruck, als habe die durch Deutsche geprägte Geschichte dieser Stadt gar nicht stattgefunden. Nicht einmal auf den Karten der Restaurants findet man eine deutsche Übersetzung. Das einzige, das wir gefunden haben, waren einige deutsche Inschriften und Texte in alten Kirchen. In der Tschechoslowakei hat man sogar solche Inschriften und Texte weggekratzt, übermalt oder ausgemeißelt. Dies ist in Estland glücklicherweise nicht geschehen.

Im historischen Museum fanden wir eine interessante Abteilung über die Hanse. Über die Zeit danach bis zum Ersten Weltkrieg erfuhren wir allerdings nur wenig. Die Rolle des Adels (der in kultureller Hinsicht deutsch war, in staatsbürgerlicher

Hinsicht aber schwedisch bzw. russisch) war stark unterbelichtet. Das mag daran liegen, dass das Museum nicht über genügend Exponate verfügt. Es könnte aber auch an den Nachwirkungen der sowjetischen Ideologie liegen. Hundert Jahre sind für eine kollektive historische Amnesie auf jeden Fall ein ziemlich kurzer Zeitraum.

 

Tallinn – ein nettes Restaurant nicht leicht zu finden

Tallinn, Restaurant Dominic

Mittags wollten wir in einem netten Restaurant essen. Ein solches Restaurant ist nicht leicht zu finden, wenn man sich in Tallinn nicht auskennt.

Es gibt in der Altstadt zwar eine Menge Lokale, die an deutsche Fast-Food-Restaurants erinnern, aber wir suchten etwas Anderes. Und dann standen wir plötzlich ganz zufällig vor einem ein sehr schönen Restaurant in der Nähe des Hauptplatzes. Es hatte eine vorzügliche Küche.

Abends trafen wir uns wieder mit Silke und ihrem Ex-Mann, die ziemlich erschöpft von ihrem Ausflug nach Tartu zurückgekehrt waren.

Aber unser estnischer Freund schien das Elixier der ewigen Jugend getrunken zu haben. Er wirkte frisch und gut gelaunt. Am nächsten Tag wollte er uns nach dem Frühstück abholen – für das ‘Hauptprogramm’.

Hauptprogramm – Schloss Hohenhaupt

Glehni Loss, Tstland

Ja, das ‘Hauptprogramm’. Für dieses Programm waren wir eigentlich nach Tallinn gereist. Worum ging es? Es ging um einen Besuch in Glehni Loss.

Dieses Schloss hieß früher Schloss Hohenhaupt und liegt heute am Rande von Nömme, einer Stadt, die direkt an Tallin grenzt.

Sein Erbauer war Nikolai von Glehn (1841-1923), der Urgroßvater von Silke und von mir. Der letzte Besitzer war dessen Sohn, unser Großvater Manfred (1867-1924). Unsere Familie stammt ursprünglich aus der Nähe von Köln.

Obwohl sie nur zum niederen Adel gehört, ist sie sehr alt. Sie kam vermutlich während des Dreißigjährigen Krieges nach Estland, das damals zu Schweden gehörte.


Manfred Wöhlcke von Glehn
Manfred Wöhlcke von Glehn, Gastautor der Baltischen Rundschau ist ein deutscher Soziologe, Buchautor und bildender Künstler aus Hinterschmiding, Bayern

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