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Vier Tage in Tallinn – Reisebericht eines Reisenden aus dem Bayerischen Wald

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Tallinn, Estland
Tallinn, Estland

Estland –  Heimat für die deutsch-baltischen Familien sowie für die Esten

Die alte deutsche Hansestadt Reval (Tallinn)

Aus den vormaligen Kaufleuten wurden im Laufe der Zeit ländliche Gutsbesitzer, die zunächst recht bescheiden lebten. Der spätere Reichtum der Familie beruhte nicht auf der Ausbeutung der estnischen Landbevölkerung, sondern war das Ergebnis einer erfolgreichen Heiratspolitik, die im damaligen Adel nicht allzu gern gesehen wurde.

Die Glehn’schen Männer haben nämlich bis zu Ende des 19. Jahrhunderts mit lediglich zwei Ausnahmen junge Frauen aus dem städtischen Bürgertum geheiratet. Diese Ehen waren für beide Seiten attraktiv: Die adligen Männer konnten sich die schönsten und die reichsten der heiratswilligen Damen aussuchen, und diese konnten in den Adel einheiraten, womit sie ihre soziale Stellung verbesserten.

Unser Großvater war schließlich wohlhabend genug war, um eine Frau aus dem höheren Adel zu heiraten. Für den weiteren Aufstieg der Familie kam diese Ehe jedoch zu spät, denn sie wurde gegen Ende des Ersten Weltkriegs enteignet und vertrieben. Diesbezüglich ist daran zu erinnern, dass Estland war für die deutsch-baltischen Familien seit Jahrhunderten dieselbe Heimat gewesen wie für die Esten. Sie hatten auch nicht die deutsche, sondern zunächst die schwedische und später die russische Staatsbürgerschaft – ebenso wie die gesamte Bevölkerung dieser Region. Die wenigen adligen Familien, die damals in Estland geblieben sind, verloren den Adelstitel und wurden estnische Staatsbürger. Zwanzig Jahre später mussten aber auch sie das Land verlassen, im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt.

Es folgte jenes Elend, das wir von allen Vertreibungen kennen: Die Familie verlor nicht nur ihre angestammte Heimat, sondern konnte auch nur einen kleinen Teil ihres Besitzes mitnehmen, nämlich das flüssige Kapital, einige Wertgegenstände, die wichtigsten Familienunterlagen, etwas Kleidung und den Besteckkasten unserer Großmutter. Die Hälfte davon verschwand bereits während des Transports. Alles Übrige blieb im Schloss. Die Familie hatte die vage Hoffnung, nach Estland zurückkehren zu können, sobald sich die politische Lage ‘normalisiert’ hätte. Aber das Gegenteil geschah. Das Schloss wurde vollkommen leer geplündert, Fenster und Türen wurden herausgebrochen, die Steine wurden abgetragen, so dass schließlich nur noch eine Ruine übrigblieb, die aussah wie eine zerstörte Burg nach dem Dreißigjährigen Krieg. Den Rest besorgten die sowjetischen Soldaten nach dem Hitler-Stalin-Pakt.

Von sämtlichen Gräbern unserer Familie blieb nur ein einziges erhalten, nämlich jenes unserer Urgroßmutter. Es gibt allerdings noch ein zweites Grab, und zwar direkt neben dem Schloss. Dort wurde das Lieblingspferd unseres Urgroßvaters unter einem Obelisken begraben. Dieses Grab wurde wahrscheinlich nur deswegen nicht zerstört und ausgeraubt, weil man einem Pferd üblicherweise keinen goldenen Schmuck mit ins Grab gibt.

Als die politische Krise während des Ersten Weltkriegs begann, war unser Großvater Manfred bereits der Senior der Familie. Das war fatal, denn er war ein weltfremder religiöser Phantast und hatte nicht die Übersicht, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Als Erstes kaufte er mit dem verbliebenen Geld ein Schloss in der Nähe von Bamberg (Schloss Gleusdorf), aber er war unfähig, die dazu gehörigen Ländereien profitabel zu bewirtschaften. Dann bekam er Briefe von seinen ehemaligen Landarbeitern, die nach Brasilien ausgewandert waren und dort ihr Glück gemacht hatten. Er hielt diese Geschichten für eine göttliche Botschaft und entschloss sich, mit der gesamten Familie ebenfalls nach Brasilien auszuwandern. Das frisch renovierte Schloss Gleusdorf wurde eilig an den erstbesten Käufer verscherbelt. Im Gegensatz zu den ausgewanderten Esten, konnten die Glehns nichts, was in Brasilien gebraucht wurde, und so geriet die Familie sehr schnell in Armut, und zwar so sehr, dass sie nicht einmal mehr die Passage zurück nach Deutschland bezahlen konnte. Unser Urgroßvater starb kurz nach der Ankunft in Brasilien (1923) und unser Großvater ein Jahr später.

Meine Mutter kam 1935 nach Deutschland zurück, um hier eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester zu machen und die die Möglichkeiten für eine Rückkehr der Familie zu erkunden. Daraus wurde allerdings nichts, denn 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus. 1945 wurde sie im Keller unseres Hauses in Berlin-Lichterfelde von einem russischen Soldaten ermordet, weil sie sich gegen eine Vergewaltigung gewehrt hatte. Ich saß bei dieser Gelegenheit als dreijähriges Kind auf ihrem Schoß. Nach einer schrecklichen Zeit in einem Berliner Waisenhaus wurde ich zu einer Pflegefamilie nach Brasilien verschickt (die mit unserer Familie nicht verwandt war). Später kehrte ich nach Deutschland zurück, ebenso wie eine Schwester meiner Mutter und deren Tochter Silke, mit der ich mich jetzt in Tallinn verabredet hatte.

Der größte Teil der Glehn’schen Nachkommen lebt inzwischen weit verstreut in Brasilien und hat kaum noch einen Kontakt zu der deutschen Familientradition. Die meisten sprechen nicht einmal deutsch. Alle Kinder von Manfred von Glehn und seiner Frau Elisabeth sind bereits gestorben. Von den Enkeln leben lediglich vier in Deutschland, darunter Silke und ich.


Manfred Wöhlcke von Glehn
Manfred Wöhlcke von Glehn, Gastautor der Baltischen Rundschau ist ein deutscher Soziologe, Buchautor und bildender Künstler aus Hinterschmiding, Bayern

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