EstlandFeaturedGastbeitragReisen & Urlaub

Vier Tage in Tallinn – Reisebericht eines Reisenden aus dem Bayerischen Wald

0
Tallinn, Estland
Tallinn, Estland

29. August

Glehn’schen Schloss –  ein sonderbares Gebäude

Wir waren sehr gespannt, was uns im Glehn’schen Schloss erwartete. Es ist ein sonderbares Gebäude und sieht überhaupt nicht aus wie ein Landschloss aus dem 19. Jahrhundert, sondern eher wie eine mittelalterliche Burg. Unser Urgroßvater Nikolai war etwas exzentrisch. Neben der Eingangstür befindet sich ein kleines Schild mit seinem Namen. Wir wurden von der Verwaltungsleiterin freundlich begrüßt. Auch die Presse war anwesend. Es war eine merkwürdige Stimmung, ähnlich wie am Tage zuvor in Tallinn: Mit Ausnahme von jenem Schild erinnert im gesamten Gebäude nichts daran, dass hier bis vor hundert Jahren unsere Familie gelebt hat. Ich stellte mir vor, wie meine Mutter mit ihren Geschwistern durch die Tür in den Park hinauslief, um Papierdrachen fliegen zu lassen, oder wie sie sich im Palmenhaus versteckte. Aber ihre Gene lebten noch und kehrten an diesem Tag an den Ort ihrer Kindheit zurück.

Ein Portrait meines Urgroßvaters

Ein Portrait meines Urgroßvaters

Und es kehrte an diesem Tag noch ein besonderer Gegenstand nach hundert Jahren zurück, nämlich die goldene Taschenuhr meines Großvaters. Ich hatte sie aus sentimentalen Gründen mitgenommen. Seit sie das letzte Mal in diesem Schloss war, war sie weit gereist. Sie ist nach wie vor intakt und funktioniert tadellos. Und ich hatte auch noch etwas Anderes mitgebracht, nämlich das bereits erwähnte Ölgemälde. Es handelt sich um ein Portrait meines Urgroßvaters. Ich habe es selber nach einem kleinen Foto im klassischen Stil gemalt. Das verschollene Original hing früher im Treppenaufgang des Schlosses. Jetzt wirkte dieses Bild am selben Ort wie ein seltsames Relikt aus einer fernen Zeit. Aber diese Zeit ist gar nicht so fern, nämlich gerade einmal hundert Jahre.

Die Technische Universität von Tallinn hat die Ruine in den 70er Jahren wiederaufgebaut und nutzt das Gebäude für den Studenten-Chor sowie für allerlei festliche Veranstaltungen. Im Erdgeschoß gibt es eine Sauna und einen Raum mit studentischen Devotionalien. Als wir hinausgingen, sagte meine Frau: Das ist von Eurem Besitz übriggeblieben: Ein Party-Schloss! Ich antwortete: Wir müssen dankbar sein, dass es überhaupt wiederaufgebaut wurde. Darauf meine Frau: Ja, nachdem es zuvor enteignet, geplündert und zerstört worden ist. Was würde Deine Mutter sagen, wenn sie heute hier wäre? Wäre sie auch dankbar?

Wir gingen weiter durch den Schlosspark zum astronomischen Observatorium. Unterwegs kamen wir an zwei großen Skulpturen vorbei, die unser Urgroßvater gebaut hat. Es handelt sich um ein Krokodil und ein überdimensionales Monument des Riesen Kalevipoeg, einer Art Herkules der nordischen Mythologie. Die Skulptur, die unser Urgroßvater gebaut hat, wurde von sowjetischen Soldaten zerstört. Die Trümmer liegen noch an derselben Stelle. Sie sind ein gutes Symbol für die Erosion unserer Familie nach der Vertreibung aus Estland. Neben diesen Trümmern wurde später ein neuer Kalevipoeg gebaut.

Das astronomische Observatorium liegt im Dach eines hohen Turms, den ebenfalls unser Urgroßvater gebaut hat. Auch er wurde zerstört und später wiederaufgebaut. Gleich neben der Eingangstür steht ein alter Baumstamm zwischen allerlei Gerümpel. In diesen Baumstamm hat unser Urgroßvater einen Schrank eingebaut. Er ist nicht nur unpraktisch, sondern auch ziemlich geschmacklos. Ironischerweise ist ausgerechnet dieses hässliche Möbelstück das einzige Inventar aus dem Schloss, das sämtliche Plünderungen überlebt hat. Anschließend besichtigten wir die Ruine des großen Palmenhauses. Die Verglasung wurde herausgebrochen. Jetzt sieht es aus wie das Gerippe eines gestrandeten Wals.

Vom Schloss fuhren wir zu Bahnhof. Unser Urgroßvater war ein moderner Unternehmer. Er hatte erkannt, dass die Landwirtschaft in Estland nicht sehr rentabel ist und sich darauf verlegt, seinen großen Besitz in Nömme anders zu nutzen. Der Schlosspark mit dem mittelalterlichen Schloss, den Skulpturen, dem Observatorium und dem beheizten Palmenhaus war ein frühes Disneyland. Wer es besichtigen wollte, musste Eintritt bezahlen. Ein großes Areal wurde parzelliert. Dort baute unser Urgroßvater schöne Holzhäuser, die er an Sommergäste vermietete. Er sorgte auch dafür, dass die neue Eisenbahnlinie über seinen Grund verlief und dass in Nömme ein eigener Bahnhof gebaut wurde. Gleich daneben errichtete er ein Bankgebäude. Wir besuchten den Bahnhof. Er ist sehr schön und wurde fachmännisch renoviert. Dort befindet sich ein kleines Museum. In einer Vitrine fanden wir einige wenige Exponate, die unserer Familie gehörten. Das gesamte sonstige Inventar des Schlosses ist verschwunden.

Dann fuhren wir zu einem vorzüglichen Restaurant, und gleich danach ging es weiter zu einem Monument des Urgroßvaters neben einer stark befahrenen Straße. Mit seinem langen Bart, den schweren Stiefeln und einem wehenden Mantel sieht er aus wie ein archaischer Held. Er gilt heute als Gründer der Stadt Nömme. Wenn sich nicht einige Bürger von Nömme für sein Andenken engagiert hätten, wäre unsere Familie wahrscheinlich längst vergessen. Leider hat sich die Stadt ziemlich hässlich entwickelt und ist ein anschauliches Beispiel für den sowjetischen Städtebau. Dieser kontrastiert mit den schönen alten Holzhäusern, die noch aus der Zeit unseres Großvaters stammen. Dazwischen stehen auch einige sehr geschmackvolle moderne Gebäude.


Manfred Wöhlcke von Glehn
Manfred Wöhlcke von Glehn, Gastautor der Baltischen Rundschau ist ein deutscher Soziologe, Buchautor und bildender Künstler aus Hinterschmiding, Bayern

Der Georg Dehio-Buchpreis 2018 geht an Alvydas Šlepikas, litauischer Schriftsteller

Previous article

Estland: Nato-Manöver – Russische Invasion ohne Russen

Next article

You may also like

Comments

Comments are closed.

More in Estland