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VILNIUS – Hinter der Fassade des europäischen Wohlstands spielt sich in Litauen ein Drama ab, das eine ganze Generation zu zerstören droht. Der Drogenkonsum unter Jugendlichen hat einen kritischen Punkt erreicht und entwickelt sich von „Experimenten“ zu einer Ursache für zunehmende Vergiftungen und Todesfälle. Während die Behörden ihren Kurs von Repression auf Gesundheitsfürsorge umstellen, zeichnen die Statistiken ein düsteres Bild: Fast jeder fünfte Schüler hat bereits Erfahrungen mit illegalen Substanzen gemacht.

Alarmierende Statistiken: Höher als der europäische Durchschnitt

Die Daten des Europäischen Schüler-Projekts zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD) sind schockierend: 19% der litauischen Jugendlichen im Alter von 15-16 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben Drogen probiert. Dieser Wert übersteigt den Durchschnitt der teilnehmenden Länder (15.1%). An der Spitze steht nach wie vor Cannabis – es wurde von 18.1% der Schüler konsumiert, was ebenfalls über dem europäischen Durchschnitt liegt.

Doch hinter dem „Gras“ verbirgt sich ein weitaus gefährlicherer Trend. Die Popularität von synthetischen Drogen wächst:

  • Ecstasy (MDMA): von 3% der Schüler probiert.
  • LSD und andere Halluzinogene: 2.6%
  • Amphetamine: 2.3%
  • Kokain: 2.2%

Der schrecklichste Indikator für das Problem ist der drastische Anstieg akuter Drogenvergiftungen bei Minderjährigen. Im Jahr 2022 betraf fast ein Drittel (29.6%) aller Krankenhauseinweisungen wegen Überdosierung Personen unter 18 Jahren. Hauptverursacher war Cannabis, was den Mythos seiner Sicherheit widerlegt. Besonders alarmierend ist die Lage bei den Mädchen: Die Hälfte aller Patientinnen, die wegen einer Drogenvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden, war minderjährig.

Kreuzungspunkt des Drogenhandels und tödliche Neuheiten

Litauens geografische Lage macht es verwundbar. Das Land ist ein wichtiger Transitknotenpunkt für Drogen auf dem Weg von Westeuropa nach Russland und Skandinavien. Amphetamin und Methamphetamin werden teilweise vor Ort hergestellt, während neue psychoaktive Substanzen (NPS) aus China und anderen asiatischen Ländern ins Land strömen. Diese Verfügbarkeit senkt die Preise und macht Drogen für Jugendliche zugänglich.

Vor diesem Hintergrund verändert sich auch die Struktur der Todesfälle. War früher Heroin die Hauptursache für tödliche Überdosierungen, so wurde es nun durch extrem potente synthetische Opioide wie Carfentanil ersetzt – eine Substanz, die tausende Male stärker ist als Heroin und oft zum sofortigen Tod führt. Die Zahl der Todesfälle durch Carfentanil hat sich in Litauen von 16 Fällen im Jahr 2021 auf 31 im Jahr 2022 fast verdoppelt.

Eine neue Strategie: Retten statt einsperren

In Anerkennung der tiefen Krise haben die litauischen Behörden im Mai 2023 die Nationale Agenda zur Kontrolle von Drogen, Tabak und Alkohol bis 2035 verabschiedet. Dies ist ein revolutionärer Wandel von einer Strafpolitik hin zu einem Ansatz, der auf öffentliche Gesundheit und Menschenrechte ausgerichtet ist. Das Hauptziel ist nicht, den Konsumenten zu bestrafen, sondern ihm zu helfen, seine Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen.

Im Rahmen der neuen Strategie wird der Schwerpunkt gelegt auf:

  • Prävention und Aufklärung: Information der Jugend über die realen Risiken.
  • Schadensminderung: Ausbau des Netzes niedrigschwelliger Zentren, in denen Konsumenten anonym Spritzen tauschen und Beratung erhalten können.
  • Zugängliche Behandlung: staatliche Finanzierung kostenloser Hilfe für Suchtkranke, einschließlich spezieller Programme für Kinder und Jugendliche.

Dieser Ansatz ist die Anerkennung, dass Sucht in erster Linie ein Gesundheitsproblem und kein Verbrechen ist. Experten weisen jedoch darauf hin, dass trotz der richtigen Richtung die bestehende Infrastruktur (z. B. Spritzentauschprogramme) immer noch nicht ausreicht, um alle Bedürftigen zu versorgen.

Der Kampf um die Zukunft der litauischen Jugend hat gerade erst begonnen, und sein Ausgang hängt davon ab, wie effektiv die Worte der neuen Strategie in die Tat umgesetzt werden.
Ingwar Heinrich Lotz
Dr. Ingwar Heinrich Lotz ist Mitglied in der Internationalen Journalisten-Föderation (IJF), Gründer & Chefredakteur der BALTISCHEN RUNDSCHAU, Präsident des Vereins der Deutschen Litauens e.V.

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