Das Bild des Anwalts im Gerichtssaal, umgeben von Gesetzbüchern, gehört zunehmend der Vergangenheit an. In Litauen, einem Land, das seinen FinTech-Sektor rasant ausbaut, sind juristische Kenntnisse allein nicht mehr genug.

Laut Dr. Paulius Astromskis, einem Dozenten an der Vytautas Magnus University (VMU), benötigt der Markt erfahrene Fachkräfte mit Kompetenzen in verschiedenen Bereichen, um mit der schnelllebigen Branche Schritt zu halten. Juristen bilden hier keine Ausnahme. Eine Marktanalyse der juristischen Fakultät der VMU hat ergeben, dass es einen Mangel an Compliance-Spezialisten für Finanzinstitute gibt. Gefragt sind vor allem „Köpfe“, die Systeme entwickeln, Risiken managen und Entscheidungen treffen können, nicht nur „Hände“ für Routineaufgaben. Liudas Basiulis, Leiter der European Compliance Professionals Association (ECPA), stimmt dem zu und verweist auf die spezifischen Bedürfnisse neuer Märkte wie Krypto-Dienstleistungen und die großen Veränderungen durch künstliche Intelligenz (KI).
Wo Recht auf Technologie trifft: Ein Lehrplan für die moderne Welt
Um diese Lücke zu schließen, hat die juristische Fakultät der VMU den Masterstudiengang „Finanzrecht“ ins Leben gerufen, der juristisches und finanzielles Wissen kombiniert. Ziel des Programms ist es, Absolventen darauf vorzubereiten, die Einhaltung von Gesetzen in Finanzinstituten zu gewährleisten und Herausforderungen anzugehen, die über die typischen Risiken wie Geldwäsche oder Datenschutz hinausgehen. Der Fokus liegt auf aufkommenden Finanzdienstleistungen und den Auswirkungen technologischer Entwicklungen, insbesondere von KI, auf die rechtliche Compliance-Funktion.

Dr. Astromskis erklärt, dass der moderne Compliance-Beauftragte nicht mehr nur Jurist ist. Sein Profil erfordert eine Synthese aus interdisziplinärem Fachwissen, das Recht, Geschäftsprozesse, Technologie und Risikomanagement umfasst. Eine der von Arbeitgebern am häufigsten genannten Kompetenzen ist die Fähigkeit, zu verstehen, wie Finanztechnologie funktioniert und welche Risiken, wie Cybersicherheit, damit verbunden sind. Laut Dr. Astromskis werden Fachleute mit Wissen über die DORA-Verordnung (Digital Operational Resilience in the Financial Sector) besonders gefragt sein.
Liudas Basiulis von der ECPA unterstreicht dies und betont, dass Cybersicherheitskompetenzen nicht nur zu den wichtigsten, sondern auch zu den am meisten fehlenden gehören. Beide Experten sind sich einig, dass Juristen mit diesem interdisziplinären Wissen im schnell wachsenden Finanzsektor hervorragende Karrierechancen haben.
Internationale Karriere: Neugier, kritisches Denken und Anpassungsfähigkeit

Für diejenigen, die von einer Karriere in den Institutionen der Europäischen Union (EU) träumen, hat Aurelia Mari, leitende Finanzermittlerin bei der Europäischen Staatsanwaltschaft (EPPO) und Gastdozentin an der VMU, einen Rat: Seien Sie neugierig und offen für die Welt. Sie betont, dass neben juristischen und finanziellen Kenntnissen auch Soft Skills eine große Rolle spielen, wenn man eine Stelle bei Institutionen wie der EPPO, der Europäischen Kommission oder dem Europäischen Gerichtshof anstrebt. Ihr wichtigster Tipp für angehende Fachkräfte ist, nach Praktikumsmöglichkeiten zu suchen und Fremdsprachenkenntnisse zu vertiefen, da dies die Karriereaussichten erheblich verbessern kann.
Wie Dr. Astromskis hebt auch Mari die Bedeutung von kritischem Denken und Kenntnissen des EU-Rechtssystems hervor. Sie merkt an, dass „Weltoffenheit“ und die Fähigkeit, sich an unterschiedliche Umstände anzupassen, entscheidende Merkmale für die Arbeit in einem internationalen Umfeld mit Kollegen aus verschiedenen Kulturen sind. Veronika Matiušovaitė, Jurastudentin im fünften Jahr an der VMU, stimmt dem zu und bezeichnet kritisches und analytisches Denken als einige der wichtigsten Qualitäten für einen modernen Anwalt. Sie ist der Meinung, dass Juristen keine Angst vor Fehlern haben und in der Lage sein sollten, Verantwortung zu übernehmen.
Die jüngere Generation: Technologie und die menschliche Komponente
Aurelia Mari, die an der VMU einen Kurs gab, beobachtet, dass die jüngere Generation intelligent und technisch versiert ist. Sie stellt jedoch einen Unterschied in der Einstellung fest, insbesondere in Bezug auf Remote-Arbeit. Während jüngere Fachkräfte mit Technologie schneller und effizienter arbeiten mögen, glaubt Mari, dass die menschliche Interaktion ein entscheidender Teil des Jobs bleibt, insbesondere bei der Zusammenarbeit mit Kollegen aus verschiedenen Ländern und Kulturen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Weg zu einer erfolgreichen juristischen Karriere heute mehr als nur juristische Expertise erfordert. Er verlangt eine Synthese aus Recht, Finanzen, Technologie und Soft Skills wie kritischem Denken und Anpassungsfähigkeit. Indem sie diesen interdisziplinären Ansatz verfolgen, können angehende Juristen eine Fülle von Karrieremöglichkeiten in Litauen und ganz Europa erschließen.



















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