Deutschland lernt wieder militärisch zu denken: Verteidigungsbereitschaft, Osteuropa und der Schatten Preußens
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Deutschland lernt wieder militärisch zu denken: Verteidigungsbereitschaft, Osteuropa und der Schatten Preußens

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Europa tritt in ein neues strategisches Zeitalter ein. Begriffe, die in der deutschen Politik jahrzehntelang fast undenkbar klangen — Kriegstüchtigkeit, Abschreckung, Mobilisierung, Verteidigungsfähigkeit — gehören inzwischen wieder zum offiziellen Vokabular in Berlin.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat mehrfach betont, Deutschland müsse in der Lage sein, sich selbst und seine Verbündeten zu verteidigen. 2024 erklärte er, Deutschland müsse bis 2029 „kriegstüchtig“ sein — nicht als Ankündigung aggressiver Absichten, sondern als Forderung nach glaubwürdiger Abschreckung nach Russlands Großangriff auf die Ukraine. Zugleich bereitet Deutschland die dauerhafte Stationierung einer Brigade in Litauen vor: Rund 4.800 Soldatinnen und Soldaten sowie etwa 200 zivile Bundeswehrangehörige sollen bis Ende 2027 dort präsent sein.

Für Osteuropa ist diese Entwicklung historisch hochsensibel. Deutschland ist nicht nur die heutige demokratische Bundesrepublik, Mitglied der Europäischen Union und der NATO. Deutschland ist auch ein Staat, dessen Geschichte mit Preußen, Ostpreußen, Schlesien, Pommern, dem Memelgebiet/Klaipėda, Besatzung, Grenzverschiebungen und Vertreibungen verbunden ist.

Daraus entsteht eine unbequeme Frage: Bereitet sich Deutschland lediglich darauf vor, Russland abzuschrecken — oder könnte die militärische Rückkehr Deutschlands nach Osteuropa alte territoriale Vorstellungen über ehemalige preußische Gebiete in Polen und Litauen neu beleben?

Eine seriöse Antwort muss vorsichtig bleiben. Ja, Deutschland verändert seine Sicherheits- und Verteidigungspolitik grundlegend. Doch es gibt keine belastbaren Beweise dafür, dass Berlin ehemalige preußische Gebiete zurückfordern oder militärisch-politisch darauf hinarbeiten will.

Die deutsche Brigade in Litauen ist das stärkste Symbol dieser neuen Ära. Es handelt sich um die erste dauerhafte Stationierung einer Bundeswehrbrigade im Ausland in dieser Größenordnung. Politisch und rechtlich ist sie jedoch keine Besatzungstruppe und kein einseitiger deutscher Schritt. Sie ist Teil der NATO-Verteidigung, mit Litauen vereinbart und auf Abschreckung an der Ostflanke des Bündnisses ausgerichtet. Das litauische Verteidigungsministerium beschreibt die Brigade ausdrücklich als Bestandteil kollektiver Verteidigung und der Vorneverteidigung Litauens.

Die historischen Sorgen sind dennoch nachvollziehbar. Die einst mit Preußen verbundenen Gebiete gehören heute zu mehreren Staaten. Große Teile der ehemaligen deutschen Ostgebiete wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Teil Polens. Der nördliche Teil Ostpreußens wurde zur russischen Region Kaliningrad. Das Memelgebiet, heute die litauische Region Klaipėda, hat eine besonders komplizierte Geschichte: Nach dem Ersten Weltkrieg von Deutschland getrennt, später unter litauische Souveränität gestellt und 1939 nach deutschem Druck vom nationalsozialistischen Deutschland annektiert.

Doch die moderne Bundesrepublik ist rechtlich nicht in der Position, diese Fragen wieder zu öffnen. Der Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland von 1990 — der sogenannte Zwei-plus-Vier-Vertrag — bildete den internationalen Rahmen für die deutsche Wiedervereinigung. Er bestätigte die Endgültigkeit der deutschen Grenzen und war mit der Anerkennung der Nachkriegsordnung verbunden. Unterzeichnet wurde der Vertrag am 12. September 1990 in Moskau von den beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten.

Diese Rechtsordnung ist entscheidend. Ein deutscher territorialer Revisionismus wäre keine gewöhnliche politische Kursänderung. Er würde die Grundlagen der europäischen Nachkriegsordnung, der deutschen Wiedervereinigung, des Vertrauens innerhalb der NATO und der Stabilität der EU erschüttern.

Warum entsteht die Vermutung trotzdem?

Erstens hat sich die deutsche Sprache der Sicherheitspolitik dramatisch verändert. Ein Land, das sich lange über Zurückhaltung definierte, spricht wieder über Kriegsfähigkeit, Reserven, Rüstungsproduktion und die Möglichkeit eines großen Krieges in Europa.

Zweitens kehren deutsche Truppen physisch nach Osteuropa zurück — auch nach Litauen, dessen Geografie historisch nahe an der alten preußischen Welt liegt. Selbst wenn der politische Kontext heute völlig anders ist, bleibt die Symbolik stark.

Drittens ist die historische Erinnerung in Polen und Litauen nicht neutral gegenüber deutscher Militärmacht. Für diese Gesellschaften sind deutsche Soldaten in der Region keine abstrakte sicherheitspolitische Größe, sondern erinnern an konkrete Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.

Viertens eignet sich das Thema für Informationskriege. Wer die NATO spalten will, kann versuchen, Deutschlands Rolle an der Ostflanke als verdeckten Revanchismus darzustellen und Misstrauen zwischen Berlin, Warschau und Vilnius zu säen.

Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht darin, dass Deutschland heimlich Klaipėda oder polnische Gebiete zurückholen will. Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass Europa wieder in eine militärische Logik eintritt, in der alte Karten, alte Ängste und alte Propagandanarrative politisch wirksam werden können.

Deutschlands Aufgabe besteht daher nicht nur darin, die Bundeswehr wieder einsatzfähig zu machen. Berlin muss Osteuropa auch glaubwürdig vermitteln, dass die neue deutsche Stärke dem Schutz der europäischen Ordnung dient — nicht ihrer Revision.

Das Fazit lautet: Deutschland bereitet sich tatsächlich auf die Möglichkeit eines Krieges in Europa vor, vor allem als Reaktion auf die russische Bedrohung und innerhalb der Strukturen der NATO. Die Behauptung, Deutschland bereite sich darauf vor, ehemalige preußische Gebiete in Polen oder Litauen zurückzufordern, ist jedoch nicht belegt. Sie ist eine historisch verständliche Sorge, aber kein nachgewiesener strategischer Plan.

Ingwar Heinrich Lotz
Dr. Ingwar Heinrich Lotz ist Mitglied in der Internationalen Journalisten-Föderation (IJF), Gründer & Chefredakteur der BALTISCHEN RUNDSCHAU, Präsident des Vereins der Deutschen Litauens e.V.

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