Estlands Forschernacht macht Energie zum landesweiten Klassenzimmer
Die estnische Forschernacht nutzt Energie als Jahresthema und verbindet Physik mit Ernährung, Klima, Technik und Alltagsentscheidungen.
EstlandWissenschaft und Bildung

Estlands Forschernacht macht Energie zum landesweiten Klassenzimmer

0

Estland verwandelt sich an diesem Wochenende in ein offenes Wissenschaftsklassenzimmer. Die estnische Forschernacht, auf Estnisch „Teadlaste Öö“, läuft noch bis Sonntag, den 27. September. Die Ausgabe 2026 begann am 21. September und stellt Energie in den Mittelpunkt eines landesweiten Programms, das Forschung unmittelbar mit Schulen, Familien und der interessierten Öffentlichkeit verbindet.

Die Veranstaltung zeigt, dass Wissenschaftskommunikation nicht auf Hochschullabore oder Fachkonferenzen beschränkt bleiben muss. Nach Angaben der Veranstalter können Besucher Forschende treffen, an Workshops und Experimenten teilnehmen, Labore besichtigen und untersuchen, wie wissenschaftliche Arbeit den Alltag prägt. Zugleich ist die diesjährige Ausgabe die 20. estnische Forschernacht.

Der Begriff Energie wird dabei bewusst weit gefasst. Im offiziellen Programm geht es nicht nur um Strom, sondern auch um Ernährung, menschliche Leistungsfähigkeit, Umwelt, biologische Vielfalt, Technik, Brennstoffe, Solarenergie, Kernenergie und gesellschaftliche Zukunftsentscheidungen. Dadurch können Schulen, Museen und Forschungseinrichtungen das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven behandeln – praktisch, naturwissenschaftlich oder gesellschaftlich.

Ein landesweites Programm mit regionalem Gesicht

Organisiert wird die Forschernacht in Estland vom Wissenschaftszentrum AHHAA gemeinsam mit den Rakett69-Wissenschaftsstudios und dem Energie-Entdeckungszentrum. Beteiligt sind außerdem Universitäten, Schulen, Forschungseinrichtungen, Museen, Unternehmen und Jugendorganisationen im ganzen Land. Die Forschernacht ist deshalb keine einzelne Veranstaltung in Tallinn oder Tartu, sondern ein Netzwerk lokaler Begegnungen mit Wissenschaft.

Das Online-Programm führt Veranstaltungen unter anderem in Tallinn, Tartu, Jõhvi, Põlva, Võru, Pärnu, auf Saaremaa, in Viljandi und Haapsalu auf. Angeboten werden Vorträge, Wissenschaftscafés, Laborbesuche, Messen, Demonstrationen, Schulworkshops und Übernachtungen mit wissenschaftlichem Schwerpunkt. Einige Programmpunkte sind kostenlos, für andere ist eine Anmeldung oder Eintrittskarte erforderlich.

Für Familien und jüngere Besucher ist das Programm ausdrücklich zum Mitmachen angelegt. Die Teilnehmenden sollen testen, rechnen, bauen, beobachten und Fragen stellen, statt nur einer Präsentation zuzuhören. Die Veranstalter richten besondere Aufmerksamkeit auf Kinder und Jugendliche: Sie sollen Interesse an Wissenschaft und Technik entwickeln und zugleich einen konkreteren Eindruck von wissenschaftlichen Berufen bekommen.

Von der Eiszeit zu den Energieentscheidungen der Zukunft

Ein besonders anschauliches Wochenendprogramm findet am Samstag, 26. September, im Eiszeitzentrum in Äksi im Kreis Tartu statt. Unter dem Titel „Energie durch die Eiszeit: von der Vergangenheit in die Zukunft“ verbindet das Zentrum seine Themen Gletscher, Klima und Landschaftsbildung mit dem Jahresschwerpunkt der Forschernacht.

Die Besucher untersuchen, wie Gletscher die estnische Landschaft geformt haben und welche energetischen Anforderungen Lebewesen in schwierigen Lebensräumen bewältigen müssen. In einer spielerischen Aufgabe geht es darum, wie viel Nahrungsenergie ein Mammut in einer kalten Umgebung benötigt haben könnte. Am Nachmittag richtet sich der Blick auf Energieerzeugung, Energiesparen und Umweltfolgen. In einem Rollenspiel wählen die Teilnehmer eine Form der Energiegewinnung, begründen ihre Entscheidung und vertreten sie anschließend.

Die Verbindung von Naturgeschichte und aktueller Wissenschaftsbildung ist dabei zentral. Energie erscheint nicht nur als technisches Problem. Vielmehr werden physikalische Prozesse, Klima, Ernährungssysteme, Artenvielfalt und menschliche Entscheidungen in einen gemeinsamen Zusammenhang gestellt.

Universitäten öffnen ihre Türen

Auch Hochschulen sind ein wichtiger Bestandteil des Programms. In Tartu beteiligen sich unter anderem die Institute der Universität Tartu für Molekular- und Zellbiologie sowie für Genomik. Auf dem Universitätsgelände Maarjaväli organisieren außerdem die Institute für Chemie, Technologie und Physik gemeinsame Veranstaltungen. In Tallinn lädt die Technische Universität TalTech zu einem Abend mit Vorträgen, Workshops und Demonstrationen ein.

Solche Formate machen Forschungsumgebungen zugänglicher und geben den Einrichtungen Gelegenheit, ihre Arbeit über wissenschaftliche Publikationen hinaus zu erklären. Hinzu kommen schulische Angebote, Wissenschaftsübernachtungen und Veranstaltungen in regionalen Zentren. Damit erreicht das Programm auch Menschen, die nicht in der Nähe der größten estnischen Hochschulen leben.

Wissenschaft als Beteiligung

Der konstruktive Wert der Forschernacht liegt nicht nur im Thema, sondern auch in der Methode. Wissenschaft wird als etwas präsentiert, das man hinterfragen und praktisch erproben kann – nicht nur als fertiges Wissen, das man konsumiert. Gerade für junge Besucher entsteht so ein direkterer Zugang zu Forschenden und zu den Methoden, mit denen Erkenntnisse entstehen.

Am 26. September stehen neben dem Programm im Eiszeitzentrum unter anderem ein praktischer Herzkurs im Estnischen Gesundheitsmuseum und weitere Veranstaltungen auf dem offiziellen Kalender. Die landesweite Woche endet am 27. September. Die beteiligten Schulen, Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen sollen jedoch auch über die Festivalwoche hinaus in Bildungs- und Vermittlungsprojekten zusammenarbeiten.

Für Estland bildet die Forschernacht damit eine öffentliche Brücke zwischen Bildung und Forschung. Für die Besucher bietet sie eine konkrete Erfahrung: Fragen zur Energie verbinden Klassenzimmer, Landschaft, Labor, Küche und jene Entscheidungen, die den Alltag und die Zukunft prägen.

Quellen

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
Die einzige, unabhängige und alternative Zeitung aus dem Baltikum – für die Welt! Die BALTISCHE RUNDSCHAU ONLINE ist mit ihrer Vollredaktion die erste deutschsprachige Tageszeitung im Baltikum und Nordeuropa, die nur im Internet erscheint. NEU! Liebe Freunde und Abonnenten, eine weitere Informationsmöglichkeit ist unser Kanal auf dem Messenger-Dienst Telegram. Klicken Sie einfach den Link TELEGRAM-KANAL "DIE BALTISCHE RUNDSCHAU" und registrieren Sie sich. Auf unserem TELEGRAM-KANAL sind immer wieder aktuelle Informationen, Bilder und Videos zu finden. Dieser kostenlose Messengerdienst ist auch ohne Smartphone einfach auf dem PC oder Laptop nutzbar. Bitte nutzen Sie auch diese Kommunikationsmöglichkeit, bewerten Sie die einzelnen Artikel positiv und es würde uns sehr freuen, wenn sie fleißig die Kommentar-Möglichkeiten nutzen würden.

Druskininkai macht den Kurort zur herbstlichen Reiseroute

Previous article

Warschau lässt in Młociny die urbane Artenvielfalt öffentlich erfassen

Next article

You may also like

Comments

Leave a reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

More in Estland