Tallinn wird zum internationalen Treffpunkt für Eisenkunst und Schmiedehandwerk
Das STRIKE-Programm zeigt Schmiedekunst als lebendige Tradition und zeitgenössische künstlerische Praxis.
EstlandKultur und Design

Tallinn wird zum internationalen Treffpunkt für Eisenkunst und Schmiedehandwerk

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Tallinn steht in dieser Woche im Zeichen zeitgenössischer Eisenkunst. Die Estnische Kunstakademie veranstaltet STRIKE, ein fünftägiges Programm rund um Schmiedehandwerk, Metallgestaltung und die kulturelle Bedeutung handwerklicher Arbeit. Die Veranstaltung begann am Mittwoch, dem 4. November, und läuft bis Sonntag, den 8. November. Auf dem Programm stehen Ausstellungen, eine zweitägige Konferenz, Workshops, studentische Arbeiten und öffentliche Vorführungen.

Organisiert wird STRIKE von der Abteilung für Schmuck- und Schmiedekunst der Kunstakademie. Das Programm versteht das Schmieden nicht nur als historische Technik, sondern als lebendiges Arbeitsfeld zwischen Handwerk, Gegenwartskunst, Design, Forschung und Ausbildung. Nach Angaben der Akademie sind alle Veranstaltungen öffentlich und kostenlos zugänglich.

Eine alte Technik im zeitgenössischen Kontext

Im Mittelpunkt von STRIKE steht die Frage, welche Rolle Eisen und Schmiedekunst heute spielen können. Eisen hat über Jahrhunderte Werkzeuge, Gebäude, Verkehrs­mittel und Alltagsgegenstände geprägt. Das Festival richtet den Blick zugleich auf das Wissen der Hand: auf den Umgang mit Hitze, Druck, Rhythmus und wiederholter körperlicher Arbeit.

Damit erhält das Programm eine deutlich kulturelle Perspektive. Schmieden erscheint als praktische Fähigkeit, als künstlerische Ausdrucksform und als Möglichkeit, das Verhältnis des Menschen zu Material und Technologie zu untersuchen. Die Diskussionen fragen auch danach, wie traditionelle Techniken in einer Zeit weitergegeben werden können, in der viele Herstellungsprozesse automatisiert und aus den Werkstätten verlagert wurden.

Für Tallinn erweitert die Veranstaltung die lebendige Design- und Kunstszene der Stadt um eine spezialisierte internationale Plattform. Zugleich erhalten Studierende und junge Gestalter die Möglichkeit, erfahrene Künstler und Forscher in einem offenen Umfeld kennenzulernen.

Mehr als 300 Arbeiten starten ihre europäische Reise

Die zentrale Ausstellung wird am Freitag, dem 6. November, im Weißen Haus der Estnischen Kunstakademie eröffnet. Sie vereint mehr als 300 Arbeiten von über 100 Künstlern und Designern, die über eine offene Ausschreibung ausgewählt wurden.

Die Ausstellung zeigt die Vielfalt von Eisen als Werkstoff und untersucht, wie traditionelle Schmiedetechniken mit Skulptur, Schmuck, Objektkunst und Design verbunden werden können. Schmiedehandwerk wird dabei nicht als abgeschlossene Spezialdisziplin präsentiert. Stattdessen soll sichtbar werden, wie Eisen sowohl funktionale Arbeiten als auch experimentelle und konzeptionelle Formen ermöglicht.

Tallinn ist die erste Station der Ausstellung. Danach soll sie an mehrere europäische Kunst- und Handwerksorte weiterreisen. Vorgesehen sind unter anderem das CODA Museum im niederländischen Apeldoorn, das Programm SCHMUCK während der Münchner Schmuckwoche, das KORU9-Programm im finnischen Riihisaari sowie die Europäische Biennale der Schmiedekunst im italienischen Stia.

Durch dieses Wanderformat erhält die Tallinner Präsentation eine zusätzliche Bedeutung: Sie ist nicht nur eine lokale Ausstellung, sondern der Auftakt zu einem längerfristigen Austausch über zeitgenössische Metallgestaltung.

Konferenz verbindet Praxis und Forschung

Am 6. und 7. November findet an der Kunstakademie eine internationale Konferenz über die Bedeutung von Eisen und manueller Arbeit in der Gegenwart statt. Teilnehmer kommen aus Europa, Asien, Australien und den Vereinigten Staaten.

Auf dem Programm stehen Vorträge über den Einfluss von Eisen auf die menschliche Entwicklung, die Zukunft traditioneller Schmiedetechniken und die Bedeutung körperlicher Arbeit in einer technologisch geprägten Welt. Zu den Referenten gehören der Philosoph Eik Hermann, der Archäometallurge Ragnar Saage, die Schmuckforscherin Julia Wild, der australische Künstler und Schmied Will Maguire, der deutsche Künstler Peter Bauhuis, der japanische Fotograf Jun Ishikura und der indonesische Schmied Raditya Mahardhika.

Die estnische Szene wird von Sander Haugas, Nils Hint und Urmas Lüüs vertreten. Sie sprechen über den gegenwärtigen Stand und die Zukunft des Schmiedehandwerks in Estland. Ihre Beiträge stellen lokale Erfahrungen in einen internationalen Zusammenhang und zeigen zugleich, dass estnische Handwerkstraditionen mit aktueller Kunst- und Bildungsarbeit verbunden bleiben.

Vorführungen und Arbeiten junger Metallkünstler

Ergänzt wird die Konferenz durch praktische Workshops und Demonstrationen. Das Programm nennt unter anderem Messerschärfen, Nagelschmieden sowie Vorführungen, die Metall und Glas miteinander verbinden. Für einige Workshops ist die Teilnehmerzahl begrenzt. Die Konferenzbeiträge werden außerdem über den EKA-TV-Stream zugänglich gemacht.

Eine eigene Studentenausstellung mit dem Titel „Strike in the Dark“ eröffnet am 5. November im Tallinner Kuldjala-Turm. Sie bringt junge Metallkünstler und Absolventen aus Estland, Schweden, Norwegen und Finnland zusammen. Die Satellitenausstellung bietet einen experimentelleren Blick auf das Feld und zeigt Arbeiten von Künstlern am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn.

Gemeinsam machen die verschiedenen Programmpunkte STRIKE zu einer Ausstellung und zugleich zu einem Arbeitsforum. Im Zentrum stehen nicht nur fertige Objekte, sondern auch Fähigkeiten, Lehrmethoden, Materialien und der Austausch zwischen Generationen und Ländern.

Für Besucher bietet die Veranstaltung mehrere Zugänge zu einem anspruchsvollen Handwerk: als Ausstellung, als sichtbarer Arbeitsprozess, als wissenschaftliche Diskussion und als studentisches Experiment. Für die Beteiligten ist Tallinn der Ausgangspunkt eines Projekts, das nach dieser Woche in verschiedenen Teilen Europas weitergeführt wird.

Quellen

Lena Klingbach
Lena Klingbach ist die versierte Redakteurin der Kolumne Kultur & Bildung, mit einem scharfen Auge für die Künste und einer Leidenschaft für die Kraft des Lernens. Ihr Hintergrund in Kunstgeschichte und Literatur ermöglicht es ihr, Geschichten zu kuratieren, die den Reichtum des kulturellen Erbes und des intellektuellen Lebens der baltischen Region feiern. Lena ist überzeugt, dass Kultur und Bildung die Eckpfeiler einer starken Gesellschaft sind, und widmet sich leidenschaftlich der Aufgabe, diese lebenswichtigen Geschichten den Lesern der Baltischen Rundschau näherzubringen.

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