Ein Kulturprogramm beginnt dort, wo die Menschen wohnen
In Kaunas hat die Veranstaltungsreihe „Kultur in den Innenhöfen“ begonnen. Das kostenlose Programm bringt professionelle Kunst aus Konzertsälen, Theatern und Kinos in die Wohnviertel der Stadt. Der Auftakt fand am Montag, dem 17. August, statt. Die Veranstalter führen den Zyklus vom 17. bis 26. August, während der litauische Rundfunk LRT in seiner aktuellen Berichterstattung von einem Abschluss am 27. August spricht. Die laufende Programmübersicht sollte deshalb für einzelne Termine geprüft werden.
Das Grundprinzip ist einfach und zugleich stadtpolitisch interessant: Die Bewohner müssen nicht erst ins Zentrum fahren, um ein Konzert, einen Film oder eine Theateraufführung zu erleben. Die Kultur kommt in die Innenhöfe, die sonst vor allem Durchgangs- und Alltagsräume sind. Nach Angaben von LRT sind in zehn Stadtteilen mehr als 20 kostenlose Veranstaltungen und Aktivitäten vorgesehen.
Musik, Theater, Film und Zirkus im Quartier
Eröffnet wird die Reihe in Aleksotas mit einem Auftritt der Sängerin Rūta MUR an der Europos Avenue. Danach führt das Programm durch mehrere Stadtteile. In Žaliakalnis treffen lateinamerikanische Folklore und zeitgenössische Musik aufeinander. In Šančiai präsentieren der Musiker Pijus Opera und der Perkussionist Arkadijus Gotesmanas die poetisch-perkussive Arbeit „Pagava“. Ein Tanzduo am Karaliaus-Mindaugo-Prospekt beschäftigt sich mit Nähe und Distanz im digitalen Zeitalter.
Mehrere Abende widmen sich dem Film und der visuellen Kunst. In Dainava ist ein Programm litauischer Kurzfilme zu sehen, das vom Vilnius Short Film Festival zusammengestellt wurde. In Petrašiūnai wird der Dokumentarfilm „Dust, Bones and Miracles“ der Regisseurin Aistė Žegulytė gezeigt. In Panemunė werden fotografische Projekte wie „Classmates’ Kaunas“ und „Grotesque“ auf Hausfassaden projiziert. Die Architektur des Wohnviertels wird damit für einen Abend zur offenen Leinwand.
Auch zeitgenössischer Zirkus gehört zum Programm. In Eiguliai erzählt die Vorstellung „Stork“ von den Bewegungen und Wanderungen von Zirkusartisten und Zugvögeln. In Vilijampolė zeigt der Schauspieler und Regisseur Paulius Markevičius das Monodrama „Tomas Peinas (based on nothing)“ mit einer Live-Band. Dort tritt außerdem das Akustik-Trio Golden Parazyth auf. Den Abschluss der aktuellen LRT-Berichterstattung bildet ein Konzert der Gruppe Graži ir ta galinga in Šilainiai.
Die Nachbarschaft wird selbst zum Mitveranstalter
„Kultur in den Innenhöfen“ ist nicht bloß eine mobile Bühne, die vor Wohnhäusern aufgebaut wird. Die Bewohner sollen die Veranstaltungen mitgestalten. LRT berichtet, dass Kinder in einem Hof in Dainava ein eigenes Konzert und eine Tanzaufführung vorbereiten. In Žaliakalnis unterstützt ein dort lebender DJ das Programm, während lokale Künstler das Umfeld gestalten. In Šančiai ist erneut ein Markt lokaler Initiativen vorgesehen.
Einige Gastgeber öffnen zudem ihre Türen oder Balkone und machen den Blick über Kaunas selbst zu einem Teil des Abends. Dadurch entsteht ein Format, das zwischen Festival, Nachbarschaftstreffen und öffentlichem Stadtraum liegt. Niemand muss sich anmelden oder besondere Vorkenntnisse mitbringen. Man kann gezielt kommen, kurz stehen bleiben oder das Geschehen aus einiger Entfernung beobachten.
Workshops über Pflanzen, Pilze und gemeinsames Gestalten
Begleitet wird der Veranstaltungszyklus von einer Bildungs- und Workshopreihe. Auf dem Programm stehen unter anderem Jonglierkurse, kreative Werkstätten der bildenden Künstlerin Ilona Miknevičiūtė, eine Veranstaltung mit der Pilzexpertin Aurelia Plūkė sowie „Verschenkhöfe“ in Aleksotas und Šilainiai. Die Formate greifen Themen auf, die in Wohnvierteln ohnehin präsent sind: Pflanzen, gemeinsamer Raum, alltägliche Dinge und die Frage, wie Nachbarn miteinander in Kontakt kommen.
In einem früheren LRT-Gespräch beschrieben die beteiligten Künstler den Innenhof nicht als neutrale Kulisse, sondern als Teil des Kunstwerks. Für Theatermacher Paulius Markevičius bestimmen Wege, Geräusche, Abstände und zufällige Unterbrechungen die Form der Aufführung. Ilona Miknevičiūtė interessiert sich für Arbeiten, die sich mit den Menschen und der Natur vor Ort verändern können. Der Innenhof wird so nicht dekoriert, sondern als bereits lebendiger Ort wahrgenommen.
Eine Kulturtradition für die Wohnviertel
Organisiert wird die Reihe von den Kauno Menininkų Namai, einer städtischen Kultureinrichtung. Das Projekt wurde 2020 begonnen, um Kultur aus dem Stadtzentrum in die Wohngebiete zu bringen. Nach Angaben der Organisatoren geht es inzwischen nicht mehr nur darum, professionelle Kunst an einen anderen Ort zu transportieren. Wichtiger sei es, eine gastfreundliche Situation zu schaffen, in der Bewohner selbst zu Mitwirkenden und Gastgebern werden.
Der diesjährige Zyklus zeigt damit eine konstruktive Seite der Stadtentwicklung: Kultur wird nicht ausschließlich als Besuch in einer Institution verstanden, sondern als Gelegenheit, den vertrauten Raum gemeinsam neu zu erleben. Wenn im Innenhof Musik erklingt, eine Hauswand zum Bildschirm wird oder Kinder selbst auftreten, entsteht für kurze Zeit eine andere Form von Öffentlichkeit. Kaunas nutzt seine Wohnviertel damit nicht nur als Veranstaltungsorte, sondern als aktive Partner des kulturellen Lebens.




















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