Chip in Tallinn, Ausweis-Upload in Wien: Warum Europa Online-Konten so unterschiedlich prüft
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Chip in Tallinn, Ausweis-Upload in Wien: Warum Europa Online-Konten so unterschiedlich prüft

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6,3 Millionen Menschen in Österreich besitzen Anfang September eine ID Austria, fast so viele, wie das Land Wahlberechtigte zählt. In derselben Woche treffen sich in Tallinn Zertifizierungsstellen, Wallet-Entwickler und Aufsichtsbehörden, um festzulegen, wie ein digitaler Identitätsnachweis künftig über Ländergrenzen hinweg geprüft wird. Zwischen beiden Meldungen liegt eine Frage, die jeden betrifft, der online ein Konto eröffnet: Wer prüft eigentlich, dass ich bin, wer ich behaupte zu sein?

Estland prüft per Chip, Österreich per Upload

In Estland ist die Antwort seit zwei Jahrzehnten dieselbe. 99 Prozent der Einwohner besitzen eine ID-Karte mit Chip, mit der sie sich bei Banken einloggen, Steuererklärungen abgeben und Verträge unterschreiben. Rund 800 Millionen digitale Signaturen wurden nach Angaben der Initiative e-Estonia bisher geleistet. Ein privater Anbieter, der einen Neukunden identifizieren muss, fragt die Karte ab und ist fertig.

In Österreich existiert mit der ID Austria inzwischen ein vergleichbares Werkzeug, doch außerhalb der Verwaltung wird es selten eingesetzt. Wer bei einem privaten Dienst ein Konto eröffnet, fotografiert in der Regel seinen Ausweis, bestätigt eine E-Mail-Adresse und wartet auf die Freigabe. Wie einheitlich dieser Ablauf geworden ist, zeigt ein Blick in regulierte Online-Branchen. Ein Vergleich österreichischer Online-Casino-Anbieter beschreibt für alle zehn geprüften Plattformen denselben Weg: Registrierung mit Geburtsdatum und Adresse, Aktivierungslink, Ausweis-Upload. Ohne verifiziertes Konto, so der Befund, ist bei keinem der Anbieter eine Auszahlung möglich. Geprüft wird in Wien also nicht weniger streng als in Tallinn. Der Aufwand entsteht nur bei jedem einzelnen Dienst von vorne.

Die Zahlen zur estnischen Karte veröffentlicht die staatliche Plattform e-Estonia in ihrer Übersicht zur ID-Karte, inklusive der fünf Arbeitstage pro Jahr, die ein Nutzer durch digitale Signaturen sparen soll.

Eine Richtlinie, viele Verfahren

Dass Banken, Zahlungsdienste und Glücksspielanbieter ihre Kunden identifizieren müssen, schreibt die EU-Geldwäscherichtlinie allen Mitgliedstaaten gleichermaßen vor. Wie diese Identifizierung technisch abläuft, lässt sie offen. Estland hat die Pflicht an eine bestehende staatliche Infrastruktur angedockt. Österreich und die meisten anderen Länder überließen die Umsetzung dem Markt, der Dokumenten-Upload, Videoident und Datenbankabgleiche entwickelte.

Das Ergebnis ist ein Flickenteppich. Ein Este, der bei einem österreichischen Anbieter ein Konto eröffnet, kann seine Chipkarte dort nicht nutzen, und ein Österreicher mit ID Austria steht bei einem lettischen Dienst vor demselben Problem. Beide laden am Ende ein Foto ihres Ausweises hoch, obwohl beide Staaten einen digitalen Nachweis ausgestellt haben.

Was in Tallinn diese Woche verhandelt wird

An diesem Punkt setzt das Programm in Tallinn an. Den Auftakt machte am 14. September die ETSI-Sitzung zu Zertifizierungsstellen, am 15. September folgt das zwölfte Trust Services and eID Forum der EU-Cybersicherheitsagentur ENISA, am 16. September der CA-Day. Auf der Tagesordnung stehen Vertrauensketten zwischen Wallets, die Einbindung verlässlicher Quellen und die Frage, wie ein in Wien ausgestelltes Attribut in Riga automatisch als gültig erkannt wird. Die Baltische Rundschau hat das Programm der Woche in ihrem Bericht über die europäischen Standards für digitale Identität zusammengefasst.

Was die EUDI-Wallet für Konsumenten ändern könnte

Das politische Ziel hinter den technischen Sitzungen heißt European Digital Identity Wallet. Sie soll Bürgern erlauben, Nachweise wie Alter, Wohnsitz oder Führerschein auf dem Smartphone zu speichern und gegenüber Banken, Marktplätzen oder eben Glücksspielanbietern vorzuzeigen, ohne bei jedem Dienst erneut Dokumente hochzuladen. Verfahren wie Zero-Knowledge-Proofs sollen dabei ermöglichen, etwa die Volljährigkeit zu belegen, ohne Geburtsdatum und Adresse preiszugeben.

Estland kennt diese Logik seit Dezember 2014, als es mit der e-Residency für Ausländer erstmals eine digitale Identität ohne Wohnsitzbindung ausgab. Österreich holt in der Breite auf: 270.000 neue Registrierungen in zwei Monaten meldete Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll, wie das Magazin Kosmo Anfang September berichtete. Was fehlt, ist die Brücke von der Behörden-App zum privaten Anbieter.

Bis dahin bleibt der Ausweis-Upload

Für Nutzer in Österreich ändert sich heuer im Alltag wenig. Die ID Austria öffnet Amtswege und ersetzt Ausweise am Handy, private Konten verlangen weiterhin das Foto vom Dokument. Ob sich das mit der Wallet ändert, entscheidet sich weniger in Brüssel als bei den Anbietern selbst, die den neuen Nachweis akzeptieren müssen. Estland hat vorgeführt, dass 99 Prozent erreichbar sind. Ob der Rest Europas nachzieht, hängt an Standards, die in dieser Woche in Tallinn verhandelt werden, und an Anbietern, die sie später auch einbauen.

Die Baltische Rundschau | Online-Redaktion
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