Ein gutes Ergebnis mit einer klaren nächsten Aufgabe
Estlands 15-jährige Schülerinnen und Schüler gehören weiterhin zu den leistungsstärksten Europas. Das zeigen die am Dienstag, dem 8. September, veröffentlichten Ergebnisse der internationalen PISA-Studie. Nach Angaben des estnischen Bildungs- und Wissenschaftsministeriums lag Estland in Europa in Naturwissenschaften und Mathematik auf dem ersten Platz, in Lesekompetenz auf dem zweiten. Damit ergibt sich ein überwiegend positives Bild, das zugleich konkrete Aufgaben für Schulen und Bildungspolitik sichtbar macht.
PISA wird von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD, durchgeführt. Untersucht werden Kenntnisse und Fähigkeiten von Jugendlichen im Alter von etwa 15 Jahren in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen. Der Schwerpunkt des Jahrgangs 2025 lag auf den Naturwissenschaften; zusätzlich wurden unter anderem digitales Problemlösen und Lernprozesse in einer digitalen Umgebung betrachtet. In Estland nahmen 6.304 Schülerinnen und Schüler aus 204 Schulen teil. Sie standen für rund 14.600 Jugendliche ihres Alters im ganzen Land. ([oecd.org](https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2025-results-volume-i-country-notes_2d4ff9ea-en/estonia_3b256c6a-en.html))
Naturwissenschaften bleiben die größte Stärke
Das Ministerium meldete für Estland einen Durchschnitt von 508 Punkten in Mathematik und 499 Punkten im Lesen. In den Naturwissenschaften erreichte das Land den höchsten Wert unter den europäischen Teilnehmern und Platz sechs im Vergleich aller beteiligten Länder und Bildungssysteme. Rund 90 Prozent der estnischen Jugendlichen erreichten mindestens die grundlegende Kompetenzstufe in Naturwissenschaften; 11,3 Prozent gehörten zur Spitzengruppe.
Die OECD bestätigt, dass Estlands Schülerinnen und Schüler in allen drei Kernbereichen über dem OECD-Durchschnitt lagen. Das gilt auch für das computergestützte Problemlösen. In den Naturwissenschaften erreichten etwa 90 Prozent mindestens Kompetenzstufe 2, gegenüber 74 Prozent im OECD-Mittel. In Mathematik und Lesen waren es jeweils 83 Prozent; die entsprechenden OECD-Werte lagen bei 65 beziehungsweise 69 Prozent. ([oecd.org](https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2025-results-volume-i-country-notes_2d4ff9ea-en/estonia_3b256c6a-en.html))
Die grundlegende Kompetenzstufe steht dabei nicht für Spezialwissen. In den Naturwissenschaften sollen Jugendliche auf diesem Niveau Erklärungen für bekannte Phänomene erkennen und anhand vorliegender Daten beurteilen können, ob eine Schlussfolgerung gültig ist. In Mathematik geht es unter anderem darum, einfache Alltagssituationen mathematisch zu erfassen. Beim Lesen umfasst die Basisstufe das Erkennen einer Hauptaussage, das Auffinden von Informationen und die Reflexion über Zweck und Form eines Textes.
Lesen bleibt das zentrale Arbeitsfeld
Die Ergebnisse enthalten jedoch auch eine wichtige Einschränkung. Nach der OECD lagen Estlands Durchschnittswerte 2025 in Mathematik und Naturwissenschaften ungefähr auf dem Niveau von 2022, während der Lesewert zurückging. Das estnische Ministerium erklärte, der Abstand zum führenden europäischen Land Irland betrage beim Lesen nur einen Punkt. Gleichzeitig ist die längerfristige Entwicklung weniger günstig: Nach Angaben des Ministeriums lag Estlands Lesewert 15 Punkte unter dem Wert von vor zehn Jahren.
Diese Entwicklung macht deutlich, warum die Ergebnisse nicht nur als Rangliste gelesen werden sollten. Estland verfügt weiterhin über eine breite Gruppe von Jugendlichen, die die Mindestanforderungen erfüllen. Gleichzeitig müssen Schulen berücksichtigen, wie sich Lesegewohnheiten, digitale Medien und die Fähigkeit zur Bewertung von Informationen verändern. Das Ministerium verwies darauf, dass Textverständnis im Zeitalter künstlicher Intelligenz noch wichtiger werde, wenn Jugendliche Informationen aus unterschiedlichen Quellen einordnen und eigene Gedanken formulieren sollen.
Selbstvertrauen und Belastungen im Schulalltag
Die PISA-Erhebung untersucht nicht nur Fachleistungen. 83 Prozent der estnischen Jugendlichen gaben an, dass sich Fähigkeiten durch Lernen, Anstrengung und Rückmeldung weiterentwickeln können. Die OECD bezeichnet diese Haltung als „growth mindset“. Viele Jugendliche berichteten außerdem, dass sie sich bei Schwierigkeiten an Lehrkräfte oder Mitschüler wenden.
Gleichzeitig weist die Studie auf praktische Belastungen hin. Laut OECD besuchten 2025 mehr Schülerinnen und Schüler als 2022 Schulen, an denen Schulleitungen Engpässe bei Lehr- oder Unterrichtsmaterialien als hinderlich bezeichneten. Auch der Mangel an Lehrkräften wird in der nationalen Auswertung als Herausforderung genannt. Die Ergebnisse verbinden damit hohe Leistungen mit der Frage, wie Schulen ausreichend Personal, Ausstattung und Unterstützung für unterschiedliche Lernbedürfnisse sichern können.
Orientierung für die nächste Bildungsphase
Für Estland sind die neuen PISA-Daten deshalb Anerkennung und Arbeitsauftrag zugleich. Die starken Werte in Naturwissenschaften und Mathematik zeigen, dass viele Schulen Jugendlichen weiterhin eine solide Grundlage für analytisches Denken vermitteln. Der hohe Anteil von Schülerinnen und Schülern, die mindestens die Basisstufe erreichen, deutet zudem darauf hin, dass gute Leistungen nicht auf eine kleine Elite beschränkt sind.
Die nächste Aufgabe besteht darin, diese breite Grundlage zu erhalten und zugleich das Lesen zu stärken. Dazu können längeres und vertieftes Lesen, fächerübergreifendes Textverständnis sowie der kritische Umgang mit digitalen Informationen gehören. Ebenso wichtig bleiben gute Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte und eine verlässliche Ausstattung der Schulen. PISA erklärt nicht alle Ursachen eines Ergebnisses und ersetzt keine Bewertung des Unterrichts vor Ort. Die Studie liefert jedoch eine aktuelle internationale Vergleichsperspektive und zeigt, wo ein bereits leistungsstarkes Bildungssystem seine nächsten Verbesserungen ansetzen kann.






















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