Estland kommt freiwilliger Nutri-Score-Kennzeichnung näher
Ein estnischer Verordnungsentwurf könnte Unternehmen die freiwillige Nutzung von Nutri-Score ermöglichen.
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Estland kommt freiwilliger Nutri-Score-Kennzeichnung näher

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Estland ist einem freiwilligen Nutri-Score-System auf Lebensmittelverpackungen einen Schritt näher gekommen. Ein entsprechender Verordnungsentwurf wurde zur Abstimmung an Interessengruppen, Unternehmen und Ministerien weitergeleitet. Vorgesehen ist keine verpflichtende Kennzeichnung, sondern ein staatlicher Rechtsrahmen, der Unternehmen die Nutzung ermöglichen würde.

Die estnische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt ERR berichtete am 19. Oktober über den neuen Stand des Verfahrens. Eine sofortige flächendeckende Einführung ist damit nicht verbunden. Zunächst geht es um Rückmeldungen und die weitere Prüfung des Entwurfs. ([err.ee](https://www.err.ee/1610170567/tootjad-on-toidu-tervislikkuse-varvilise-tahega-tahistamise-suhtes-torksad))

Eine schnelle Orientierung im Supermarkt

Nutri-Score steht auf der Vorderseite einer Verpackung und fasst die allgemeine Nährstoffzusammensetzung eines Produkts mit Buchstaben und Farben zusammen. Die Skala reicht von dunkelgrünem A bis zu dunkelorangefarbenem E. Berechnet wird der Wert pro 100 Gramm oder 100 Milliliter.

Positiv berücksichtigt werden unter anderem Eiweiß, Ballaststoffe sowie Obst- und Gemüseanteile. Energie, Zucker, Salz und gesättigte Fettsäuren wirken sich in die andere Richtung aus. Bei Getränken können zusätzlich bestimmte Süßstoffe einbezogen werden. Das estnische Ministerium für regionale Angelegenheiten und Landwirtschaft betont, dass die Kennzeichnung vor allem den Vergleich ähnlicher Produkte erleichtern soll: Brot mit Brot, Joghurt mit Joghurt oder Müsli mit Müsli—nicht Brot mit Öl. ([agri.ee](https://www.agri.ee/toiduohutus-taime-ja-loomatervis/toiduohutus/nutri-score))

Damit ist Nutri-Score kein umfassendes Urteil über die Qualität einer gesamten Ernährung. Die Kennzeichnung soll eine erste Orientierung bieten, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher im Regal mehrere ähnliche Produkte vergleichen. Nach Darstellung des Ministeriums kann sie komplizierte Nährwertangaben verständlicher machen, ersetzt aber weder Ernährungswissen noch eine ausgewogene Lebensmittelauswahl.

Warum Estland das System prüft

Auf estnischen Verpackungen müssen bereits heute ausführliche Nährwertangaben stehen. In der Praxis ist es jedoch nicht immer einfach, innerhalb kurzer Zeit Zucker-, Salz-, Fett- und Energiegehalte mehrerer Produkte miteinander zu vergleichen. Ein zusätzliches, standardisiertes Zeichen könnte diese erste Auswahl vereinfachen.

Das Ministerium untersucht Front-of-Pack-Kennzeichnungen seit 2025. Dazu gehören eine Auswertung der Forschung zu verschiedenen Systemen sowie Untersuchungen zur Vereinbarkeit von Nutri-Score mit estnischen Ernährungsempfehlungen und zu möglichen wirtschaftlichen Folgen einer freiwilligen Einführung. In Belgien, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden, Spanien und der Schweiz ist Nutri-Score bereits im Einsatz. ([agri.ee](https://www.agri.ee/toiduohutus-taime-ja-loomatervis/toiduohutus/nutri-score))

Auch der europäische Markt spielt eine Rolle. In estnischen Geschäften sind bereits importierte Produkte mit Nutri-Score zu finden. Ein nationales Verfahren könnte estnischen Herstellern ermöglichen, ihren Kundinnen und Kunden im Inland sowie in Exportmärkten dieselbe Form der Zusatzinformation anzubieten.

Geteilte Reaktionen aus der Lebensmittelwirtschaft

Die Konsultation soll unterschiedliche Einschätzungen zusammenführen. Einige Unternehmen sehen Vorteile in einer einheitlichen und leicht erkennbaren Skala. ERR zitierte die Produktionsdirektorin von Leibur Baltikum, Anni Talts, mit dem Hinweis, dass eine in Mitteleuropa bekannte Kennzeichnung estnischen Marken im Export helfen könnte.

Andere Hersteller halten die Aussagekraft eines einzelnen Buchstabens oder einer Farbe für begrenzt. Sie weisen darauf hin, dass die Berechnung pro 100 Gramm oder 100 Milliliter keine Portionsgröße, Verzehrhäufigkeit, Zubereitungsart oder den gesamten Speiseplan berücksichtigt. Lebensmittel mit wertvollen Bestandteilen können wegen ihres Salz-, Zucker-, Fett- oder Energiegehalts dennoch eine weniger günstige Einstufung erhalten.

Das Ministerium erklärt, es berücksichtige neben den gesundheitspolitischen Zielen auch die Stellungnahmen der Interessengruppen und mögliche wirtschaftliche Auswirkungen. Eine verpflichtende Nutzung ist nach dem derzeitigen Vorschlag nicht vorgesehen. Offen bleibt allerdings, ob eine freiwillige Kennzeichnung später durch Erwartungen von Handelsketten, Konsumenten oder Exportmärkten an Bedeutung gewinnen könnte. ([err.ee](https://www.err.ee/1610170567/tootjad-on-toidu-tervislikkuse-varvilise-tahega-tahistamise-suhtes-torksad))

Was die Kennzeichnung leisten kann

Bei einer Zustimmung würde Nutri-Score die bestehenden Angaben ergänzen, nicht ersetzen. Zutatenliste, Allergene, Mindesthaltbarkeit und die vollständige Nährwerttabelle blieben weiterhin wichtig. Die estnischen Behörden schreiben vor, dass freiwillige Zusatzinformationen klar, eindeutig, wissenschaftlich nachvollziehbar und nicht irreführend sein müssen.

Für Verbraucher kann es sinnvoll sein, Nutri-Score als ersten Filter zu verwenden. Innerhalb einer Produktgruppe kann die Kennzeichnung helfen, Varianten mit weniger Zucker, Salz oder gesättigten Fettsäuren schneller zu erkennen. Sie sagt jedoch nicht allein, ob ein Lebensmittel für jede Person und jede Situation geeignet ist.

Der nächste Schritt ist die Konsultation. Estland diskutiert damit nicht nur ein neues Symbol auf Verpackungen, sondern auch eine gemeinsame Sprache für Nährwertvergleiche. Ob Unternehmen sie künftig nutzen, soll freiwillig bleiben; wie verständlich sie für die Öffentlichkeit ist, wird von ihrer Einordnung neben den ausführlichen Pflichtangaben abhängen.

Quellen

Viktorija Sinkevičius
Als Redakteur unserer Kolumne Lifestyle, Unterhaltung & Events hat Viktoras Sinkevičius den Finger am Puls dessen, was in der baltischen Region passiert. Mit einem Hintergrund in Kulturwissenschaften bringt er eine durchdachte und ansprechende Perspektive auf die Trends, Veranstaltungen und Persönlichkeiten, die das moderne Leben prägen. Viktoras' Arbeit für The Baltic Review ist ein Leitfaden für ein gutes Leben, der den lebendigen und dynamischen Geist unserer Gemeinschaften feiert.

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