Lernen endet nicht mit dem Schulabschluss
Estlands jährliche Woche der erwachsenen Lernenden erreicht am Donnerstag, dem 22. Oktober, ihren nationalen Höhepunkt. Bei einer Anerkennungsveranstaltung in Tallinn werden Menschen und Organisationen gewürdigt, die Weiterbildung und lebenslanges Lernen im Alltag sichtbar und zugänglich machen.
Vergeben werden Auszeichnungen in vier Kategorien: Lernende des Jahres, Lerninitiative des Jahres, lernfreundlicher Arbeitgeber des Jahres und Trainer des Jahres. Die Veranstaltung ist in der Estnischen Nationalbibliothek vorgesehen und bildet den zentralen öffentlichen Termin der diesjährigen Aktionswoche.
Das Thema ist gesellschaftlich relevant, weil es Bildung nicht auf Kindheit, Jugend oder einen ersten Berufsabschluss beschränkt. Die Kampagne zeigt vielmehr, dass Lernen auch im Berufsleben, im Ruhestand, in Vereinen, Bibliotheken und Gemeinden weitergeht.
Ein landesweites Programm mit praktischem Ansatz
Die Woche der erwachsenen Lernenden findet 2026 vom 14. bis zum 25. Oktober statt. Koordiniert wird sie von ETKA Andras gemeinsam mit dem estnischen Ministerium für Bildung und Forschung. In verschiedenen Regionen beteiligen sich Kommunen, Bibliotheken, Schulen, Weiterbildungseinrichtungen und lokale Gemeinschaften mit Kursen, Vorträgen, Werkstätten und offenen Angeboten.
Eröffnet wurde die Woche am 14. Oktober mit der landesweiten „Lernstunde“. Erwachsene wurden eingeladen, mindestens eine Stunde lang etwas Neues zu lernen – allein, mit Freunden, Kolleginnen und Kollegen oder gemeinsam mit der Nachbarschaft. Der niederschwellige Ansatz soll deutlich machen, dass Weiterbildung nicht zwingend mit einem langen Lehrgang oder einer formalen Prüfung beginnen muss.
Lokale Programme reichen von kreativen und handwerklichen Workshops bis zu Angeboten über digitale Kompetenzen, finanzielle Bildung, psychische Gesundheit und den Umgang mit künstlicher Intelligenz. Die Stadtbibliothek in Narva wirbt beispielsweise für Möglichkeiten, neue Fähigkeiten zu erwerben und geistig aktiv zu bleiben. In der Gemeinde Saue stehen neben praktischen Workshops auch Zukunftsplanung, mentale Gesundheit und digitale Themen auf dem Programm.
Die Menschen hinter dem Lernen
Die nationale Auszeichnung richtet sich nicht nur an Personen, die selbst wieder zu lernen begonnen haben. Auch jene, die Lernprozesse ermöglichen, erhalten Aufmerksamkeit. Arbeitgeber können für lernfreundliche Arbeitsbedingungen gewürdigt werden, Trainer für ihre Begleitung erwachsener Teilnehmer und Initiativen für konkrete Beiträge zur lokalen Bildungslandschaft.
Die regionalen Auswahlverfahren verdeutlichen, wie unterschiedlich die Wege des Lernens sein können. Auf Saaremaa wurde Keidy Jõgi zur Lernenden des Jahres 2026 gewählt. Sie lässt sich zur Krankenschwester ausbilden und verbindet die Ausbildung mit Tätigkeiten im Tourismus, in der Kosmetik, im Marketing, bei Veranstaltungen und im kommunalen Leben.
Ihr Beispiel steht für eine typische Herausforderung der Erwachsenenbildung: Lernen muss häufig mit Arbeit, Familie und anderen Verantwortungen vereinbart werden. Gerade deshalb sind flexible Angebote und die Unterstützung durch Arbeitgeber und Gemeinden entscheidend.
In Tallinn wurde Janek Kivi als Lernender des Jahres ausgezeichnet. Die Organisatoren hoben seine jahrzehntelange selbstständige Weiterbildung und seine berufliche Laufbahn im Bereich Tontechnik hervor. In der Hauptstadt wurden außerdem ein Trainer und eine Initiative aus dem Bereich der praktischen Bürgerbildung gewürdigt.
Weiterbildung als Teil der gesellschaftlichen Infrastruktur
Das Bildungsministerium ordnet die Woche der erwachsenen Lernenden in das VÕTI-Programm ein, das mit Unterstützung des Europäischen Sozialfonds die Erwachsenenbildung und den Zugang zu nichtformalen Lernmöglichkeiten weiterentwickeln soll.
Damit wird auch eine strukturelle Seite des Themas sichtbar. Ob Erwachsene an Weiterbildung teilnehmen können, hängt nicht allein von persönlicher Motivation ab. Zeit, Kosten, Entfernung, Selbstvertrauen und die Haltung eines Arbeitgebers beeinflussen ebenfalls, ob jemand einen Kurs beginnen oder fortsetzen kann.
Indem die Kampagne Lernende, Arbeitgeber, Trainer und lokale Projekte gemeinsam hervorhebt, macht sie diese Bedingungen sichtbar. Weiterbildung wird nicht nur als private Entscheidung präsentiert, sondern als gemeinsames Anliegen von Bildungsanbietern, Kommunen, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen.
Bibliotheken können Räume und Informationen anbieten, Gemeinden lokale Kontakte herstellen, Arbeitgeber Lernzeiten ermöglichen und Weiterbildungseinrichtungen Kompetenzen vermitteln. Zusammen bilden diese Akteure ein Netz, das Lernen auch nach dem Ende der Schulpflicht erreichbar hält.
Die Aktionswoche läuft bis zum 25. Oktober
In ganz Estland finden bis zum 25. Oktober weitere Veranstaltungen statt. Die nationale Anerkennungsfeier ist dabei der sichtbarste Termin, doch das Ziel der Organisatoren geht darüber hinaus: Menschen sollen überlegen, was sie besser verstehen, neu ausprobieren oder im Alltag sicherer beherrschen möchten – und anschließend einen ersten Schritt machen.
Der Begriff des Lernens wird dabei bewusst weit gefasst. Dazu gehören berufliche und digitale Fähigkeiten ebenso wie kulturelle Teilhabe, Gesundheitswissen, finanzielle Kenntnisse oder die Fähigkeit, sich wirksamer in den Beruf und in die Gemeinschaft einzubringen.
Die Veranstaltung am 22. Oktober bietet somit einen landesweiten Blick auf eine vielfältige Lernkultur. Ihre Botschaft ist einfach: Bildung endet nicht mit dem Verlassen der Schule, und eine Gesellschaft gewinnt, wenn Erwachsene realistische Möglichkeiten haben, sich weiterzuentwickeln.






















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