Tübingen verwandelt sich an diesem Wochenende in ein offenes Forschungslabor. Bei den Science & Innovation Days treffen vom 6. bis 7. November 2026 Forschende, Studierende und Bürgerinnen und Bürger zusammen. Im Mittelpunkt steht die Frage „Welchen Wert hat Wissenschaft?“ Das Festival vermittelt Forschung über Experimente, Workshops, Ausstellungen, Gespräche und künstlerische Formate.
Die Veranstaltung zeigt, wie eine Universität wissenschaftliche Arbeit aus Hörsälen und Laboren in den öffentlichen Raum bringen kann. Sie ist Teil des 550-jährigen Jubiläums der Universität Tübingen und wird gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Wissensmedien und dem Weltethos-Institut getragen. Nach Angaben der Veranstalter soll das Festival einen offenen Austausch darüber ermöglichen, wie Forschung zu gesellschaftlichen Herausforderungen beitragen kann und wie ihr Nutzen bewertet wird.
Forschung an vielen Orten der Stadt
Mehr als 30 Veranstaltungen finden an verschiedenen Orten statt. Dazu gehören das Festivalzentrum Neckawa am Neckarufer, die Alte Aula, die Universitätsbibliothek, der Botanische Garten, das Kino Museum, das Stadtmuseum, der KI-Makerspace und Schloss Hohentübingen. Die räumliche Vielfalt ist Teil des Konzepts: Wissenschaft soll nicht nur in einem spezialisierten Hochschulgebäude stattfinden, sondern in bekannten kulturellen und städtischen Umgebungen zugänglich werden.
Das Programm verbindet Vorführungen mit Möglichkeiten zum Mitmachen und Diskutieren. Auf dem Programm stehen eine Science Fair, Workshops, Vorträge, Fishbowl-Gespräche und ein Student Science Slam. Auch Kinder und Familien werden angesprochen. Sie können unter anderem DNA-Spuren erforschen, biologische Vielfalt kennenlernen oder historische Welten mit Virtual-Reality-Anwendungen erkunden.
Mini-Herzen und sichtbare Gehirnforschung
Mehrere Angebote übersetzen anspruchsvolle Forschung in anschauliche Erfahrungen. Auf der Science Fair können Besucherinnen und Besucher Mini-Herzen auf einem Chip kennenlernen und darüber sprechen, wie Organ-on-Chip-Technologien künftig bestimmte Tierversuche ergänzen oder ersetzen könnten. Ein interaktives Brettspiel beschäftigt sich mit der Frage, wie eine gesunde Stadt gestaltet werden kann, und verbindet damit Stadtplanung, Gesundheit und alltägliche Entscheidungen.
Der „Brain Mapping City Walk“ führt durch die Tübinger Innenstadt. Projektionen machen reale Forschungsdaten sichtbar, darunter MRT-Aufnahmen, dreidimensionale Modelle und KI-gestützte Darstellungen. Beteiligt sind Forschende des Hertie Institute for AI in Brain Health. Der Rundgang will keine fiktive Technikwelt schaffen, sondern zeigen, mit welchen Methoden moderne Hirnforschung arbeitet und wie daraus neue Fragen zur Entstehung und Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen entstehen.
Weitere Veranstaltungen beschäftigen sich mit Antibiotikaresistenzen, der psychischen Gesundheit pflegender Angehöriger, dem Lernen mit Chatbots und dem Einsatz künstlicher Intelligenz in der Forschung. Damit reicht das Festival von Biologie und Medizin über Sozialwissenschaften und Ethik bis zu Fragen der kommunalen Politik.
Dialog als Teil wissenschaftlicher Arbeit
Das Leitmotiv des Festivals verweist auf einen breiteren Wandel in der Wissenschaftskommunikation. Der Austausch mit der Öffentlichkeit wird nicht nur als abschließende Erklärung fertiger Forschung verstanden. Vielmehr geht es auch darum, gemeinsam zu fragen, welche Themen relevant sind, wie Ergebnisse genutzt werden sollen und welche Grenzen berücksichtigt werden müssen.
Das zeigt sich in den Gesprächsformaten. Bei einer Veranstaltung diskutieren Bürgerinnen und Bürger, Kommunalpolitiker und Forschende über gerechte Einsparungen im kommunalen Haushalt. Ein weiteres Gespräch fragt, wo KI bereits in der Forschung eingesetzt wird und welche Bedingungen, Grenzen und Risiken damit verbunden sind. Ziel ist nicht, künstlich Einigkeit herzustellen, sondern einen geordneten Austausch zu ermöglichen, in dem Fragen und Einwände Platz haben.
Der Eintritt ist grundsätzlich frei. Für einzelne Veranstaltungen mit begrenzter Platzanzahl ist eine Anmeldung erforderlich. Nach dem Tübinger Festival soll der Dialog außerdem in andere Kommunen Baden-Württembergs getragen werden. Eine „Tour durchs Ländle“ ist von November 2026 bis Juli 2027 vorgesehen. Ausgewählte Ko-Kreationsprojekte sollen anschließend beim Universitätsjubiläum im Juli 2027 erneut präsentiert werden.
Ein Modell für offene Wissenschaft
Die Science & Innovation Days verbinden mehrere Aufgaben moderner Hochschulen: Forschung verständlich vermitteln, Bildungsangebote schaffen, Bürgerinnen und Bürger beteiligen und mit Kulturinstitutionen kooperieren. Experimente und Mitmachformate senken die Zugangsschwelle, während die Diskussionen die anspruchsvollere Frage stellen, wie Wissen der Gesellschaft dienen kann.
Für das Publikum bietet das Wochenende die Möglichkeit, Forschung ohne besondere Vorkenntnisse kennenzulernen. Für die Universität entsteht ein öffentlicher Raum, in dem der Wert von Wissenschaft erklärt, hinterfragt und gemeinsam weiterentwickelt werden kann. Gerade diese Verbindung aus Zugänglichkeit und kritischem Gespräch gibt dem Festival im Jubiläumsjahr eine konstruktive Bedeutung: Es schlägt eine Brücke zwischen der langen Geschichte der Universität Tübingen und ihrer Verantwortung in der Gegenwart.



















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