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Zeugnisse der Zeitenwende: „Blickwechsel“ widmet Ausgabe dem Schicksalsjahr 1918.

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Ob die Unruhen in der Freien Stadt Danzig, das Ringen um das Dreikaisereck bei Myslowitz, der Griff nach dem Kaukasus oder der Kampf um die Gebiete Kurlands – die Ereignisse während und nach dem Ersten Weltkrieg besaßen damals und besitzen noch heute eine große Bedeutung für die Identifikation der Menschen Osteuropas. Sei es aus strategischen Gründen, sei es durch den Versuche der Herstellung einer „völkisch-rassenbiologischen“ Identität, der Kampf um das Baltikum und die benachbarten Länder wurde ebenso wie der Stellungskrieg im Westen von den Kriegsmächten mit aller Härte geführt. In einer Reihe fundierter, umfassend recherchierter und anschaulich präsentierter Text- und Bildbeiträgen widmet die vom Deutschen Kulturforum östliches Europa e.V. jährlich herausgegebene Zeitschrift „Blickwechsel“ in ihrer 6. und diesjährigen Ausgabe den Irrungen und Wirrungen jener Tage einen thematischen Schwerpunkt.

Aus Freunden werden Feinde

Ging es in Danzig um die Sicherung des deutschen Zugangs zur Ostsee, stand Myslowitz wegen seiner wirtschaftlichen Stärke im Fokus der Begierde Deutschlands, Österreichs und Russlands. Auch die Ölfelder in der Ukraine, Georgien und Aserbaidschan spielten für den Fortgang des Krieges eine entscheidende Rolle.

Am ehemaligen Dreikaisereck erinnert heute ein Obelisk an die Bedeutung dieser Region für die Geschichte Europas. Foto: SchiDD/WikiCommons

Um die Bevölkerungsgruppen in den jeweiligen Gebieten auf ihre Seite zu bringen, wurden pseudo-wissenschaftliche und polemisierend-populistische Texte veröffentlicht, die eine enge Verbindung dieser Minderheiten mit den Stammländern, allen voran dem Deutschen Reich, suggerierten (S. 16). Gleiches gilt für die Vielzahl an politischen Postkarten, die auf visuelle Weise versuchten, Propaganda zu machen und Vorurteile und Ängste gegenüber den anderen Gruppen zu schüren (S. 36.). Dass jedoch der Wunsch der Eliten und der Alltag der Soldaten oftmals in krassem Widerspruch standen, zeigen Ausschnitte aus der Korrespondenz des jungen Soldaten Josef Muth, der 1917 in die k.u.k. Armee eingezogen wurde (S. 20). Auch die Intellektuellen setzten sich intensiv mit der Frage nach den Ursachen und den Auswirkungen des Krieges auseinander, wie der Textauszug aus Max Brods „Das große Wagnis“ von 1918 zeigt (S. 40). In diesem machen sich von Gott gesandte Engel auf den Weg zur Erde, um herauszufinden, wer denn für den Ausbruch des Krieges verantwortlich sei. Doch alle Befragungen unter den Beteiligten bringen nur den unbedingten Wunsch zu Frieden hervor. Ratlos und konsterniert wenden sich die Engel schließlich an Charles Müller, einen Kellner in einer Irrenanstalt:

„Nein, Charles Müller war ein ganz harmloses, gütiges Subjekt, das von Krieg wirklich nur sagen konnte: – er habe nichts gegen ihn, – auch nicht gerade viel für ihn, aber immer mehr für als gegen ihn.“ (S. 39)

In diesem satirisch-überzeichneten Text zeigt Brod die Surrealität menschlichen Handelns auf, dass häufig aus einer Laune heraus dazu in der Lage ist, ganze Weltbrände zu entfachen und der Rationalität vollends zu entsagen.

National-chauvinistische und imperialistische Denkmuster waren es, die die Großmächte dazu brachten, den Weg der Vernunft zu verlassen und sich gegen jegliche Strömungen innerhalb der Gesellschaften zu erheben. Über die Köpfe der Bevölkerung hinweg planten etwa die Deutschbalten, die Gebiete zu einem Kronland zusammenzufassen und unter den Schutz des Deutschen Reichs zu stellen (S. 16). Innere Widerstände und der Kriegsverlauf brachten diese Pläne jedoch nicht zu einem Ende, vielmehr rutschte die alte Ordnung nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags in eine Phase der Instabilität in ganz Europa.

Aufbruch ins Ungewisse

Zwischen 1918 und 1920 war die Frage nach dem rechtlichen Status der Stadt Danzig völlig unklar. Erst zwei Jahre nach Beendigung der Kampfhandlungen erreichte die Stadt an der Ostsee ihren Status als Freie Stadt. Doch nicht ohne damit einen Keil zu treiben zwischen die deutsche und polnische Bevölkerung, die beide gleichermaßen die Führung für sich beanspruchten (S. 6f.). Gleiches galt für die Entwurzelten des neugeschaffenen Dreiländerecks. Ab 1922 standen sich die einstmals durch enge wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen verknüpften Gruppen per Friedensvertrag als Rivalen im Kampf um ökomischen und sozialen Fortschritt gegenüber. Trotz eindeutiger Abstimmungsergebnisse wurden bspw. die Städte Kattowitz/Katowice und Königshütte/Chorzów dem neuen Staat Polen angegliedert (S. 8f.). Die florierende Wirtschaft der drei Reiche in dieser Region war damit ad acta gelegt.

Danzigs Glanz stellt auch heute noch dar, wie wichtig die Stadt für die Pläne sowohl Deutschlands als auch Polens einst war. Foto: jenszhonk/Pixabay

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden diese Entwicklungen jedoch vollständig negiert. Hitler-Deutschland brachte sämtliche verlorene Gebiete erneut in seinen Besitz und zwang den Völkern Osteuropas die eigene, menschenverachtende Ideologie auf. In allen besetzten Teilen kam es zu Verfolgungen, Deportationen und massenhaften Morden, die das bereits angespannte Verhältnis der Bevölkerungsgruppen untereinander vollends kippen ließen.

Was folgte, ist hinlänglich bekannt. Speziell für die baltischen Staaten hatte die Besatzung durch und die Eingliederung in den Machtbereich der Sowjetunion tiefgreifende Folgen. Die Beziehung zwischen Esten, Letten und Litauern zu Russland ist immer noch problematisch. Auch die jüngsten Entwicklungen, sei es die gewaltsame Annexion der Krim durch Russland oder die starke Bindung Osteuropas an die NATO (mit allen dazugehörenden Nebengeräuschen wie Truppenstationierungen oder Manövern), haben nicht zu einer Entspannung der Situation beigetragen.

Erbe des Krieges bis heute spürbar

Die Texte in der aktuellen Ausgabe von „Blickwechsel“ geben darüber Auskunft, wie einstmals klar definierte Linien und friedliche, auf Prosperität und gegenseitige Achtung ausgelegte Wirtschafts- und Sozialbeziehungen zwischen den Bevölkerungen der ehemaligen Großmächte nach dem Ersten Weltkrieg zerstört und durch blinden Aktionismus nachhaltig beschädigt wurden. Auch die Gründungen der Staaten Polen, der Ukraine oder eben der baltischen Staaten standen unter dem Unstern der Rivalitäten der sozialen Gruppen und einem von vielen Seiten als enttäuschend empfunden Friedensvertrag (S. 48).

Die Krisen und Konflikte der nachfolgenden Zeit und die bis heute andauernden Rivalitäten sind Ausdruck dieser Zeit, die zwar schon 100 Jahre zurückliegt, jedoch nichts von ihrer Aktualität verloren zu haben scheint.

Bibliographische Angaben:

Blickwechsel. Journal für deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa. Schwerpunktthema: Zwischen Trauer und Triumph. Das Jahr 1918 und seine Folgen im östlichen Europa. Ausgabe 6. Potsdam, 2018.

Justus Makollus
Justus Makollus, Autor, Korrektor/Editor und Übersetzer der Baltischen Rundschau, hat Deutsche Literatur in Marburg, Deutschland, studiert. Neben dem Interesse an Kultur und Gesellschaft des Baltikums stehen insbesondere die politischen Besonderheiten und Entwicklungen Osteuropas im Mittelpunkt seiner Arbeit. Er ist freier Blogger (makollatur.wordpress.com) und lebt in Frankfurt/Main.

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