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An Ferdinand von Wrangel, den berühmten deutsch-baltischen Gouverneur von Russisch-Alaska, musste ich denken, als in letzter Zeit immer wieder in russischen Medien auf das ehemalige russische Alaska hingewiesen wurde.

So drohte der Vorsitzende der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, kürzlich den USA: „Alaska war mal Russland”.

Die Idee, der Verkauf Alaskas an die USA im Jahr 1867 müsse rückgängig gemacht werden, gehört bereits seit einiger Zeit zu den Themen des russischen Neoimperialismus. Insbesondere seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 wird die Rückgabe der Region von russischen Politikern und Meinungsmachern immer wieder thematisiert.

Ganz offensiv wird dabei der Zusammenhang zur Halbinsel im Schwarzen Meer hergestellt: „Wir haben die Krim zurückgeholt, ihr müsst Alaska zurückholen!“ lautet etwa die Inschrift in Russisch und Tatarisch auf einer 2016 errichteten Marmortafel in der Stadt Jewpatorija auf der Krim.

Auch ein Chor jugendlicher Kadetten sang 2017 in einem professionell produzierten Video davon, dass sie dereinst Alaska „in den Hafen der Heimat“ zurückführen würden. „Wir ziehen in die letzte Schlacht um die Krim und Alaska… …von den Kurilen bis zu den baltischen Küsten …

Wir ziehen in die letzte Schlacht um die Krim und Alaska. Kinder singen, dass sie bereit sind, in die letzte Schlacht zu ziehen – für die Krim, Alaska, „von den Kurilen bis zu den baltischen Küsten …“

Solchen revisionistischen Ideen liegt die populäre These zugrunde, bei dem 1867 ab- geschlossenen Geschäft sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen und Russland habe nach wie vor einen historisch und rechtlich begründeten Anspruch auf die Region. In zahllosen Dokumentationen, Artikeln, Büchern und Internetforen wird dieser Gedanke diskutiert.

Wie kam Russland überhaupt zu diesem Besitz auf dem amerikanischen Kontinent?

Was hat das für einen Hintergrund und wie kam Russland überhaupt zu diesem Besitz auf dem amerikanischen Kontinent?

Die Frage, ob es eine Landbrücke von Sibirien über den Nordpol nach Amerika über einen unentdeckten Kontinent „Arktika“ gibt oder mögliche Schiffswege von Sibiriens Osthäfen über die Datumsgrenze hin zu dem westlichen Kontinent, bewegte schon Zar Peter den Großen.

Zu diesem Zweck beauftragte er 1725 den dänischen Seemann Vitus Bering mit der Suche nach dem Seeweg nach Amerika, bzw. ob es doch eine Landbrücke gibt.

Es waren dann vor allem deutschbaltische Forschungsreisende und Wissenschaftler, die Sibirien und den Fernen Osten erkundeten.

Den Beweis, dass es die Nordost-Passage gibt, also einen Seeweg entlang der russischen Nordküste vom Pazifik in den Atlantik, erbrachte erst eine Expedition von Ferdinand von Wrangel, der von 1820 bis 1824 mit seinen Expeditionsteilnehmern das Land und das vereiste Meer mit Hundeschlitten erkundete und den Küstenverlauf kartierte. 1829 wurde er zum Gouverneur von Russisch-Amerika (Alaska) ernannt.

Ab etwa 1783 waren russische Niederlassungen auf dem amerikanischen Kontinent gegründet worden, die vor allem mit dem Pelzhandel Geschäfte machten („weiches Gold“).

Russisch-Amerika

Als Russisch-Amerika wurden das heutige Alaska sowie die russischen Besitzungen in Kalifornien (bis zum Jahr 1841) bezeichnet. Durch die 1799 als halbstaatliche Monopolgesellschaft gegründete „Russländisch-Amerikanische Kompagnie“ (ähnlich wie die brit. East India Company) war das Land dann im Besitz Russlands.

Der RAK gehörten sämtliche Gewerbebetriebe und Bodenschätze Alaskas, sie durfte selbstständig Handelsverträge mit anderen Staaten abschließen, verfügte über eine eigene Flagge und sogar über eine eigene Währung, die sog. „Leder-Mark“.

Obwohl in den Jahren russischer Herrschaft, niemals mehr als 900 Russen gleichzeitig in die überseeische Riesenkolonie abkommandiert waren, erweisen sich ihre fruchtbaren Verbindungen mit Landeskindern bis in die Gegenwart als haltbarer kultureller Kitt, vor allem durch die russisch-orthodoxe Kirche.

Alaska war die einzige Überseekolonie Russlands. Es gab zwar Versuche, sich auch weiter südlich an der Pazifikküste festzusetzen, im klimatisch günstigeren Kalifornien.

 Von 1812 bis 1841 betrieb Russland dort eine Niederlassung der RAK. Doch dieser südlichste befestigte Außenposten Russisch-Amerikas rechnete sich wirtschaftlich nicht und wurde 1841 an den legendären Schweizer Großgrundbesitzer Sutter verkauft, der es seiner Mexiko unterstehenden Privatkolonie Neu-Helvetien einverleibte.

Auch eine Expansion auf die Hawaii-Inseln war nur von kurzer Dauer. 1816 schloss der in russischen Diensten stehende Georg Anton Schäffer eigenmächtig, aber im Namen der russischen Krone, einen Protektoratsvertrag über die nördlichsten bewohnten Inseln von Hawaii mit dem hawaiischen Unter-König Kaumualii ab. Dieser Vertrag wurde allerdings vom Zaren abgelehnt und Schäffer 1817 zum Verlassen von Hawaii gezwungen. 1893 wurde Hawaii mit dem Sturz der letzten Königin in eine Republik umgewandelt und 1898 von den USA formell annektiert.

Der Verkauf Alaskas

Um den Verkauf Alaskas ranken sich viele Mythen. Vor allem, da für die knapp 1,5 Mill. km2 Land (dreimal so groß wie Spanien) nur 7,2 Mill. Gold-$ bezahlt wurden – pro qkm zahlten die Amerikaner also nicht einmal 4,74 Dollar!

Allein die Öl- und Goldvorkommen, die später in Alaska gefördert wurden, sind ein Vielfaches davon wert, aber davon konnte im 19. Jhdt. kaum einer etwas ahnen. Und die Kolonie zu verwalten, war für die Russen ein sehr aufwendiger Akt. Obwohl nur vier Kilometer die Große (russische) und die Kleine (amerik.) Diomedes-Insel trennen, war die Fahrt in die ferne Kolonie von Sankt Petersburg aus buchstäblich eine halbe Weltreise und dauerte mehr als ein halbes Jahr, egal ob um Kap Hoorn oder das Kap der Guten Hoffnung. Alles keine guten Voraussetzungen für den Erhalt der Kolonie.

Damals brachte Alaska eher Verluste für Russland und man brauchte Devisen, um den Bau der Eisenbahn voranzutreiben, die das riesige Zarenreich modernisieren sollte. Maßgeblich verantwortlich für der Sanierung und Modernisierung des russ. Staatshaushalts war damals der Finanzminister Michael v. Reutern. Ferdinand v. Wrangell hat sich vehement, aber erfolglos gegen den Alaska-Verkauf gewehrt. Die weitere Karriere ließ ihn bis zum Admiral und 1855 zum Marineminister aufsteigen. (Weitere Informationen über s. sehr interessante Leben (1797-1870) siehe: Wikipedia oder https://www.deutsche-biographie.de/sfz86201.html. Dazu kam: Russland war durch den Krim-Krieg geschwächt, den es zehn Jahre zuvor gegen das Osmanische Reich, Frankreich und Großbritannien verloren hatte. Auch spielte die Überlegung eine Rolle, dass Alaska mit einigen Hundert Mann unmöglich zu verteidigen wäre, wenn Großbritannien oder die USA Ambitionen entwickeln würde, sich das Territorium anzueignen. So lag es durchaus nahe, dass man an einen Verkauf Alaskas dachte. (Nicht endgültig gesichert ist, dass der Zar Alaska zunächst dem Fürsten von Liechtenstein angeboten hätte.)

Fünf Mill. $ setzte der Zar persönlich als Mindestgebot fest, doch sein Gesandter Baron Stoeckl war ein geschickter Verhandler: er schraubte den Betrag erfolgreich auf 7 Mill. $ hoch. Noch in der letzten Nacht legte der US-Außenminister Seward, ein glühender Expansionist, noch einmal 200.000 $ drauf, um den Deal endlich perfekt zu machen.

Foto: Schatzschein No. 9759 des US-Finanzministeriums vom 1. August 1868 über 7.200.000 $ (auf das Büro von Baron de Stoeckl ausgestellt und von den beiden obersten US-Finanzbeamten Francis E. Spinner und Noah L. Jeffries unterzeichnet.

Anfangs wurde Alaska von der US-Army verwaltet, dann vom Finanzministerium und von der Marine. Erst 1959 wurde Alaska 49. Bundesstaat (gleichzeitig Hawaii 50.)

Russland ist sich seiner „historischen“ Grenzen bewusst

In Alaska existiert eine Unabhängigkeitsbewegung (Alaska Independent Movement), deren Anhänger sich als Alaskaner statt als US-Amerikaner sehen und eine Sezession von den USA sowie eine unabhängige Republik anstreben.

Für eine „Entkolonialisierung“ auch von Hawaii sprach sich der russische UN-Funktionär Avotomonow aus. US-Präsident Obama (selbst auf Hawaii geboren) zeigte sich den Bestrebungen für mehr Eigenständigkeit gegenüber prinzipiell offen.

2015 schlug Pakistan beim UN-Menschenrechtsrat in Genf vor, dem Vorschlag des UN-Experten zur Förderung einer demokratischen und gerechten Weltordnung, Alfred de Zayas, zu folgen, der 2013 vorschlug, Hawaii und Alaska wieder auf die Liste der nicht-selbst-regierten Territorien (Non-Self-Governing Territories) zu setzen, von der sie 1959 unrechtmäßig gestrichen wurden. Übrigens hatte schon 1989 Libyens Revolutionsführer Gaddafi Alaska als Heimstätte für die Juden anstelle Palästinas vorgeschlagen.

Der Verkauf von Alaska war also eng mit der Geschichte der Krim verbunden. Denn eine Episode des Krimkriegs spielte sich auch im Nordpazifik ab: 1854 attackierten britische und französische Kriegsschiffe den Hafen Petropawlowsk auf Kamtschatka, was die Verwundbarkeit Russlands im Nordpazifik deutlich machte.

Einerseits sind die Forderungen nach einem russischen Alaska Gedankenspiele, andererseits wird die Region unter geostrategischen Aspekten in den kommenden Jahrzehnten an Bedeutung gewinnen. Und Russlands aktueller Krieg in der Ukraine zeigt, wie lebendig in Moskau das Denken in imperialen Kategorien ist; Russland ist sich seiner „historischen“ Grenzen bewusst. Daher werden Krim und Alaska immer wieder in einem Atemzug genannt (oder besungen).

Eine andere sehr interessante Verbindung gibt es noch zu den 7,2 Millionen

Es ist fast unbekannt, auch unter Historikern, dass genau diese Summe eine Rolle spielte bei den deutsch-sowjetischen Verhandlungen 1939-41 (Hitler-Stalin-Pakt).

Im Zusatzprotokoll des deutsch-sowjet. Grenz- und Freundschaftsvertrages vom 28.Sept. 1939 verzichtete Deutschland auf die Interessen bezüglich Litauen – mit Ausnahme des etwa 1.800 km² großen Suwalki-Zipfels, der sich an die Ostgrenze Ostpreußens anschloss und die südlichste Spitze Litauens gegenüber der polnischen Grenze darstellte.

Aber am 12. August 1940 schickte die Sowjetregierung ein langes Memorandum über ihr Interesse an der westl. Suvalkija und machte ein Angebot: 3.680 000 $, zahlbar in zwei Jahren oder den Gegenwert in Handelswaren.

Da die Sowjets entgegen der Abmachung auch Truppen in dem Gebiet stationierten, forderten die Deutschen jetzt einen bedeutend höheren Preis für das Überlassen des Gebietes. Am 29. Dezember sandte Ribbentrop ein Telegramm nach Moskau, worin er die von den Sowjets angebotene Verdoppelung kritisierte, weil dies der Summe entspräche, die 1867 die USA an Russland für Alaska bezahlt hätte.

Ribbentrop verlangte jetzt 13 Mill. $, Molotov hielt die Summe für übertrieben. Aber am 10. Januar 1941 erklärte sich Deutschland endgültig bereit, auf seine Ansprüche auf die westliche Suvalkija zu verzichten.

Moskau zahlte 7.200 000 Gold-$ in zwei Raten bis zum 11. April 1941, also noch vor dem vorgesehenen Angriff auf die Sowjetunion.

Das Gebiet wurde als „Süd-Ostpreußen“ am 15. August 1941 mit dem selbständigen „Bezirk Bialystok“ an Ostpreußen angegliedert, so dass der ostpreußische Gauleiter Erich Koch einen direkten Zugang zu seinem Reichskommissariat Ukraine hatte.

Bei dem Stichwort Suwalki sind wir wieder in der Gegenwart angekommen

Suwalki-Korridor

Denn seit einigen Jahren gibt es bei der NATO den Begriff „Suwalki-Lücke“.

Im Norden Polens bildet ein schmaler Landstrich direkt an der Grenze den Suwalki-Korridor. Er ist ca. 100 km lang (65 km Luftlinie) und verbindet die russische, hochmilitari- sierte Exklave Kaliningrad mit Belarus, Moskaus Hauptverbündetem.

Auf der anderen Seite des Suwalki-Korridors liegt Litauen. Die enge Landverbindung der baltischen Staaten zu den anderen NATO-Staaten gilt als geografischer Schwachpunkt.

Als „gefährlichsten Ort auf der Welt“ hat das Magazin „Politico“ die Suwalki-Lücke bezeichnet. Denn hier könnten NATO- Truppen auf Russlands Armee treffen.

1867 hat Russland gegen Geld auf ein Gebiet verzichtet, 1941 hat Deutschland gegen Geld auf ein Gebiet verzichtet – was kann man heute Putin anbieten, damit er zufrieden ist?!

Was würde der dreifache Weltumsegler Admiral Wrangel heute seinem Zar raten?

Hans-Dieter Handrack
Dr. Hans-Dieter Handrack ist ein deutscher Historiker.

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